Aufmerksamkeit

Leben am Türspion

Digitalkameras im Selbstversuch

Wer sich intensiv mit Digitalkameras beschäftigt, wird seltsame Dinge erleben. Sie sind wie jedes andere technische Gerät nicht einfach nur Dinge, sondern stecken voller metaphysischer Mucken und verändern den Nutzer unmittelbar.

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Zunächst einmal ist alles ganz harmlos. Es geht anscheinend nur um die Begeisterung des Hobbyisten für sein neues Spielzeug. Die Vorteile der digitalen Photographie waren ihm schon vorher bekannt, nun kann er sie wirklich erfahren und begreifen: Der Umweg über die althergebrachte Infrastruktur der chemischen Photographie entfällt, die Bilder können unmittelbar verwertet, ausgedruckt, im Internet präsentiert, ja sogar drahtlos kommuniziert werden. Manch einer wird an diesen Möglichkeiten Fotograf, wie der chinesische Photoblogger Ziboy, der seine Anfänge in der digitalen Fotografie so beschreibt:

August 2001. Ich kaufe eine Sony P30-Digitalkamera für ca. 300 Dollar. Vorher habe ich wenig fotografiert, hauptsächlich wegen der Kosten. Nachdem ich die Kamera gekauft habe, ist sie aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Jedes Mal, wenn ich jetzt das Haus verlasse, prüfe ich, ob ich meine Schlüssel, meine Brieftasche und meine Digitalkamera dabeihabe. April 2002. Meine Fotos auf ziboy.com verschaffen mir einen Fotografen-Job bei einer Nachrichtenagentur in Peking. Das gibt mir die Möglichkeit, öfter zu fotografieren.

Aber auch unterhalb der Profiebene ergeben sich ungeahnte Nebenwirkungen, die vor allem mit Macht und Aufmerksamkeit zu tun haben. Wer sich mit einer gezückten Kamera zeigt, wird, so unauffällig er sich geben mag, als bewaffnet angesehen. Fußgänger bleiben stehen und warten, bis er seine Arbeit beendet hat, Radfahrer ducken sich unter der Linse weg. Eine eigenartige Nervosität breitet sich im Umkreis des Fotografen aus, als sei jemand anwesend, der etwas belegen kann. Mit einem Wort: Kamera und Fotograf erzeugen im Handumdrehen Paranoia. Diese Paranoia drückt sich auch in dem misstrauischen, verwunderten oder ausgesprochen feindseligen Tonfall derer aus, die ihre Angst überwinden, und den Fotografen nach Motiv und Motivation fragen: Was da zu fotografieren sei? Welche Zeitung das drucken wolle? Was man eigentlich im Sinn habe mit diesen Blumenbildern aus einem privaten Vorgarten?

Das war immer so in der Geschichte der Fotografie, aber es gibt Faktoren, die das Spiel verändern: Die scheinbare Kontrolle über das eigene Bild hat sich wegen der rasanten Erstellungsgeschwindigkeit und der kinderleichten Kommunizierbarkeit von digitalen Fotografien in Luft aufgelöst. Wer kann sicher sein, dass die unschuldige Straßenaufnahme von vorhin nicht Minuten später im Internet auftaucht?

Der Fotobegeisterte, der mit Mühe aus seinen Urlaubsbildern private Diashows anfertigte, ist durch ein multimediales Aufzeichnungs- und Kommunikationssystem mit potentiell enormer Reichweite ersetzt worden. Früher griffen Polizisten bei Demonstrationen schon einmal zum Mittel der Zwangsbelichtung, indem sie ihr Recht auf das eigene Bild durch Herausziehen der Filme wahrnahmen. Heute kann es dem digitalen Enthusiasten durchaus passieren, dass sogar Freunde und Bekannte auf einer sofortigen Kontrolle der Bilder am Digicam-Bildschirm bestehen und eventuell die Löschung verlangen. Die Polizisten müssen sich umgekehrt immer besser vermummen, damit nicht irgendeine Vorwitznase auf die Idee kommt, ihr Verhalten der öffentlichen Debatte zu unterwerfen (vgl. Fahndung nach der Polizei).

Aber beim Fotografen ergibt sich eine eigene Form von Paranoia. Die Kamera verändert seinen Blick. Sein Auge denkt plötzlich in Motiven - hat er sein Equipment dabei, verwandelt er sich in einen misstrauischen Mieter, der jeden Besucher am Türspion kontrolliert. Die Welt wird ihm zum Hausflur, der auf der Suche nach dem guten Bild überwacht werden will. Der Unterschied ist je nach Sichtweise winzig oder riesengroß: der Fotograf hat ein ästhetisches, der Türspion-Paranoiker ein eher polizeiliches Interesse. Der Mieter erhofft Sicherheit, der Fotograf Schönheit und Bedeutung. Auch das war schon immer so, aber aufgrund der Kosten-/Nutzen-Relation bei einem digitalen Foto kann sich auch ein Fotograf ohne professionelle Ressourcen die Übung erlauben, die Schönheit und Bedeutung seines Objekts in x Einstellungen herbei zu fotografieren.

Früher oder später fallen ihm die magischen Aspekte dieser Tätigkeit auf: Er sieht plötzlich Dinge, die vorher nicht da waren und verleiht ihnen Bedeutungen, die sie vorher nicht hatten. Teils beruht das auf der Veränderung der Perspektive, teils auf einer Neuarmierung des Auges: was der Fotograf in "Blowup" erlebt, kann in milderer Ausformung heute jedem Besitzer einer 5-Megapixel-Kamera passieren: Er zoomt am PC-Bildschirm in die Aufnahme hinein und bemerkt das seltsame Detail, das ihm vorher komplett entgangen war. In der Alchimistenküche der digitalen Bildbearbeitung, die heute jedem offen steht, werden diese beunruhigenden Effekte um ein Vielfaches verstärkt.

Zwar wird die narzisstische Freude über diesen Machtzuwachs leicht gedämpft von den üblichen Beschränkungen der Apparatur: Man muss noch immer gewisse Qualitätsabstriche gegenüber der chemischen Fotografie hinnehmen, die Akkulaufzeiten sind noch zu kurz, die Kameras verlangen nach Schutz vor Feuchtigkeit, Überhitzung und Schmutz. Aber schon jetzt sind die Möglichkeiten enorm, und die technische Entwicklung wird auch hier ständig für Verbesserungen sorgen.

Was ist eigentlich die Utopie dieser technischen Entwicklung? Worauf will die digitale Fotografie hinaus? Auf eine technologische Form der Telepathie. Das Ideal wären Bilder und Filme, von den Augen selbst aufgezeichnet und im Gehirn gespeichert, die ohne Umwege über externe Apparate in Echtzeit überallhin versendet werden können. Roland Barthes hat in "Die helle Kammer" das zentrale Drama der herkömmlichen Fotografie beschrieben: sie erzwinge die Anwesenheit des bereits Vergangenen, das Sein des Nicht-mehr-Seienden.

Das zentrale Drama der aktuellen digitalen Fotografie und ihrer denkbaren neuroelektronischen Endform ist noch nicht erfasst.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15781/1.html
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