Das Galileo-Syndrom oder: ein Ende mit Missverständnissen

Christian Gapp 25.09.2003

Ein kleiner Irrflug durch die jüngere Raumfahrtgeschichte

Am letzten Sonntag ist die NASA-Raumsonde Galileo nach vierzehn Jahren Dienstzeit planmäßig in der Jupiteratmosphäre verglüht. Sie hatte den Jupiter 34 mal umrundet und dabei zahlreiche seiner Trabanten mehrmals vermessen können. Eine Fülle von Messdaten kam so innerhalb von acht Jahren zustande, weitaus mehr, als frühere Raumsonden liefern konnten, die nur am Jupiter vorbei geflogen waren, um danach in der Tiefe des Alls zu verschwinden. Dennoch waren die angeblich großen Überraschungen, die manche Kommentatoren Galileo zuschrieben, schon von den Vorbeifliegern gemacht worden. Angesichts des Erfolgs scheinen auch die negativen Wechselwirkungen vergessen zu sein zwischen der bemannten Raumfahrt und den unbemannten Forschungssonden.

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Start des Space Shuttle Atlantis mit der Sonde Galileo am 18. Oktober 1989. Bild

Pioneer 10 und 11, Voyager 1 und 2 und nun Galileo. Galileo reiht sich nahtlos in die Liste der ausgesprochen erfolgreichen Sonden ein, die seit den frühen 70er-Jahren den Jupiter erforscht haben. Nicht nur laut Plan dauerten die Missionen sehr lange, sie wurden jeweils sogar deutlich länger durchgeführt, als ursprünglich geplant war. Die Signale der beiden Voyager-Sonden werden sogar heute noch empfangen, 26 Jahre nach ihren Starts. Galileo hielt sechs Jahre länger durch als vorgesehen. Fast vierzehn Jahre war die Sonde nun insgesamt unterwegs, bevor sie am letzten Sonntag in der Jupiteratmosphäre geplant verglühte.

Gestartet wurde die NASA-Sonde Galileo am 18. Oktober 1989. Das liegt schon lange zurück. Von den ersten ernsthaften Konzepten für die Mission ist bis heute fast ein Vierteljahrhundert vergangen, die Auswertung der Daten wird ebenfalls noch Jahre in Anspruch nehmen. Eine einzige Raumsonden-Mission füllt so die Dauer eines ganzen Forscherlebens aus. Allein dies deutet auf die wahrlich astronomischen Dimensionen, die hier im Spiel sind.

Auf den Weg gebracht wurde Galileo durch das Space Shuttle Atlantis. Eine Startvariante, die in der 80en Jahren durchaus nicht selten war. Schließlich litt die Shuttle-Flotte der NASA damals unter einer Art Unterbeschäftigung, obwohl die ursprünglich erträumte Frequenz von wöchentlichen Flügen nie erreicht wurde. Das System war und ist weiterhin viel zu kompliziert, um die Vision des robusten, einfach zu wartenden, weltraumfähigen Flugzeugs Wirklichkeit werden zu lassen. Die schlichte Logik, ein wiederverwendbares Raumfahrzeug müsse doch auf lange Sicht kostengünstiger sein als Wegwerfraketen, hat sich zumindest mit den Shuttles auf dramatische Weise nicht erfüllt. Das könnte sich höchstens dadurch ändern, dass von Jürgen Trittin auf Einwegraketen ein gepfeffertes Dosenpfand erhoben würde, mit dem dann die Raumfähren subventioniert werden könnten.

