Am stärksten wirken Bilder von realen Ereignissen

Thorsten Stegemann 26.09.2003

Eine britische Studie untersuchte die Auswirkungen von Gewaltdarstellungen auf Kinder und kam zu aufschlussreichen Ergebnissen

Nach dem Blutbad von Erfurt wurde hitzig über den negativen Einfluss von Computerspielen, Kinofilmen und Gewaltdarstellungen aller Art gestritten und damit einmal mehr der zweite Schritt vor dem ersten getan. Denn die grundlegendere Frage, wie Kinder und Jugendliche medial vermittelte Gewalt erleben und mit ihr umgehen, beantworteten Politiker und Talkshowgäste allzu oft mit einer wüsten Mischung aus Populismus und Küchenpsychologie. Eine aktuelle Studie, die vom British Board of Film Classification, der BBC, der Broadcasting Standards Commission und der Independent Television Commission herausgegeben wurde, liefert nun eine sehr viel sachdienlichere Diskussionsgrundlage. Sie kommt zu dem Schluss, dass Kinder durchaus in der Lage sind, Bilder und Szenen als gewalttätig einzustufen, deren reale Konsequenzen zu berücksichtigen und ein moralisches Urteil zu entwickeln. Computerspiele wurden allerdings nicht einbezogen.

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Ob ein Bild als gewalttätig empfunden wird, hängt offenbar davon ab, inwieweit die Gewalt in irgendeiner Weise gerechtfertigt erscheint und wie unmittelbar es sich auf das Leben der Kinder selbst bezieht. Die Studie, welche die Reaktion von neun- bis dreizehnjährigen Kindern auf Gewaltdarstellungen im Fernsehen und auf der Kinoleinwand untersuchte, kommt zu dem Schluss, dass Kinder schon in diesem Alter klar zwischen fiktionaler und tatsächlicher Gewalt unterscheiden können, wobei sie von letzterer emotional stärker in Mitleidenschaft gezogen werden.

Außerdem haben die Wissenschaftler nun deutlichere Vorstellungen davon, welche Elemente ein Bild für Kinder als gewalttätig erscheinen lassen. Sie reagieren besonders auf die physischen Auswirkungen körperlicher Gewalt, können aber auch die emotionalen Folgen in verschiedenen Abstufungen einschätzen. Die stärksten Wirkungen haben reale Bilder - beispielsweise aus den Nachrichten -, die sich dem kindlichen Gedächtnis besonders tief einprägen, wenn andere Kinder Opfer von Gewalt werden oder auch Personen, mit denen sie sich leicht identifizieren können. Der Umstand, dass sie solche Bilder und Szenen oft nur in Begleitung von Erwachsenen, also in einem verhältnismäßig sicheren Kontext, sehen, hat kaum Einfluss auf diese Art der Wahrnehmung.

Gewaltdarstellungen und ihre Folgen werden von Kindern oft als erschreckend und furchterregend empfunden ("scary"). So kann eine Nachricht schon deshalb "scary" sein, weil sie "mir selbst" passieren könnte, und andererseits auch als völlig gefahrlos empfunden werden, wenn das Kind versteht, dass sich eine bestimmte Aktion in einem weit entfernten Land unter ihm nicht vertrauten Umständen ereignet hat.

Im Laufe der Jahre sehen Kinder eine Vielzahl von Gewaltdarstellungen und legen sich nach Erkenntnis der Forscher eine regelrechte Bibliothek an. Ihre Reaktion hängt immer vom Alter, Geschlecht, dem Reifegrad und persönlichen Umständen ab. Ein Kriegsbericht in den Abendnachrichten löst vielleicht Angst, ein Horrorfilm nur wohlige Schauer aus, aber beides wird als "scary" empfunden und so in einer Art und Weise mit Gewalt assoziiert, die bei Erwachsenen nicht mehr üblich ist.

Auch die "Moral" spielt eine Rolle

Kinder brauchen im Grunde nur die Auswirkungen einer Gewalttat zu sehen, um an dieselbe zu glauben. Je realistischer die näheren Umstände sind, desto größer ist die Wirkung, die durch Musik, akustische und optische Reize noch verstärkt werden kann.

Zu den interessantesten Aspekten der Studie gehört aber zweifellos die Erkenntnis, dass Kinder nicht nur emotional auf Gewaltdarstellungen reagieren und versuchen, das Gesehene geistig zu verarbeiten, sondern darüber hinaus auch schnell zu moralischen Urteilen finden. So empörten sie sich beispielsweise gegen die Gewalt, die einer Schwester in einem Krankenhausdrama angetan wurde, weil es sich erstens um eine Frau, zweitens um eine hilfsbereite Person handelte, sie überdies in einem als sicher empfundenen Raum arbeitete und die Angreifer außerdem noch in der Überzahl waren.

Der Sicherheitsaspekt scheint für Kinder eine wesentliche Rolle zu spielen. Wenn Menschen isoliert werden, in ausweglose Situationen geraten oder vertraute Personen nicht mehr helfend eingreifen können, reagieren sie besonders stark auf die gezeigten Darstellungen. Paul Bolt, Direktor der Broadcasting Standards Commission, fasst die Ergebnisse der Untersuchung wie folgt zusammen:

Die Studie zeigt, dass Kinder schon in diesem Alter ein genaues Verständnis von dem entwickeln, was sie für Gewalt halten und was Gewalt für sie bedeutet. Sie sind in der Lage, das, was sie auf dem Bildschirm sehen, zu interpretieren, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden und eine moralische Vorstellung durch das Auswerten von Bildern zu entwickeln. Programm- und Filmemacher sollten deshalb die Faktoren im Auge behalten, die Kindern besonders furchterregend und gewaltsam erscheinen. Das schließt Handlungen in Umgebungen ein, die sie für besonders sicher halten - etwa ein Haus oder Krankenhaus -, und betrifft Handlungen in einem Kontext oder mit Folgen, auf die sich Kinder unmittelbar beziehen können.

Die Untersuchung legt also nahe, dass mediale Gewaltdarstellungen durchaus unmittelbaren Einfluss auf Kinder und Jugendliche nehmen können. Andererseits ist ihr Unterscheidungs- und Urteilsvermögen frühzeitig erstaunlich weit ausgebildet, so dass Ereignisse, wie sie in Erfurt und andernorts stattgefunden haben, mit Markt- und Medienschelte allein weder zu lösen noch zu erklären sind.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15720/1.html
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