Der Weg ins All
Mars Society und International Astronautical Federation: In Bremen wird über die Zukunft der Raumfahrt diskutiert
In Bremen eröffnet morgen der 54. International Astronautical Congress (IAC), die größte Raumfahrttagung der Welt. Über 2.500 Teilnehmer aus 38 Nationen werden bei 1200 Vorträgen und Podiumsdiskussionen über die Zukunft der Raumfahrt diskutieren
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| Bemannte Raumfahrt zum Mars?Bild |
Bei einer Pressekonferenz, die am vergangenen Freitag vorab über die Veranstaltung informierte, zeigten sich die anwesenden Vertreter der Weltraumforschung und -industrie sichtlich stolz, den Kongress nach Deutschland geholt zu haben. Josef Kind, Geschäftsführer der EADS Space Transportation GmbH in Bremen, verglich das mit der Bewerbung um den Austragungsort der Olympischen Spiele. Er erhofft sich einen regen Gedankenaustausch sowie die Überprüfung und kritische Diskussion von Visionen. Auch über neue Formen der Kooperation müsse man reden.
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Auf eine dieser neuen Kooperationsformen verwies Klaus Berge, Projektdirektor Raumfahrt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, als er den im Vorfeld des Raumfahrtkongresses bereits tagenden UN-Workshop "Raumfahrttechnologie und Entwicklungsländer" erwähnte. Daten von Erdbeobachtungssatelliten könnten einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der sozialen und ökonomischen Lage dieser Länder leisten und müssten ihnen zur Verfügung gestellt werden. Wie aber verträgt sich das mit der gleichzeitig von der Bundesregierung vehement betriebenen Kommerzialisierung der Raumfahrt? Schließlich nützen die Daten den armen Ländern wenig, wenn sie diese teuer bezahlen müssen. Das müsse über die Entwicklungshilfe laufen, sagte Berge und sprach damit einen Aspekt an, der die Raumfahrt möglicherweise am nachhaltigsten verändert: Die Erkundung des Weltraums hört auf, eine exklusive Angelegenheit des Forschungsministeriums zu sein und drängt sich mehr und mehr in die Kompetenzbereiche aller Ressorts.
Der Mars wartet, aber wollen Menschen auf dem roten Planeten?
Das ist eine Entwicklung, auf die auch Franco Ongaro, Koordinator des Aurora-Programms zur langfristigen Erkundung des Sonnensystems bei der europäischen Weltraumorganisation ESA, große Hoffnung setzt. Ongaro, der sich selbst als "Berufsoptimist" bezeichnet, sprach allerdings nicht bei der IAC-Pressekonferenz, sondern nur wenige hundert Meter entfernt auf der "3. European Mars Conference" der Mars Society. Er hält die Entscheidung über den Bau des europäischen Satellitennavigationssystems "Galileo" für einen Wendepunkt der europäischen Raumfahrt, weil hier erstmals andere Politikbereiche als nur Forschung und Wissenschaft in ein großes Raumfahrtprojekt einbezogen sind, in diesem Fall die Verkehrsministerien. Das könne zu einer Umschichtung der finanziellen Mittel und damit zu einer Freisetzung von Geldern für das große Ziel führen, für das sich nicht nur die Mitglieder der Mars Society begeistern: eine bemannte Mission zum Mars.
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| Polarstürme auf dem Mars. Bild |
Ongaro zufolge könnte eine internationale Entscheidung über eine solche Mission in den Jahren 2010 bis 2015 fallen. Bis dahin sollen verschiedene Szenarien für den besten Weg zum roten Planeten abgewogen werden: Ist es besser direkt von der Erde zu starten oder sollte das Marsraumschiff im Erdorbit montiert werden? Sollte vor dem Flug zum Mars eine Rückkehr zum Mond erfolgen? Wie viele Astronauten sollen fliegen? Wie sehen ihre Raumschiffe aus, wie ihre Unterkünfte ?