Nach Galileo wurde es knapp für wissenschaftliche Weltraumprojekte

Als Galileo die Ladebucht des Shuttle verließ, wackelte die Mauer in Berlin zwar schon kräftig, aber sie stand noch. Nach ihrem Fall wurde die internationale Raumstation ISS vor allem zu einem symbolträchtigen Projekt für die übergreifende politische Zusammenarbeit der ehemaligen Feinde aus dem Kalten Krieg. Für den Bau der ISS ist der Shuttle unersetzbar. Der wissenschaftlich-technische Sinn der Station hatte vor allem Feigenblattcharakter. Organisationen wie die Deutsche Physikalische Gesellschaft warnten eindringlich, der zu erwartende wissenschaftliche Nutzen der Station sei die Investitionen nicht Wert. Es wäre weiterhin zu befürchten, dass Gelder für die wissenschaftlich doch sehr erfolgreichen, vergleichsweise billigen unbemannten Sonden fehlen würden, was die Wissenschaft somit doppelt träfe.

Der Große Rote Fleck des Jupiter. Bild

Gemeint waren Sonden wie Galileo. Die beiden Pioneer-Sonden wurden 1972 und 1973 gestartet, die beiden Voyagers 1977. Galileo war dann die letzte Raumsonde überhaupt, die im 20. Jahrhundert mit Ziel Jupiter auf den Weg geschickt wurde. Ulysses, 1990 gestartet, nutze ihren Vorbeiflug am Jupiter vor allem zur Kurskorrektur. Als Sonde zur Erforschung des Sonnenwindes war sie allerdings nur bedingt für die Planetenerforschung geeignet.

Die planmäßige Fertigstellung der ISS kann inzwischen als Folge von Budgetkürzungen und der zweiten Shuttle-Katastrophe als ernsthaft gefährdet angesehen werden, trotz anders lautender Beteuerungen der Verantwortlichen. Die wechselnden ISS-Stammbesatzungen sind heute, ähnlich wie die Kosmonauten in den letzten Lebensjahren der maroden sowjetisch/russischen MIR, im wesentlichen damit beschäftigt, die vitalen Funktionen der Raumstation zu garantieren. Von wissenschaftlicher Forschung kann fast nicht mehr die Rede sein. In diesem Sinne sind die düsteren Befürchtungen sogar übertroffen worden.

Der Mythos vom technischen Fortschritt

Seit Galileos Start ist nicht nur der Eiserne Vorhang gefallen. Wir leben in einer angeblich immer schnelllebigeren, immer technologie-abhängigeren Welt. 1989 war das Internet als interaktives ökonomisch-soziologisches Massenmedium nicht einmal absehbar. Galileo war kaum in die Nähe des Jupiter, da begann die NASA das Internet zu nutzen, um ihre Shuttles betriebsbereit zu halten: Die Weltraumbehörde ersteigerte bei eBay alte Intelprozessoren aus der ersten Hälfte der 80er-Jahre, die in großer Zahl im Shuttle-Programm eingesetzt wurden.

Die lange Zeit, in der sich Galileo als funktionstüchtig und als immer wieder umprogrammierbar erwiesen hat, relativiert unseren banalen technologischen Fortschrittsglauben, also die Überzeugung, dass nur Anschaffung der neusten Hardware das Leben lebenswert macht. Die herbe Schlappe in der Anfangsphase des Projekts, als die Hauptantenne nicht richtig ausgeklappt werden konnte, wurde durch ein umfangreiches Software-Update wettgemacht zur effizienten Nutzung der verbleibenden Antennenkapazitäten. Die Programme wurden an explizit fehlerhafte Hardware angepasst. Zu Hause und im Büro wird meist andersherum verfahren: Neue Programme entpuppen sich schnell als Hardware-Killer. Alle zwei, drei Jahre müssen neue Rechner angeschafft werden, damit mit den neuen Programmen wieder das gemacht werden kann, was man vorher auch schon gemacht hatte. Zu wessen Nutzen eigentlich?

asteroid Ida und Mond Dactyl. Foto

Apropos Fortschritt. In den 70er-Jahren wurden vier Raumsonden zu den äußeren Planeten geschickt. Seitdem nur noch eine einzige. Die Pioneer- und Voyager-Sonden benötigten mit den damals verwendeten Wegwerfraketen jeweils etwa 1,5-2 Jahre von der Erde zum Jupiter. Galileo war geschlagene sechs Jahre unterwegs und benötigte dafür drei sogenannte "Swing Bys", um zu ihrem Zielplaneten zu gelangen (von der Erde zur Venus, zurück zur Erde, dann noch einmal zur Erde, dann erst Richtung Jupiter). Grund war der antriebsschwache Booster für die Sonde, der als einziger zusammen mit den Shuttles Verwendung finden konnte. Nur die komplizierte Reiseroute machte das Projekt überhaupt durchführbar.

