Von alten Rittern und neuen Helden

Janko Röttgers 27.09.2003

"Dungeons and Dreamers" erzählt die Geschichte der Video-Spielkultur

Brad King und John Borland sind zwei altgediente Online-Journalisten. Nun haben sie einmal Abstand von ihrem Arbeitsmedium genommen und sich ganz der Welt der Computerspiele und ihrer Akteure gewidmet. Herausgekommen ist dabei eine spannende Geschichte der Game-Kultur vom Rollenspiel zum Online-Spiele-Boom.

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Screenshot aus Ultima Online

Manche Geschichten haben seltsame Helden. Leute wie Richard Garriot etwa. Garriot war als Teen begeistert von der Welt des Dungeos and Dragons-Rollenspiels. Später schuf er dann die Ultima-Serie und machte damit Rollenspiele auf dem PC populär. Bekannt ist auch Ultima Online als einer der ersten groß angelegten Versuche eines kommerziellen Internet-Rollenspiels. Weniger bekannt ist, dass Garriot eine Vorliebe dafür hat, in Ritterrüstungen aufzutreten, seine Eigenheime in riesige Geisterbahnen zu verwandeln und seine Nachbarn mit im Vorgarten herumliegenden Knochenattrappen zu schockieren.

Brad Kings und John Borlands neues Buch Dungeons and Dreamers - The Rise of Computer Game Culture from Geek to Chic ist voll von solch amüsanten Anekdoten. Die beiden US-Journalisten haben Garriot zu einer der Hauptpersonen ihres Buches erkoren. Sie folgen seinem Lebensweg vom leicht verschrobenen Teenager mit nerdigen Hobbys zum ziemlich verschrobenen Spieleentwickler im Detail und zeigen dabei, wie sich die Spielekultur der letzten 25 Jahre durch das Aufkommen der Computer- und Videospiele verändert hat.

Warum die Musikindustrie zur Hölle geht und die Spielebranche weiter wächst

Anfangs waren es nur belächelte Außenseiter, die sich dem Erschaffen von Fantasiewelten in Rollenspiel-Kreisen verschrieben hatten. Heute sind diese Fantasiewelten zum Milliardengeschäft geworden. Nicht alles lässt sich zwangsläufig auf Garriot und seine Rollenspiele zurückführen. King und Borland bringen deshalb weitere Fäden in ihre Geschichte ein: Die Story von ID Software, das Aufkommen der Counterstrike-Clans, der Erfolg der Mod-Programmierer, den öffentlichen Backlash nach dem Schul-Massaker von Columbine. All das weben sie zu einer spannenden Kulturgeschichte, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellt, keine halbseidigen Erklärungsmuster anbietet und sich nicht zur Sozialtheorie aufschwingt - und gerade deshalb extrem spannend und aufschlussreich ist.

Borland und King sind im Netz bekannt für ihre zahllosen Texte zum Online-Musikbusiness. Das Buch wirkt da nicht zuletzt auch wie ein Befreiungsschlag. Ein Versuch, eine Perspektive zu finden, die der kleinteilige Streit um MP3s und P2P nicht bietet. Brad King dazu gegenüber Telepolis:

Computerspiele-Entwickler beschäftigen sich jahrelang mit Spielen. Sobald diese veröffentlicht sind geben sie Tools an die Spieler weiter und erklären

'Hier, verändere es.' Leute aus dem Musikgeschäft würden das nie tun. Das ist der Grund dafür, dass die Musikindustrie zur Hölle geht und die Spiele-Industrie weiter wächst - obwohl sie beide mit dem gleichen Piraterie-Problem zu tun haben.

Brad King, Jorn Borland: Dungeons and Dreamers, The Rise of Computer Game Culture from Geek to Chic, McGraw-Hill/Osborne (http://www.osborne.com) 2003, 25.00 USD.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15717/1.html
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