Ein Laboratorium von globaler Bedeutung

24.09.2003

Die Ausstellung "Territories" über die israelische Raumpolitik hat ihre Pforten geschlossen. Telepolis sprach mit den Machern über die öffentlichen Reaktionen

Vom 1. Juni bis zum 7. September fand an den Kunst-Werken in Berlin die Ausstellung "Territories" statt. Telepolis berichtete ausführlich darüber (Cold Space War sowie Macht der Geografie). Thema der Schau, aber auch des Readers war es zu zeigen, wie scheinbar neutrale Medien wie "Architektur" und "Stadt- oder Raumplanung" gezielt als "Instrument und Waffe" (Carl Schmitt) für die Durchsetzung bestimmter politischer, territorialer und ideologischer Ziele, Ansprüche und Interessen gebraucht und eingesetzt werden.

Die Siedlung Yakir. Foto

Exemplifiziert und dargestellt wurde eine solche Politik vor allem an der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und im Gaza-Streifen, wo infrastrukturelle Maßnahmen (Verkehrssysteme, Kanalisation, Wasserversorgung, Elektrizität ...), bauliche Anordnungen (ringförmige Burganlagen, Mauerbau, Wehrtürme ...) und sicherheitstechnische Vorkehrungen (Bewegungsmelder, Infrarotlicht, Videoüberwachung, Minen, Straßensperren, Grenzkontrollen ...) zur Separierung der beiden Ethnien strategisch eingesetzt werden, um den physischen, sozialen und kulturellen Raum Palästinas geografisch neu zu vermessen.

Mit Giorgio Agamben, der das "Lager" (verbotene Zonen, rechtsfreie Räume) inzwischen als biopolitisches Paradigma des Westens bezeichnet, könnte man hier von einem "Laboratorium" für eine neue Raum- und Biopolitik sprechen, die in den "Lebensraumpolitiken" des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ihre ersten Vorläufer hatte. Medientechnisch bemerkenswert und relevant an den gezeigten Videos, Bildern und Installationen ist, dass die Raum nehmende Macht, in diesem Fall Israel, mittelalterliche Wehrtechnik (Trutzburgenbau, Zitadellen) mit Hightech-Waffen (EDV-Überwachung, GPS) verbindet, um territoriale Ansprüche durchzusetzen.

Wir sprachen mit Anselm Franke, einem der Kuratoren der Ausstellung, und der Pressesprecherin Maike Cruse über das öffentliche Echo, das die Schau beim Publikum, den Medien und den betroffenen Parteien gefunden hat.

Wie hat das Publikum auf die Ausstellung reagiert? Sind Sie mit der Resonanz, die die Ausstellung gefunden hat, insgesamt zufrieden?

Maike Cruse: Da wir keine Umfragen durchführen, kann ich nur aufgrund von Gesprächen und Führungen mit Besuchern urteilen. Hier waren die Reaktionen sehr positiv. Die Besucher waren unglaublich interessiert, oft habe ich gehört, dass die Informationen den Besuchern neu sind und sie die Problematik noch nie derartig anschaulich dargestellt gesehen haben. Ich habe das Gefühl (auch dies kann ich nicht statistisch nachweisen), dass wir bei dieser Ausstellung ein neues Zielpublikum erreichen konnten. Die Ausstellung wurde auf jeden Fall im Vergleich zu anderen Ausstellungen sehr gut besucht (dies ist statistisch belegt).

Der umstrittene israelische Sicherheitszaun. Die rote Linie markiert die bereits fertig gestellten Abschnitte. Karte

Und mit dem öffentlichen Echo, sprich Presse, Rundfunk und Fernsehen? Denn wenn ich das richtig verfolgt habe, dann hat nur ein Teil der überregionalen Presse sofort darüber berichtet, ein anderer nur sehr spät und auch zögerlich, und ein anderer Teil hingegen überhaupt nicht.

