Kommt bald die Apokalypse?

John Horvath 29.09.2003

Die großen Blackouts der letzten Zeit decken die Achillesferse der Informationsgesellschaft auf

Die großen Stromausfälle in New York und London, in Dänemark und jetzt in ganz Italien stellen in Verbindung mit der Belastung der Stromnetze in Europa durch den langen warmen Sommer realistische Szenarios für das Chaos dar. Aber waren dies vielleicht nur Warnungen vor einer möglichen großen Katastrophe, die in naher Zukunft die Online-Welt treffen könnte?

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Am letzten Sonntag war es in ganz Italien dunkel. Ein großer Stromausfall hat 50 Millionen Menschen von der Elektrizität abgeschnitten und die Verkehrsnetze lahmgelegt. Obgleich sich der Stromausfall ereignete, als die Geschäfte und Betriebe meist geschlossen waren, verursachte er dennoch große Probleme, besonders in Rom. In der italienischen Hauptstadt fand gerade die "Weiße Nacht" statt, in der die Museen die ganze Nacht kostenlos geöffnet hatten und zusätzliche Angebote der öffentlichen Verkehrsmittel bereitgestellt wurden, um zu den unterschiedlichen Veranstaltungen zu kommen. Daher waren mehr Menschen unterwegs als üblich. Und da das Wetter zusätzlich schlecht war, mussten viele die Nacht in U-Bahn-Tunnels und Zugstationen verbringen. Manche waren auch in Aufzügen eingesperrt.

Der italienische Blackout verursachte auch in anderen Ländern wie Ungarn Probleme. Zwei ungarische Stromwerke mussten abgeschaltet werden, allerdings konnte das AKW in Paks den Ausfall überbrücken und verhindern, dass sich der Stromausfall in Ungarn ausbreitet. Am Abend war wieder alles normal.

Viele Industrieländer sehen sich gegenwärtig ähnlichen Problemen gegenüber. Am 15. August brach ein unerwartetes Chaos in der Folge eines großen Blackouts an der Ostküste der USA und Kanada aus (Rätselhafter Stromausfall). Dutzende von großen Städten waren stundenlang lahm gelegt, Zehntausende steckten in U-Bahn-Tunnels fest. Zwei Wochen später ereignete sich in London eine ähnliche Situation bei einem vierzigminütigen Blackout, der das Stadtleben zum Stillstand brachte. Wie in New York saßen wieder viele Menschen in den U-Bahn-Tunnels fest (Blackout in Großbritannien).

Der Blackout Mitte August war nicht der erste in der amerikanischen Geschichte. Im November 1965 waren 30 Millionen Menschen an der Ostküste und in Kanada ohne Strom. Den letzten großen Blackout gab es 1996. Am schlimmsten war der Stromausfall am 13. Juli 1977, zumindest aus einer gesellschaftlich-politischen Perspektive, als ein Blitz 8 Millionen Menschen in New York von der Stromversorgung trennte. Innerhalb einiger Stunden wurden Tausende von Geschäften geplündert, verwüstet und in Brand gesetzt. Der Schaden wurde auf 60 Millionen Dollar beziffert.

In Folge dieser Stromausfälle und ihrer Nachwirkungen unternahm man in den USA Versuche, sich mit künftigen Problemen zu beschäftigen. Nacheinander wurden 6.000 Stromwerke verbunden, um einen Blackout zu umgehen und auszugleichen. Das einzige Problem war, dass ein großer Stromausfall, besonders während der hohen Belastung im Sommer, einen Domino-Effekt auslösen und das gesamte System beeinträchtigen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein so großer Blackout eintreten könnte, war groß angesichts des Sachverhalts, dass mehr als die Hälfte der Stromwerke sich in Privatbesitz befinden und aufgrund des Profitinteresses Erneuerungen des Systems im Rahmen von Kostensparmaßnahmen nicht durchgeführt wurden.

Um den Ernst der Situation herunterzuspielen, erklärten Experten, dass der große Blackout in den USA die Wirtschaft nicht gefährdet habe. Die größten Verluste entstanden bei der Automobilindustrie in Detroit. Auch der Luftverkehr erlebte eine schwierige Zeit, da viele internationale Flüge davon betroffen waren. Andere Bereiche kamen hingegen ungeschoren davon. Die New Yorker Börse beispielsweise war wegen der vorhandenen Notfallgeneratoren nicht beeinträchtigt.

