Aufruhr um Verschwörungstheorien

16.09.2003

Auch wenn sie in vielem in die Irre gehen mögen, so sind die 11-9-Verschwörungstheoretiker Ausdruck eines wachsenden Misstrauens der Menschen in Politik und Medien

Der "deutsche" Hang zur 11-9-Verschwörungstheorie im Hinblick auf die Machenschaften der Bush-Regierung hat nach dem Erscheinen einiger Bücher und vornehmlich dem Umfrageergebnis, dass ein Fünftel der Deutschen es für möglich halten, dass die US-Regierung die Anschläge geplant haben könnte, Wellen der Erregung durch die deutschen Medien geschickt. Kein Wunder, dass die damit geschaffene Öffentlichkeit nun auch in den USA angekommen ist.

Die Leser - oder Zuhörer - mussten oder sollten viel glauben in dieser Schlacht der Worte und Bilder, bei der es wahrscheinlich über den aktuellen Anlass hinaus um grundsätzliche Positionierungen gegenüber neuen und alten Medien, gegenüber Experten, Regierungen und selbsternannten Aufklärern, gegenüber Wahrheit und Fälschung ging. Der von manchen ausgemachte Boom der Verschwörungstheorien hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass nun das Internet zum Massenmedium geworden ist. Themen können jetzt auch jenseits der traditionellen Massenmedien prominent werden, die Menschen haben nicht nur die Möglichkeit, an mehr Informationen denn je heranzukommen, sie haben auch eine Stimme bekommen, können eine alternative Öffentlichkeit von unten entstehen lassen und verbinden sich mit Gleichgesinnten: das Internet ist eine Maschine, die Minoritäten und Abweichungen verstärken kann. Die Menschen können mit dem Internet öffentlich ihren eigenen Fragen und Interessen nachgehen und dabei natürlich auch in die Irre gehen. Aber die Ankunft des Internet als eine neue Art der (globalen) Öffentlichkeit ist auf jeden Fall eine Demokratisierungsschub, den die Gesellschaften (und auch die herkömmlichen Medien) erst noch verarbeiten müssen ("Bloggen" im 18. Jahrhundert).

Das Misstrauen gegenüber der US-Regierung und ihren engen Verbündeten ist ja durchaus berechtigt. Die Propaganda oder strategische Kommunikation hat im Umgang der Bush- und der Blair-Regierung mit dem 11.9. und der daraus folgenden (Kriegs)Politik wohl für unsere Zeit ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Eine Gegenreaktion von unten gegenüber den Versuchen, den Menschen mit allen Mitteln eigene Interessen zu verkaufen und auf deren Kurzzeitgedächtnis zu setzen, musste auf die eine oder andere Weise erfolgen.

Und dass sich die Reaktion am 11.9. festmacht, ist auch nicht weiter verwunderlich, schließlich ist dies das Ursprungsereignis, das mit einem Schlag die Welt verändert hat und aus dem Bush und Co. für nahezu alles ihre fast schon eschatologische Rechtfertigung des alles heiligenden Kampfes zwischen den Guten und den Bösen, der Zivilisation und dem Chaos beziehen. Zudem lag der US-Regierung an der Aufklärung nicht viel, im Vordergrund stand und steht die Ausbeutung der Anschläge.

Virus des Konformismus

Die Menschen in den USA waren dank der verstummten Massenmedien, die um ihre Quote fürchteten und sich brav bis zum Irak-Krieg als wahrhaft eingebettete Hilfskräfte führen ließen, überwältigt. Auch wenn Behauptungen der Bush-Regierung von Anfang an nicht stimmten, so hämmerte sie diese den Menschen und den Medien ein. Nicht die Wahrheit überlebt schließlich - zumindest kurzfristig -, sondern die Haltung, die am glaubwürdigsten auftritt. Nicht umsonst glaubten 60 Prozent der Amerikaner, dass Hussein irgendwie hinter den Anschlägen vom 11.9. steckte.