Maike Cruse: Wir waren mit der Presseresonanz sehr zufrieden. Für unsere Verhältnisse wurde sehr viel über die Ausstellung berichtet, da wir nicht nur einen großen Teil der üblichen regionalen und überregionalen Feuilletons abgedeckt haben, sondern auch Architekturzeitschriften sowie Zeitungen wie "Aufbau", "Palästina Journal" oder "Konkret", also Medien, die wir sonst nur selten erreichen. Spät kamen die Berichte meist eher aus Platzgründen in den Feuilletons. Als zögerlich würde ich dies nicht bezeichnen, da die Artikel durchweg positiv waren. Kritisiert wurden nur Punkte wie die englischen Wandtexte, die wir nach ein paar Wochen durch deutsche ergänzt haben, oder die nicht vorhandenen Sitzmöglichkeiten. Die Ausstellung wurde eher als "Bestandsaufnahme" gesehen und sehr gut beurteilt.

Im Vorfeld der Ausstellung musste Eyal Weizmann, Architekt, Autor und Mitkurator der "Territories", wegen der "Politics of Verticality" massive Kritik einstecken. Ihm wurde vorgeworfen, keine Architektur, sondern Politik zu machen. Hat dieser Vorwurf während der Ausstellung noch irgendeine Rolle gespielt?

Anselm Franke: Nein, dieser Vorwurf hat in dieser Form keinerlei Rolle mehr gespielt. Die Ausstellung zeigte ja gerade die Verflechtung von Politik, Ästhetik und Architektur auf - die ganze Ausstellung handelt insofern ja von nichts anderem als von dem erwähnten Vorwurf, er ist sozusagen ihr Thema: Politik und Architektur.

Wie haben denn die Betroffenen auf die Bilder, Texte und Installationen der Ausstellung reagiert, beispielsweise Palästinenser-Organisationen und die Jüdischen Gemeinden?

Anselm Franke: Es gab auf lokaler Ebene keinerlei öffentliche Stellungnahme, wofür es mehrere Gründe geben könnte. Es ist auch von unserer Seite bewusst nicht der Versuch gemacht worden, die lokale Komponente, die zum Teil nicht unproblematisch ist, hervorzuheben. Die Berliner Zeitung (Kann eine Brücke rassistisch sein?) hat diese Strategie ja auch betont. Es ist eindeutig, dass die jüdische Gemeinschaft in Berlin über diesen Gegenstand gespalten ist, wie ja die israelische Gesellschaft auch. Die Frage der "Occupied Territories" ist eine Bekenntnisfrage. Es gab intern jede Menge Reaktionen beider Seiten, überwiegend sehr positiv was die Qualität der Präsentation in Bezug auf ihre Streitbarkeit angeht.

Die Siedlung Ginot Arieh. Foto

Was könnten denn die Gründe sein, dass man sich einer öffentlichen Stellungnahme entzog?

Anselm Franke: Die Ausstellung spricht ja durchgehend von "Facts on the Ground", das ist nicht gerade ein Angebot an eine Debatte. Das Gezeigte lässt an sich wenig Spielraum für eine "Verhandlung" - nur in der Frage der über die Thesen der Ausstellung hinaus führenden Interpretation wäre eine solche überhaupt denkbar. Es gab ja durchaus auch Kritik, die dieses Dilemma aufzeigt: Von israelischer Seite, dass eine solche Ausstellung nicht von den Siedlungen sprechen könne, ohne vom Terror zu sprechen. Von palästinensischer Seite wurde kritisiert, dass, wenn auch durchaus kritisch, nur aus israelischer Seite argumentiert wurde. Der extremste Vorwurf kam von einem palästinensischen Filmemacher, der behauptete, ich würde die Besatzer und deren Politik glorifizieren. In der Tat macht die Ausstellung ja klar, dass diese Politik und diese "Architektur" alles in allem überaus effektiv ist. Sie spricht bewusst nicht von der Gegenseite, dem Terror, den das wäre die Darstellung einer Symmetrie, die faktisch keine ist.

