Späte Gerechtigkeit

Peter Nowak 18.09.2003

Staatsanwaltschaft von Genua erhebt Anklage wegen Misshandlung von Globalisierungskritikern

In Deutschland sind die staatlichen Gewaltexzesse der italienischen Polizei gegen Globalisierungsgegner während des G8-Gipfels in Genua im Juli 2001 weitgehend vergessen (Folter in Genua?). Nicht so in Italien. Denn nach mehr als zwei Jahren hat die Staatsanwaltschaft am 12. September gegen 72 Polizisten, leitende Beamte und Angehörige des medizinischen Personals Anklage erhoben. Ihnen wird die Bedrohung und Verprügelung wehrloser Demonstranten vorgeworfen. Damit sind mehr als zweijährige Ermittlungsarbeiten beendet.

  • drucken
  • versenden
Auch in Deutschland wurden vor einigen Monaten mehrere von den Misshandlungen Betroffene als Zeugen vernommen. 43 Personen sind wegen der Misshandlungen von Demonstranten in der Polizeikaserne Bolzaneto angeklagt, 27 wegen des Überfalls auf Diaz-Schule in Genua, wo Globalisierungskritiker im Schlaf von der Polizei überfallen und schwer verletzt wurden. Drei weitere Anklagen wurden wegen des Überfalls auf die angrenzende Pascoli-Schule erhoben, in der sich das Medienzentrum der Protestbewegung befunden hat.

Unter den Angeklagten befinden sich der ehemalige Chef des Servizio Centrale Operativo Francesco Gratteri, der Vize-Direktor der "Anti-Terroreinheit" Gianni Luperi und der ehemalige Kommandant der Polizeispezialeinheit Digos in Genua Spartaco Mortola. Die Beschuldigten haben jetzt 20 Tage Zeit, um zu der Anklageschrift Stellung zu nehmen. Danach werden die Justizbehörden entscheiden, ob dem Antrag der Staatsanwaltschaft stattgegeben wird.

Die Anklageschrift hat unterschiedliche Reaktionen in Italien ausgelöst. Die Polizeigewerkschaft nimmt die beschuldigten Beamten in Schutz und fordert eine Untersuchungskommission. Auch Innenminister Giuseppe Pisanu von der Berlusconi-Partei Forza Italia stellte sich hinter die Polizei und sprach im Zusammenhang mit den Anklagen von bedauerlichen Einzelfällen.

Die der undogmatischen Linken angehörende globalisierungskritischen Disobbedienti hingegen monieren in einer Presseerklärung, dass lediglich Polizisten, nicht aber auch Politiker angeklagt werden. Der Sprecher der No Globals Francesco Caruso erinnerte daran, dass sich nach Aussagen zahlreicher Augenzeugen der Vizepräsident Gianfranco Fini von der postfaschistischen Regierungspartei Alleanze Nazionale während der Polizeiaktionen in der Einsatzzentrale der Carabinieri aufgehalten hatte.

Der Vater des am 20.Juli in Genua von der Polizei erschossenen Demonstranten Carlo Giuliani (Wer erschoss Carlo Giuliani?) forderte eine Wiederaufnahme des Verfahrens auch in diesem Fall. Dem für den Tod des jungen Globalisierungskritikers verantwortliche Polizist wurde Notwehr bescheinigt. Zu einer Anklage kam es nicht.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15661/1.html
Kommentare lesen (31 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Angriff auf unbequeme Journalisten in Genua

Polizei stürmte das Indymedia-Zentrum

Genua: "Diese Dinge geschehen"

Eskalation und Normalisierung polizeilicher Gewaltexzesse

Schockierende Einzelheiten über das brutale Vorgehen der italienischen Polizei

Berichte von Misshandlungen, Grüne fordern eine unabhängige und internationale Untersuchungskommission

Wenn das, was uns in Genua passiert ist, ohne politische Konsequenzen bleibt, hat das Folgen für jeden in Europa

Interview mit einem der so genannten Globalisierungsgegner: Tobias H. demonstrierte friedlich in Genua und wurde als angeblicher Gewalttäter festgenommen

Es geschah in Genua

Das Projekt Memoria will an die Polizeiübergriffe gegen Globalisierungsgegner erinnern

Italienische Hackergruppe festgenommen

Nach Massenhacks während des G8-Gipfels kam die italienische Polizei auf die Spur der Hackergruppe "Hi-tech hate"

Telepolis Gesprä

Richtig Wählen

Was tun bei den anstehenden Bundestagswahlen: Wählen, Abwählen, Protestwählen, Nichtwählen? Prof. Dr. Armin Nassehi und Prof. Dr. Joachim Behnke über die im neuen Kursbuch 174 gestellte Frage: Wer wählt wen und warum?

Telepolis, die Bayerische Amerika-Akademie und der Murmann Verlag laden ein am 10. Juni um 19:30 Uhr in das Amerika Haus in München.

bilder

seen.by


TELEPOLIS