Wer nicht vom Virus des Konformismus nach dem 11.9. angesteckt war, musste sich in den USA - aber nicht nur dort - klein machen oder verstummte. Die Verschwörungstheorien in Deutschland, Frankreich, Kanada und in den muslimischen Ländern, aber auch in den USA waren zu Beginn Akte des Widerstands gegen eine geschlossene und gewalttätige Welt, die endlich einen Feind gefunden zu haben schien, gegen den sich im Gleichschritt und ohne große gedankliche Anstrengungen vorgehen ließ. Allmählich erst wachte die Opposition auf, kam es zu distanzierteren Überlegungen, zu ersten Zweifeln, zumal als die Bush- und Blair-Regierung den 11.9. mit durchsichtigen Gründen und mit erpresserischem Gestus zum Anlass nahmen, gegen den Irak in den Krieg zu ziehen. Das hatte man zwar nur aufgeschoben und den Afghanistan-Krieg eingeschoben, richtig zermürbend war jedoch die monatelange Scheindiskussion, ob der Krieg noch vermeidbar sei. Jeder konnte wissen, dass die Bush-Regierung, egal was eintreten mochte, den Krieg führen wollte.

Seitdem ist die Welt in ein Phantasma eingetaucht und gedeihen die "Affen der Angst". Ganz unvernünftig ist Paranoia und allgemeines Misstrauen daher nicht. Dass die Menschen eintreten in eine Suche nach der Wahrheit und sie nicht mehr den staatlichen und medialen Autoritäten glauben, ist nicht nur verständlich, sondern auch notwendig, um aus der Vertrauenskrise herauszukommen, an der die Bush-Regierung und alle taktisch, realpolitisch agierenden Regierungen, aber auch manche distanzlosen Journalisten und Medien kräftig mitgewirkt haben. Mittlerweile ist allerdings nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den USA das Misstrauen aufgebrochen und werden die Lügen und Täuschungen aufgedeckt. Fatal mag geradezu sein, dass just die Regierung, die das Saddam-Regime als Apparatus of Lies bezeichnet hat, nun wegen der Propaganda und Desinformation selbst so bezeichnet werden kann. Eine ganze Flut von Büchern wie The Lies of George W. Bush. Mastering the Politics of Deception" von David Corn oder "Lies and the Lying Liars Who Tell Them" von Al Franken sind ebenso ein Indiz dafür wie die von MoveOn eingerichtete Website The Daily Mis-Lead. Allmählich erwacht die amerikanische Demokratie wieder zum Leben.

Wenn in Deutschland teilweise reichlich ungeschlacht und auch nicht besonders argumentativ auf die Verführer und Paranoiker losgeschlagen wird, die im Misstrauen gedeihen, ohne dieses aufzugreifen, wenn also von den angeblichen Aufklärern selbst wieder die undifferenzierten Schwarz-Weiß-Schablonen gebraucht werden, die sie den Verschwörungstheoretikern vorwerfen, dann werden das Misstrauen und der Glaubenskrieg eher noch gestärkt. Besonders durch demagogische und diffamierende Rhetorik ausgezeichnet hat sich der hier kaum investigativ agierende SZ-Journalist Hans Leyendecker. Die auch in Sippenhaft und Rassenhass steckende Logik, mit einem Schlag alle und alles aufzuspießen, wurde von ihm in bester Manier durchgespielt.

Gleichwohl, ein deutsches Phänomen ist die 11-9-Verschwörungstheorie nicht - und damit auch kein genuiner Ausdruck eines deutschen Anti-Amerikanismus (Der Skeptizismus gegenüber der offiziellen Erklärung des 11.9. verbreitet sich). Auch Amerikaner haben sie sich zu eigen gemacht. Oft genug sind die Elemente der deutschen oder französischen Verschwörungstheorien Importe aus den USA, wo die Menschen, nicht ganz ohne Grund, sowieso zu Verschwörungen neigen. Aber das spielte sich in den USA dank der beherrschenden Massenmedien eher im Untergrund, weit ab vom Mainstream ab. Möglicherweise führt der Reimport, den Newsweek nun mit dem Artikel von über die europäischen, besonders deutschen Verschwörungstheorien eröffnet hat, nun auch dort zu einer anderen Öffentlichkeit, während allgemein die Skepsis gegenüber der Bush-Regierung zunimmt.