Ich kann die Gründe für eine nicht stattgefundene Stellungnahme nicht benennen, denke mir aber, dass ein Bewusstsein der Probleme, die diese Ausstellung argumentativ aufwirft, eine Rolle gespielt haben könnte. Es hätte also entweder eine Debatte über den "Ort" (ist Berlin ein angemessener Ort für diese Debatte?) werden können, was aber mit dem Inhalt der Ausstellung und ihren Thesen wenig zu tun gehabt hätte, oder aber um die politische Interpretation des Gezeigten, also etwa, ob die Siedlungen nicht doch einfach nur der Sicherheit Israels dienen. So unbestritten zentral der Sicherheitsdiskurs ist, der ja innerhalb der Logik diese Konflikts tatsächlich ein existentieller ist, so eindeutig ist er gleichzeitig auch ein rhetorisch vermintes und propagandistisch durchsetztes Terrain. Man hätte also in jedem möglichen Fall einer kontroversen Debatte mit dem Problem zu kämpfen gehabt, dass jedes Argument am konkreten Fall, der in der Ausstellung aufzusuchen gewesen wäre, debattiert und verifiziert hätte werden müssen.

Ein anderer Aspekt scheint mir hier noch von Bedeutung, er betrifft wiederum den "Ort", aber im Sinne des Kontextes, in dem eine solche Recherche mit politischem und ästhetischem Anspruch gezeigt wird: dem Kunstsystem. Ist das der angemessene Rahmen? An wen ist das Gezeigte hier adressiert? Hebt sich der politische Anspruch innerhalb dieses "handlungsentlasteten" Rahmens selbst auf? Wer ist in das Gezeigte wie involviert und welche Modelle von Involvierung werden dabei repräsentiert? Es gab von kuratorischer Seite durchaus Antworten auf diese Fragen, allerdings muss man auch selbstkritisch fragen, ob sich das einlöst und welche Wirkung es zeitigt, ob der institutionelle Rahmen mit seinen Mechanismen nicht per definitionem die Teil-Lösungen dominiert, die in der Ausstellung als Antwort auf diese Probleme gefunden werden, und den Inhalt so de facto instrumentalisiert. Ich bin in dieser Frage, die ja die öffentliche Reaktion gerade auch direkt Betroffener durchaus betrifft, gespalten.

Sichtkontrolle von der Siedlungsfestung. Foto. Katalog Territories

Hat es Sie überrascht, dass die Projektierung einer Ausstellung zum "Mythos" der RAF für mehr Aufregung und Entrüstung in den Prints und Screens gesorgt hat als die jetzige Ausstellung zur Okkupation des Westjordanlandes durch den Staat Israel?

Anselm Franke: Dazu muss man sich die Voraussetzungen für eine solche Debatte anschauen, die Debatte über die RAF-Ausstellung stellt ja hauptsächlich eine Projektionsfläche dar (Wiederauferstehung des RAF-Gespenstes). Dazu hat sich "Territories" nicht wirklich geeignet, höchstens in dem Sinne "Darf man das?". Auch hier ist der thematische Fokus allerdings relevant: Die Ausstellung spricht nicht von Haltungen, sondern von Fakten und deren Darstellung (und Darstellbarkeit). Auf eine solche Debatte im Sinne der RAF hatten wir es aber durchaus nicht abgesehen, es war wichtiger, einen bestimmten Begriff von Raumplanung zu etablieren und zu kritisieren. Und in diesem Sinne haben auch alle großen Zeitungen geschrieben. Es gibt zwar einen ganz eindeutigen Willen in den KW, Ausstellungen mit politischem Gehalt zu entwickeln, wir wollen aber durchaus keine Skandalfabrik sein. Ich erwähne das, weil man "Territories" sicherlich provokanter platzieren hätte können, wenn man gewollt hätte.

Was, glauben Sie, sind die Gründe dafür? Immerhin behandeln ja beide Ausstellungen, je für sich betrachtet, problematische oder "wunde" Punkte in der jüngeren deutschen Vergangenheit.

Anselm Franke: Zum Thema Vergangenheit: Es ist richtig, auch "Territories" steht irgendwie in diesem Zusammenhang, aber über den Umweg einerseits der Deutschen Geschichte und andererseits des Umgangs der Linken mit diesem Thema. Direkt thematisiert hat die Ausstellung das nicht. Sie hatte einen Schwerpunkt, zusammen mit der These, dass es sich bei der Situation in der West Bank um ein "Laboratorium" von globaler Bedeutung handelt (was nicht nur Raumpolitik, sondern auch das Konzept des "Low intensity warfare" betrifft, unter anderem gezielte Tötungen etc.).

