Schönheitsfehler in der heilen Hörfunkwelt

Falk Lüke 17.09.2003

Perfekt geschulte Sprecher, perfekt gefahrene Sendungen - perfekt erlogenes Radio?

Durch das Live-Erlebnis ist das Medium "Radio" groß geworden. Das sicherlich legendärste: Herbert Zimmermanns unverwechselbare Livereportage des "Wunders von Bern" 1954. Die Wandlung des Radios vom ausschließlich öffentlich-rechtlichen Informationsradio zu Chart-Hit-Radio-Formaten hat auch der letzte Hörer spätestens mit dem Aufkommen der Privaten in den späten 80ern und frühen 90ern bemerkt. Das Formatradio hat vor allem eine Maxime: Durchgestylt und unterhaltend muss es sein, der Hörer soll sich berieseln lassen. Zyniker nennen es nicht umsonst den "Bügelfunk". Mitgebracht hat das Formatradio auch die perfektionierten Sendeabläufe: Jeder kleine Bruch gegenüber dem Sendekonzept wird vom Hörer bewusst oder unbewusst wahrgenommen.

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Die Professionalität der Moderationen ist dabei nicht auf das Fehlen von Versprechern und "Sendelöchern" beschränkt. Immer mehr der Charthitradios senden Moderationskonserven. Das spart Zeit, Geld und der Hörer bemerkt den Unterschied angeblich nicht. Voice Tracking, in den USA seit Jahren verbreitet, hält vermehrt Einzug in die deutsche Radiowelt: Dabei wird entweder eine komplette Sendung mit Musiktiteln, Moderationen, Musikbetten, Jingles und Drop-Ins voraufgezeichnet oder nur die Moderation aufgezeichnet.

Die Produktionstechnik hat sich von den alten Bandmaschinen verabschiedet: Voll digitalisierte Selbstfahrerstudios bestimmen das Bild. Die Stimmen der Moderatoren werden via Kompressor dem gewünschten Klang des Senders angepasst. Für die perfekte Ausnutzung der Ramps sieht der Moderator den Backtimer laufen - um in dem Moment mit der Moderation fertig zu sein, in der der Sänger loslegt. Die fortgeschrittene Digitalisierung eröffnet Radiostationen, die Voice Tracking benutzen, ungeahnte Möglichkeiten: Der Moderator spricht "trocken" seine Moderationen ein, den Mix der Sendung mit den verschiedenen Elementen übernimmt ein Techniker.

Allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen buhlen über 50 Radiostationen um die Gunst der Hörer. In der Radio Prime Time am Morgen geht es für die Sender um bares Geld: Eine hohe Quote in der Media-Analyse verspricht die Werbekunden, die vor allem Privatradiosender so dringend brauchen. Anders als die öffentlich-rechtlichen Sender finanzieren sie sich über Werbekunden, und diese sind in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation schwer zu bekommen. In der Musik unterscheiden sich die Radiosender kaum, das Format bestimmt die Playlisten. Bleiben die das Programm gestaltenden Elemente: Nachrichten und Moderationen.

Die Nachrichten sind eher ungeliebtes Zugeständnis an den Hörerwunsch und haben wenig Einfluss auf die Zuhörerzahlen. Die Moderationen hingegen sind das, was den Charakter eines Radiosenders ausmacht. Topmoderatoren sind selten und für die Sender teuer, kleinere Stationen haben keine Möglichkeit ihre besten Moderatoren zu halten. Die Austauschbarkeit der Moderationen innerhalb des Formates ist dabei Feature und Problem zugleich: "Die beste Musik von gestern und morgen" ist Dienstags und Mittwochs gleichermaßen wahr oder unwahr wie auch die grandiose, in der Frühschiene beliebte Feststellung "Die Sonne geht über der Stadt auf." Würde sie es einmal nicht tun, würden die Radiosender mit Voraufzeichnungen wohl unangenehm auffallen.

Der Markt für Spitzenmoderatoren ist klein und die besten Stimmen sind gefragt. In der für die Sender so wichtigen Frühschiene wird entsprechend bezahlt, so dass die kleineren Stationen sich zu diesen Zeiten keine Top-Sprecher leisten können. Und auch Radiomoderatoren stehen ungern noch früher auf als notwendig. Da bietet sich für beide Seiten die Alternative in Form der Voice Tracking-Vorproduktion an. Die Berliner Zeitung fand heraus, dass in Berlin die Radiostationen vor allem Nachts komplett auf die billige Voice Tracking-Methode umgestiegen sind. So wird stundenlang aus der Konserve gemischt, wo früher nur einzelne Magazine oder Programmteile voraufgezeichnet waren.

Dabei tun sich die Radiosender mit diesem Vorgehen auf Dauer keinen Gefallen: Den Hörern darf man es nicht sagen, die Moderatoren klingen zwar gut, kosten aber entsprechend. Dem Moderatorennachwuchs, den die Verschleißbranche Radio immer braucht, fehlen die Übungsmöglichkeiten "On Air". Für die Topmoderatoren ist es eine gute Verdienstmöglichkeit. Doch spätestens, wenn man auf zwei verschiedenen Webstreams den gleichen Moderator unterschiedliche Sendungen moderieren hört, ist es mit der Hörerbindung endgültig aus. In Nordamerika wird die Technik von vielen Hörern abgelehnt: Der Lokalcharakter der Stationen ginge verloren, die Hörer würden über den Status belogen - als Gegenbewegung zum Voice Tracking gibt es dort den Trend zurück zur betonten Livemoderation Mit echten Anrufern live auf der Antenne, mit echten Gästen live im Studio. Und einem körperlich anwesenden Moderator.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15657/1.html
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