Naturwissenschaftler sind in eigener Sache meist lausige Verkäufer. Das ist auch bei Weltraumprogrammen nicht anders. So werden immer wieder dieselben Argumente zum Zwecke der Motivation hervorgekramt, etwa, dass die soundsovielste Marsmission endlich Gewissheit darüber geben soll, ob es denn nun irgend wann einmal Leben auf dem roten Nachbarn der Erde gegeben hat oder nicht. Die beiden Viking-Mars-Lander suchten noch nach direkten Lebensspuren. Die Lander waren wie Pioneer und Voyager, wie Skylab und Apollo 13 bis 17 ebenfalls Projekte der 70er-Jahre. Heute wäre man schon froh, wenn chemische Zusammensetzungen nachgewiesen würden, die auf prähistorische Marsmikroben schließen lassen könnten. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird mit solch vagen Aussichten kein Weltraumprojekt mehr begründbar sein.

Wissenschafts-PR und das Kurzzeitgedächtnis der Medien

Hinter dem Problem steckt nicht nur die Frage nach der besten medialen Verpackung, sondern ein Grundproblem naturwissenschaftlicher Erkenntnisfindung. Große, epochale Entdeckungen oder völlig neue Theorien sind selten. Vor allem sind sie nicht planbar. T.S. Kuhn hatte den Begriff des "Paradigmenwechsels" in die Wissenschaftstheorie eingeführt, um dem oft spontan erscheinenden Auftauchen neuer Denkweisen einen Namen zu geben. In der Wissenschafts-PR - und nicht nur dort! - kam es schnell zur inflationären Verwendung dieses verführerischen Begriffes. Wer wollte noch "normale" Wissenschaft betreiben, wenn doch das Umwerfen alter Weltbilder viel spannender klingt?

Der Vulkankrater Tupan Patera auf dem Jupitermond Io. Bild

So versuchten beispielsweise Ende der 80er Jahre manche Wissenschaftler, "die Chaostheorie" als neuen Paradigmenwechsel hoch zu jubeln. Dass es ein geschlossenes Theoriegebäude gar nicht gab, störte die Werbetrommler wenig. Von dem Versuch ist fast nichts geblieben, bis auf den faden Nachgeschmack, dass an sich interessante Arbeitsgebiete nun erst mal diskreditiert sind. Wie soll man über sie heute noch interessant und spannend berichten, wo doch klar ist, dass die hochtrabenden Versprechungen von früher nicht zutreffen, die Wirklichkeit also weniger "spannend" ist als ursprünglich versprochen? Man kann natürlich immer versuchen darauf zu hoffen, dass das Gedächtnis der LeserInnen nur kurz ist - was insbesondere bei Internet-Konsumenten häufig zutrifft - und einfach munter weiter beständig in Superlativen reden. Aber das ist natürlich auch gefährlich, weil mit umfassender kollektiver Amnesie nicht wirklich zu rechnen ist.

Zwar wird heute nicht mehr so sorglos von "Paradigmen" geredet, wie noch vor ein paar Jahren, aber der Hang zur unnötigen Übertreibung ist geblieben. Um also im Bild zu bleiben, der "Paradigmenwechsel" in der Jupiter-Forschung wurde, wenn überhaupt, von den Voyager-Zwillingen verursacht, nicht von Galileo. Sie lieferten 1979 die ersten Bilder der aktiven Vulkane auf Io und, vor allem, der Eiswüsten Europas.