Diese These ist aber zu keinem Zeitpunkt identitätspolitisch untermauert worden, sondern rein aus der Perspektive einer politischen Kritik. Dem zugrunde liegt ein rein sachliches Interesse, ich hatte nicht im Sinn, die Geschichte der Kritik der deutschen Linken bzgl. Israel besonders zu berücksichtigen, das wäre vorwiegend eine Beschäftigung mit sich selbst, wie gehabt. Wir haben versucht, aus einer Perspektive jenseits dieser Identitätsmodelle zu agieren. Konkret: Die Perspektive, aus der die Ausstellung argumentiert, ist eine strategische, so wie der Raum, von dem die Ausstellung spricht, ein strategischer, fragmentierter Raum ist, der auch die ihm zugehörigen Subjektivitäten überwiegend militärischen Logik folgend organisiert. Um Möglichkeiten jenseits dieser militarisierten Ordnung zu imaginieren, muss man sich erstmal den Gründen ihrer Effektivität bemächtigen, ohne sogleich nach Identität zu fragen. Die Frage ist doch, wie (und in was) involviert ist derjenige, der ein militärisches Szenario entwirft?

In der Vorankündigung zur Ausstellung war davon aber noch die Rede. Ich zitiere: "Die Frage nach der Organisation des physischen und sozialen Raums zielt in das Zentrum des Konfliktes zwischen Raum- und Identitätspolitik und der Verknüpfung dieser Komponenten."

Anselm Franke: Die Ausstellung selbst spricht von Identitätspolitik bewusst nicht explizit. Dort, wo sie es doch tut, geschieht das sehr gezielt und differenziert, im Sinne von den "medialen Territorien" in einer Arbeit wie der von Eran Schaerf. Natürlich gilt der obige Satz trotzdem. Die Konzentration auf physische Organisation eröffnet ja erst diesen entsprechenden Reflexionsraum, in dem mit der entsprechenden Distanz über Identitätspolitik nachgedacht werden kann, ganz konkret auch an Beispielen, der Bedeutung von "Landschaft" oder Interviews mit Architekten, die in der Ausstellung zu finden sind.

Identitätspolitik findet immer im Raum statt und wird dort wirksam. Im begleitenden Buch: "Territories, Islands, Camps and Other States of Utopia (Walther König Verlag, 2003, 30 Euro) wird das ja auch noch einmal in einer ausführlichen Analyse der Neukartierung des Balkan durch David Campbell verdeutlicht. Das wesentliche Merkmal von Identitätspolitik ist ja, dass Fragen der Identität politisch instrumentalisiert werden, in dem beide kurzgeschlossen werden und eine scheinbar zwingende Logik behauptet wird. Diese Logik wird durchbrochen durch die "einseitige" Konzentration auf Fragen der Organisation von Raum. Streitbar bleibt dabei nur, wie weit man gehen möchte in der Annahme, das gesellschaftliche Zusammenhänge und Machtverhältnisse sich im Raum abbilden und wie sie das tun.

Was passiert jetzt mit der Ausstellung "Territories"?

Anselm Franke: "Territories" wird als Ausstellung einerseits international reisen (zunächst nach Holland, Witte de With), andererseits wird das darin angelegte Programm weiterentwickelt. Im August 2004 wird es eine erweiterte Ausstellung mit dem Titel "Islands" in Johannesburg geben. Unter dem Blickwinkel der globalen Fragmentierung territorialen Raumes wird diese sich dem speziellen Phänomen "territorialer Inseln" unterschiedlichster Qualitäten widmen, ob im Kontext von Souveränität und internationalem Recht, Ökonomie oder eben auch neuer Formen von Identitätspolitik. Geplant ist zu einem späteren Zeitpunkt speziell die dafür entstehenden Produktionen zu Afrika wieder in Europa und auch in Berlin zu zeigen.

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