Politische Unterhaltung und der Ernst der Lage

Stefan Theil, der allerdings auch Deutscher ist, präsentiert in seinem Newsweek-Artikel "9/11? It Never Happened. Across Europe, conspiracy theories are all the rage. Germany is the latest to be swept up by the craze" einen "praktischen Grund" dafür, dass die Verschwörungstheorien jetzt gedeihen: den Irak-Krieg. Die Bücher seien "auf dem Höhepunkt des hässlichen transatlantischen Streits über den amerikanischen Angriff auf den Irak" geschrieben worden. Natürlich wird dann - gut deutsch - kein Wort über die verbreiteten Lügengeschichten verloren, sondern lediglich darauf verwiesen, dass in der ebenso unerklärlichen Antikriegsstimmung irgendwie Verschwörungstheorien eine große Rolle im deutschen Denken gespielt hätten. Und dann kriegen auch hier einige deutsche "Mainstream-Medien" ihr Fett ab, weil sie sich wie der Spiegel trotz der kürzlichen Abrechnung auf böse Plots spezialisiert hätten.

In suggestiven Titelgeschichten wie Blut für Öl und Krieger Gottes beschrieb das deutsche Wochenmagazin Der Spiegel die US-Politik als eine Verschwörung, um die Welt zu beherrschen - gebildet und geführt in der einen Woche von der Ölindustrie und in der nächste von den rechten Christen. Diese Art der Hysterie kann über Nacht nicht verschwinden.

Dass die Verschwörungstheoretiker nicht vor der amerikanischen Botschaft in Berlin demonstrieren - tatsächlich eine interessante Beobachtung -, geht für ihn darauf zurück, dass für die meisten das alles nur eine Art der "politischen Unterhaltung" sei, die "interessanter und provozierender" ist als die "komplexe und auf viele Weise Furcht erregendere Wahrheit". Die Wahrheit scheint für den fürs amerikanische Publikum schreibenden Autor zu sein, dass schlicht die Geheimdienste bei der Verhinderung der Anschläge versagt haben. Die Rettung würde also bei einer Verbesserung der Geheimdienste liegen, was anscheinend für Theil ohne Beeinträchtigung der Bürgerrechte möglich wäre.

Immerhin hat er aber auch eine durchaus eigenwillige Erklärung für den plötzlichen Medienangriff auf die Verschwörungstheorien und - theoretiker in Deutschland. Die amerikanische Politik ist ins Strudeln gekommen, im Irak herrscht Chaos, in Afghanistan kehren die Taliban zurück, Konflikte köcheln mit Nordkorea und dem Iran. Solange die US-Regierung irgendwie mit ihrer Politik Erfolg zu haben schien, sei es schön und lustig gewesen, über die amerikanische Perfidie zu spekulieren, jetzt aber wird auch Europa mehr und mehr in das von der US-Regierung hinterlassene Schlamassel hineingezogen. Und da werden nun plötzlich neben den deutschen Politikern auch die "Mainstream-Journalisten" endlich ernsthaft und verbannen alle Spinnereien:

Aber jetzt müssen harte Entscheidungen mit der Aussicht gefällt werden, dass Europäer zunehmend in die Schwierigkeiten Amerikas im Ausland einbezogen werden. Das erklärt vielleicht, zumindest für Deutschland, warum Mainstream-Journalisten und Politiker schnell reagiert haben, um die Spinner anzuprangern. Selbst Der Spiegel, der normalerweise offen für eine oder zwei Verschwörungstheorien ist, veröffentlichte letzte Woche eine ungewöhnlich ernste Titelstory, um sie zu entlarven.

Aber das ist schon eine sehr eigenwillige Interpretation der Dinge, die selbst schon fast wieder an eine Verschwörungstheorie erinnert.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (357 Beiträge) mehr...
Anzeige

Müssen bald skeptische Deutsche in die USA auswandern?

Schon lange in Deutschland gestellte, mittlerweile aber verpönte 11.9.-Fragen werden nun auch in den USA gestellt

Offene Fragen

Truth Alliance international - Bei der 9/11 Tagung in Berlin ging es vor allem um Solidarität

Zwei Jahre nach 9/11

Auch nach zwei Jahren ist kein wahrer Schuldiger gefasst - und es tobt eine Schlammschlacht gegen "Verschwörungstheorien"

Die Prediger kommen

Das Konspirologengetue zu 9-11 nimmt quasireligiöse Züge an

Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Vergiftete Beziehungen

Männer oder Frauen: Wer hat recht?

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.