Mit Eis bedeckte Oberfläche des Jupitermondes Europa. Bild

Bereits drei Jahre nach den Voyager-Fotos verarbeitete Arthur C. Clarke die Idee, unter der Oberfläche von Europa könne flüssiges Wasser Leben ermöglichen. Er tat dies in der literarisch ausgesprochen schwachen Fortsetzung von "2001: A Space Odyssey": "2010: Odyssey Two". Clarke nannte den im Januar 1980 in "Star and Sky" erschienenen Artikel "The Europa Enigma" von Richard C. Hoagland als Beginn der Hypothese vom Leben in einem verborgenen Europa-Ozean. Er schrieb in den Anmerkungen zu seiner Fortsetzugsnovelle:

This quite brilliant concept has been taken seriously by a number of astronomers (notably NASA's Institute of Space Studies, Dr. Robert Jastrow), and may provide one of the best motives for the projected GALILEO Mission.

Für Thorsten Dambeck von Spiegel Online ist das alles aber fast noch neu: "Noch vor zehn Jahren hätte wohl kaum ein Forscher über Europa-Mikroben nachgedacht, doch Galileo hat die damaligen Vorstellungen über mögliche Lebensoasen im Planetensystem über den Haufen geworfen." Das Nachdenken darüber hatte jedoch schon vor über zwanzig Jahren begonnen und maßgeblich zur Motivation für Galileo beigetragen.

Jupitermond Ganymede. Bild

Galileo hat tatsächlich die erhofften direkten Indizien für einen Salzwasser-Ozean auf Europa geliefert. Ein Erfolg, der auf den Erkenntnissen der Messungen der früheren Sonden aufbaut und diese differenziert. In den Berichten zum Ende Galileos herrschte jedoch nicht nur vereinzelt der Hang vor, die Mission zu einer Art "Paradigmenwechsler" aufzubauschen. Typisch ist Thomas De Padovas Kommentar im "Tagesspiegel" über "die vielen Überraschungen, die die Erkundung unserer kosmischen Nachbarschaft bereithält": Jupiter "und seine ... Monde ziehen ihre Bahnen ... im minus 140 Grad Celsius kalten Weltraum. Doch statt Fotos von plumpen Eisbällen ... funkte uns Galileo Aufnahmen sehr unterschiedlicher Himmelskörper zu." Dass das vermeintlich Überraschende in Wahrheit erwartet war, wird nicht erwähnt. Seit Voyager ist bekannt, dass Jupiters Monde ausgesprochen vielgestaltig sind, genau deshalb wurde Galileo ja auf den Weg geschickt! Wie oft kann man der Öffentlichkeit eine Entdeckung als immer wieder epochal neu gemacht verkaufen?

Wissenschaftler selbst haben jedoch oft auch eine Tendenz zur ungünstigen Untertreibung. In einer TV-Nachrichtensendung war von Ulrich Köhler (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DLR) zu vernehmen, die herausragende Leistung Galileos sei gewesen, dass die Entdeckung eines Ozeans auf Europa wahrscheinlich wäre. Eine hypothetische Entdeckung? Das hört sich schlimmer an als Christoph Kolumbus, der stets davon überzeugt war, den Seeweg nach Indien entdeckt zu haben. Aber er war sich zumindest sicher, dass er etwas entdeckt hatte!

Statt heilloser Übertreibungen und vorsichtiger Understatements wäre es spannender, unterhaltsamer und somit dienlicher für Wissenschaft und Weltraumfahrt, wenn Zusammenhänge richtig beleuchtet würden und der faszinierende Prozess sichtbar wird, wie wissenschaftliche Erkenntnisse aufeinander aufbauen und sich weiterentwickeln. Die stetige Wiederholung von falsch zugeschriebener Highlights wird der Geschichte und der wahren Bedeutung Galileos nicht gerecht. Aber das hat die Sonde vielleicht einfach mit ihrem Namenspatron gemeinsam. Daran haben die Projektinitiatoren vor über zwanzig Jahren allerdings wohl nicht gedacht.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15703/1.html
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