Die wichtigste und schwierigste Frage aber scheint zu sein: Was wollen wir auf dem Mars? Markus Landgraf, Vorsitzender der Mars Society Deutschland, plädierte dafür, die wissenschaftliche Forschung in den Mittelpunkt zu stellen. Die könne von Menschen einfach besser vorgenommen werden als von Robotern. Von besonderem Interesse ist dabei die Suche nach außerirdischen Lebensformen. Immer wieder standen diese Fragen im Raum, sowohl bei der Marstagung als auch bei der Pressekonferenz zum International Astronautical Congress: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Sind wir allein?
Das sind zweifellos faszinierende, grundlegende Fragen. Aber reichen sie aus, um ein so großes Raumfahrtprogramm wie den bemannten Flug zum Mars zu tragen? Wer die drängende Neugier in sich spürt, dieses unzähmbare Bedürfnis, hinter den nächsten Hügel zu schauen, neigt dazu, den Forscherdrang als quasi naturgegeben zu betrachten. Aber es gibt erstaunlich viele Menschen, die diesen Drang nicht spüren und auf die Antworten auf diese Fragen noch sehr lange warten können. Und es ist fraglich, ob eine bemannte Marsmission ohne deren Unterstützung durchgeführt werden kann und soll.
Ongaro stellte eine Frage, die er für wichtiger hält, als die wissenschaftlichen Aspekte: Welche Gesellschaft wollen wir? Eine, die bereitwillig 80 Milliarden Dollar für einen Krieg gegen den Irak bezahlt, oder eine, die ihre Kräfte darauf konzentriert, das Zusammenleben der Menschen zu verbessern? In der Tat ist das wohl der beste Weg, jenen Kritikern zu begegnen, die gegen groß angelegte Raumfahrtprojekte einwenden, dass wir zuvor doch besser auf der Erde aufräumen und Krieg und Armut beseitigen sollten. Denn diese Kritiker verfehlen einen entscheidenden Punkt: Es kann nicht um ein Nacheinander gehen.
Chance auf Neubeginn?
Die Expansion in den Weltraum und die Verbesserung der Lebensverhältnisse auf der Erde gehören zusammen, erfolgen gleichzeitig, befruchten sich gegenseitig. Die Besiedelung eines neuen Planeten ist eine einmalige Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, die bisherige Menschheitsgeschichte zu überdenken und sich Maßnahmen zu überlegen, um ähnliche Fehlentwicklungen wie auf der Erde zu vermeiden. Wozu übrigens auch der Respekt vor möglicherweise existierenden Lebensformen auf dem Mars gehört.
Natürlich können auch die Marssiedler ihr historisches Erbe nicht einfach abstreifen. Die Aussichten zu scheitern sind groß. Aber wann hat es je eine vergleichbare Chance auf einen Neubeginn gegeben? Es wäre eine Schande, sie nicht zu nutzen.
Sven Knuth, zweiter Vorsitzender der Mars Society Deutschland, äußerte sich auf der Marskonferenz skeptisch gegenüber der Idee, die Kolonisierung des Mars in den Mittelpunkt zu rücken. Das schien von seinen Erfahrungen in der politischen Lobby-Arbeit geprägt zu sein. Wahrscheinlich ist es tatsächlich nicht ratsam, Politiker mit solchen langfristigen Visionen überzeugen zu wollen. Vielleicht müssen aus taktischen Gründen zunächst kurzfristigere Aspekte im Vordergrund stehen. Aber dann sollten wir gleichzeitig auch überlegen, wie wir verhindern können, dass auf dem Mars erneut eine Kultur entsteht, in der wir ein Projekt nicht als das verkaufen können, was es ist.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15737/1.html- Re: (30.9.2003 22:16)
- Re: (30.9.2003 22:05)
- Der Kuß der Vogelspinne (30.9.2003 3:31)
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