Die Achillesferse der Informationsgesellschaft

Auch der landesweite Stromausfall in Italien hat gezeigt, wie verwundbar diejenigen sind, die von der Stromzufuhr aus dem Ausland abhängig sind. Offenbar war ein umgefallener Baum in der Schweiz die Ursache (auch wenn jetzt wieder die Möglichkeit eines Anschlags zumindest erwogen wird). Auch wenn die Menschen gerne viel Energie verbrauchen, wollen viele doch nicht ein Kraftwerk vor sich sehen und wegen der Gefährdung, vor allem, wenn es sich um ein Atomkraftwerk handelt, in der Nähe leben. Das verweist auch auf die immanente Schwäche der Globalisierung und der modernen Wirtschaft, in der Produktions- und Distributionsnetze eng ineinander verwoben und stark zentralisiert sind.

Wegen des durch die Großen Blackouts in den USA, in Kanada, Großbritannien, Dänemark und jetzt in ganz Italien verursachten Chaos überprüfen viele westliche Staaten ihre Stromnetze. Die meisten Länder nehmen allerdings eine selbstzufriedene Haltung über deren Zustand ein. In Ungarn betonen beispielsweise die Behörden, dass im Fall eines größeren Stromausfalls die U-Bahnen noch eine Stunde fahren könnten. Experten beteuern, es sei undenkbar, dass sich in Budapest dasselbe ereignen könne wie in den USA, in Großbritannien oder in Italien. Das U-Bahn-System erhalte seinen Strom aus mehreren Quellen. Im Falle eines großen Blackouts würden automatisch Notfallgeneratoren genügend Strom herstellen, damit die Züge zu nächsten Station gelangen. Bislang sei die U-Bahn noch nicht wegen eines Stromausfalls stecken geblieben.

Es wäre allerdings dumm zu glauben, dass ein Problem nicht eintreten wird, weil man bislang Glück hatte. Überdies zeigt sich daran auch die Achillesferse unseres digitalen Zeitalters, da unsere "Informationsgesellschaft" vollständig vom Stromnetz abhängt. Ohne Elektrizität können die öffentlichen Verkehrmittel nicht fahren, die Unternehmen nicht arbeiten und die Menschen nicht kommunizieren. Während in der vordigitalen Zeit die Menschen ihrer Arbeit während eines Blackouts noch nachgehen konnten, wenn auch mit Schwierigkeiten, ist dies heutzutage nahezu unmöglich, da auch schon einfache Einkäufe vermittels "smarten" Geräten und Computern geschehen. Und da jeder sich daran gewöhnt, in einer bargeldlosen Gesellschaft zu leben, steht man wirklich ohne Geld da, wenn die Bankautomaten nicht funktionieren und die Geldbörse leer ist.

Ironischerweise steht im Kern dieses Problems nicht der Terrorismus oder irgendein metaphysisches Rätsel, sondern die tödliche Kombination der Natur mit dem Verlangen der Menschen nach wirtschaftlicher "Effizienz". Sowohl der Blackout in den USA als auch der in Italien wurden durch einen umgestürzten Baumstamm verursacht.

Es hatte bereits Hinweise darauf gegeben, dass die heutigen Stromnetze nicht imstande sind, einen kleineren Druck von außen durchzustehen. Die Folgen des langen, trockenen und heißen Sommers ist dafür ein Beispiel. In ganz Europa gab es Anlass zur Sorge. Während des amerikanischen Blackouts musste das größte ungarische Wasserkraftwerk am Raba-Fluss den Betrieb wegen des Wassermangels zurückfahren. Von den fünf Turbinen, die zusammen 2.2000 kWH erzeugen, war nur noch die kleinste in Betrieb. Mit voller Kapazität produziert das Kraftwerk genug Strom für 3.000 Menschen, Mitte August konnte es nur noch mit einem Zehntel seiner normalen Kapazität arbeiten. Auch an anderen Orten wie beim Kraftwerk am Gyongyos-Fluss, mussten Turbinen wegen des geringen Wasserstandes abgeschaltet werden.

Vorspiel für einen Online-Blackout

Letztendlich mag es zwar leicht sein, solche Vorfälle auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen, gleich ob es sich dabei um Launen der Natur oder den Willen Gottes handelt, aber man wird nicht um die Tatsache herumkommen, dass das gegenwärtige Dilemma die Folge unserer Tuns ist, das durch den Globalisierungsprozess verstärkt wird. Unser zunehmender Energieverbrauch hat zusammen mit den Bemühungen der Regierung, alles zu "privatisieren" oder zu "liberalisieren", was einst einer Kommune oder einer ganzen Gesellschaft gehört hat, zu einem Verfall der öffentlichen Infrastruktur geführt. Mit dem Energiesektor haben Regierungen eine zentrale öffentliche Infrastruktur riesigen Konzernen übergeben, die dafür aber nicht in alternative Energiequellen investiert und die Systeme erneuert haben.

