Zur Erde oder zum Mars?
In Bremen diskutierte der 54. International Astronautical Congress über die Perspektiven der Raumfahrt
Es ist unmöglich, als Einzelperson einen umfassenden Überblick vom größten Raumfahrtkongress der Welt zu gewinnen, der vergangene Woche in Bremen tagte. Zu breit gefächert ist das Spektrum der 1.200 Vorträge, die in parallelen Sitzungen präsentiert werden. Aber eine Stimmung ist gleichwohl erkennbar: Der Wille, mit bemannten Missionen Ziele jenseits des erdnahen Orbits anzusteuern, artikuliert sich immer lauter und deutlicher.
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Jede wissenschaftliche Konferenz eröffnet einen Zugang zu einer anderen Welt. Aber dieser Kongress hat diese anderen Welten selbst zum Thema, die Grenzenlosigkeit des geistigen Universums trifft sich mit der Unendlichkeit des physischen. Das macht vielleicht seine besondere Faszination aus. Hier kann man über Marssiedlungen und Kontakte mit außerirdischen Zivilisationen ebenso diskutieren wie über effizientere Raketenantriebe, Lagekontrollsysteme für Satelliten oder Möglichkeiten, im Weltraum Geld zu verdienen.
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Letzteres ist eines der vorrangigen Interessen von Forschungsministerin Edelgard Bulmahn, die den Kongress anstelle des angekündigten Bundeskanzlers eröffnet. Die Weltraumtechnologie sei "immens wichtig für das Wachstumspotenzial und die Innovationskraft der gesamten Weltwirtschaft", sagt sie in ihrer Eröffnungsrede. "Das ist der Grund dafür, dass die Bundesregierung die nationalen und europäischen Raumfahrtprogramme mit großer Energie unterstützt."
Das große Projekt, das in den Kongresssitzungen immer wieder angesprochen wird, erwähnt sie dagegen mit keinem Wort: die bemannte Mission zum Mars. Dabei ist Thema überall präsent, scheint die Atmosphäre wie vor einem Gewitter aufzuladen: Wann werden die ersten Menschen zu unserem Nachbarplaneten fliegen? Wie bringen wir sie dorthin? Was werden sie während des Fluges erleben?
Sie werden die ersten sein, die die Erde aus dem Blickfeld verlieren, sagt Dietrich Manzey, Psychologe von der Fachhochschule Lüneburg. "Über die seelischen Auswirkungen dieses Erlebnisses lässt sich nur spekulieren. Wir haben keinerlei vergleichbare Erfahrungen." Besser erforschen lassen sich da schon die Effekte extremer Isolation und Enge über lange Zeiträume, mit denen die Marsastronauten konfrontiert sein werden.
Einige Pioniere der 1998 gegründeten Mars Society haben bereits Forschungsstationen in Gegenden errichtet, die der Marsoberfläche ähnlich sind. Dort simulieren sie, so gut es geht, den Alltag zukünftiger Marsflieger. Die werden sich, je nach Missionsplan, bis zu 500 Tage auf dem roten Planeten aufhalten und ihre eigene pflanzliche Nahrung anbauen müssen. Bei einer dieser so genannten Mars-Analog-Studien hat sich Vladimir Pletser von der Europäischen Weltraumorganisation ESA insbesondere mit diesem Aspekt beschäftigt und beobachtet, dass sich in einer ansonsten leblosen Umgebung ein besonderer Respekt für pflanzliche Lebensformen zu entwickeln scheint. Viele Teilnehmer der Studie berichteten von einem Gefühl des Bedauerns nach der Ernte.
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| Der Pathfinder-Lander vom Rover aufgenommen. Abgesehen vom Mond ist sonst noch niemals ein Raumfahrzeug auf einer anderen Welt fotografiert worden |
Ob der Mars tatsächlich so leblos ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. Mehrere Raumsonden sind momentan unterwegs, um das näher zu untersuchen. Und die Wissenschaftler sind erstaunlich zuversichtlich, dass die Suche nach Leben oder Spuren früheren Lebens erfolgreich sein wird. "Warten Sie mal ab, was passiert, wenn sich Beagle 2 in den Marsboden bohrt und organische Materie findet", sagt Berndt Feuerbacher vom Institut für Weltraumsimulation beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, als er auf die vermeintlich geringe Begeisterung in der Bevölkerung für die Raumfahrt angesprochen wird. Er sagt "wenn", nicht "falls", und scheint nicht daran zu zweifeln, dass der europäische Roboter, der erstmals unter der Oberfläche suchen soll, den endgültigen Beweis für außerirdisches Leben erbringen wird.
Und was ist mit anderen intelligenten Lebewesen? Wann empfangen wir endlich eine Botschaft von ihnen? Seth Shostak vom SETI-Institut in Mountain View, Kalifornien, rechnet es vor. Dabei stützt er sich auf Annahmen über die Häufigkeit von Zivilisationen und Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, die auch die Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenz (Search for Extraterrestrial Intelligence - SETI) leiten. Sein Ergebnis: Die Botschaft dürfte, wenn diese Annahmen stimmen, innerhalb der nächsten 12 bis 24 Jahre eintreffen.
Schön wäre es. Denn dann würde sich vielleicht auch Frau Bulmahn endlich wirklich dem Weltraum öffnen, statt nur den kurzfristigen Nutzen auf der Erde im Auge zu haben. Bis dahin bietet so ein Kongress immerhin die Gelegenheit, wenigstens vorübergehend der irdisch-deutschen Enge zu entkommen und eine Ahnung von grenzenlosen Möglichkeiten wirklichen Wachstums zu gewinnen.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15776/1.html- Die 4 Prozent (16.10.2003 7:29)
- Letzter Absatz (9.10.2003 18:27)
- alle fragen geklärt? (8.10.2003 22:48)
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