Was bislang geschehen ist, könnte nur ein Vorspiel für einen gewaltigen Online-Blackout sein, durch den das Internet durch einen Privatisierungsprozess beeinträchtigt wird, der ein öffentliches Gut den Interessen von großen Unternehmen ausgehändigt hat, die vor allem damit beschäftigt sind, Gewinne für sich zu sichern, anstatt sich um technische Fragen und Details wie den Aufbau der Infrastruktur zu kümmern, um der zunehmenden Nachfrage im Hinblick auf Nutzer und Bandbreite zu entsprechen. Das ICANN-Fiasko sollte daran erinnern, wie verwundbar das Internet in Wirklichkeit ist. Dem Interesse der großen Konzerne an der Sicherung des "Cyberspace" als einem Einkaufs- und Werbeort ist man auf Kosten der Netzwerkstabilität und -interoperabilität nachgekommen. Während der Hochzeit der "Internetrevolution" war es das Hauptanliegen, so viele Menschen als möglich online zu kriegen, während man technische Angelegenheiten wie Bandbreite oder das Domain Name System (DNS) kaum beachtet hat. Es wurde mehr Zeit und Energie in Dinge wie den Rechten an einem Domainnamen und an Marken investiert, als in die Lösung begrenzten IP-Adressräume.

Die den Stromnetzen immanenten Probleme gleichen in vielen Hinsichten denen, die Computernetzwerke betreffen. Während man ein großes Getöse um die bösen Hacker, Würmer und Viren veranstaltete, hat das Internet schwer unter nicht mit dem "Terrorismus" verbundenen Problemen gelitten. Das Internet ist aufgrund technischer Mängel oder einfach einer zu großen Belastung wie im Fall der Landung der Raumsonde Pathfinder mit dem Rover Sojourner auf dem Mars (Der erste Teleroboter auf dem Mars - und wir waren dabei), als jeder ins Internet ging, um zu sehen, was vor sich ging.

Die reine Dynamik der technischen Expansion ist zusammen mit dem unersättlichen Energiehunger ein wichtiges Teil des Problems. Satelliten spielen eine immer wichtigere Rolle bei der globalen Informationsvermittlung, der Weltraum wird zu einem entscheidenden Bestandteil der Telekommunikations-Infrastruktur. Während der letzten Jahre sind einige Probleme aufgetaucht, als deren Ursache man vage "Weltraumabfall" nennen kann. Das meiste stammt von Menschen: Reste von Raketen, Satelliten und Raumstationen. Manche der Probleme haben aber auch einen natürlichen Grund: Meteoriten und Sonnenstrahlung beispielsweise. Wissenschaftler der ESA und der NASA haben bereits davor gewarnt, dass die Erde möglicherweise bald einem jahrzehntelangen galaktischen Sandsturm ausgesetzt sein könnte. Die Menge des Staubs, der dabei in das Sonnensystem gelangt, könnte drei Mal so groß als in den 90er Jahren sein. Man nimmt an, dass die Sonne für diese Zunahme verantwortlich ist, der unsere Maschinen im Weltraum bedroht.

Die ersten Unfälle sind bereits geschehen. 1988 ist ein von PanAmSat betriebener Satellit wegen atmosphärischer Störungen außer Kontrolle geraten. Pager funktionierten nicht mehr, Kreditkartentransaktionen kamen zum Halten und Fernseh- und Radiostationen konnten nicht mehr empfangen werden. 1997 wurde der Telstar 401 Satellit von AT&T zerstört, wodurch Tausende von Fernsehgeräten und Telefonen betroffen waren. Im Licht des beeindruckenden Katalogs von kleinen Unfällen, die bislang geschehen sind, folgern manche wie Antony Milne in seinem Buch "Sky Static: The Space Debris Crisis", dass sich unvermeidlich eine Katastrophe ereignen wird. Aber wir müssen gar nicht so hoch in den Himmel schauen für solche Katastrophen. Ein ganz irdischer Vorfall wie der Eissturm in Ostkanada im Jahr 1999 leistete erstaunliche Arbeit, alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens lahm zu legen: online und offline (In Kanada schlug der Winter zu).

Obgleich Unfälle geschehen können, ist es doch etwas ganz anders, wenn deren Ausmaß durch Nachlässigkeit und sogar Ignoranz im Verein mit der wechselseitigen Abhängigkeit verstärkt wird, die ein lokales Problem zu einem regionalen, nationalen oder auch internationalen macht. Wenn all dies damit verbunden wird, dass die westlichen Gesellschaften die meisten ihrer lebenswichtigen Funktionen im Rahmen der Wirtschaft, der Bürokratie und selbst des Zugangs auf grundlegende Informationen voreilig schwachen und heruntergekommenen Netzwerkinfrastrukturen für Energie und Kommunikation anvertraut, dann wird dies mit Sicherheit zu einer Katastrophe führen.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15745/1.html
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