Clash im Internet?

Weigui Fang 17.10.2003

Reflexionen zur Formatierung der Entwicklungsländer, ausgehend von der "Sinisierung" des Cyberspace

Man weiß: Eine nicht formatierte Diskette erkennt der Computer nicht. Das ist auch der Grund der bekannten Disketten-Formatierung, und zwar nach einer bestimmten Norm. Diese "Regel" ist - im übertragenen Sinn - für den Anschluss ganzer Regionen und Gesellschaften unserer Welt an das Internet gültig. Man hat aber nur eine Möglichkeit: Entweder lässt man sich "formatieren"; der Standard des Systems Internet wird einen akzeptieren. So kann man sich unter Anerkennung dieses Standards an das System anschließen. Oder aber: Man lehnt die "Formatierung" ab; dann kann man allerdings nur draußen vor der Tür bleiben, da das System einen nicht erkennen kann.

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Für Manuel Castells (The Rise of the Network Society. Information Age.) hat die Globalisierung mit ihrem Informationskapitalismus (Information Capitalism) eine Art "Vierte Welt" hervorgebracht. Diese so genannte "Vierte Welt", schreibt Castells, sei die Welt jener wirtschaftlich rückständigen Regionen und Länder, deren kulturelle Werte nicht vom Informationskapitalismus anerkannt werden könnten, da der Westen oder die "Räuberstaaten" (predatory states) gegen die "subalternen" Kulturen der "Vierten Welt" voreingenommen, wenn nicht sogar herablassend eingestellt seien. In der Tat sind im Zuge des "Globalisierungsprozesses" die Werte, Normen und Spielregeln des westlich geprägten Informationskapitalismus so dominant geworden, dass scheinbar alle Länder mit ihren sehr unterschiedlichen Kulturtraditionen sich daran halten müssen.

Angesichts des dem Internet zuzuschreibenden soziokulturellen Einflusses oder der Infiltration der westlichen Kultur im Internetzeitalter befinden sich also fast alle Entwicklungsländer mehr oder minder in einem Dilemma: Einerseits können sie sich eine Ablehnung der "Formatierung" offenbar nicht leisten, weil eine Politik des entschiedenen Widerstands gegen die "Formatierung" wirtschaftlich und politisch nachteilige Konsequenzen haben könnte. Und sie gelingt ihnen vor allem auch darum kaum, weil die "Formatierung" im Sinne der Durchsetzung westlich-konsumistischer Werte auch eine Frage der sich weltweit medial durchsetzenden Diskursformen, inklusive der visuellen Sprache der Medien (auch jener des Internet!).

Aber das "Sich-formatieren-lassen" ist in gewisser Hinsicht auch eine unangenehme Sache. Man tut es manchmal recht unfreiwillig, unterwirft sich jedoch der herrschenden Auffassung, im Zuge der Globalisierung müsse jedes Land oder jede Region die eigene, herkömmliche Kultur mit einer einheitlichen Norm messen und messen lassen. Dieser "TÜV-Test" führt offenkundig zu einer Identifikation - zu einer Identifikation mit jener Norm, die von den vermeintlich Stärkeren geschaffen ist. Andererseits aber, so schreibt Derrick de Kerckhove in seinem Artikel Jenseits des Globalen Dorfes:

Je bewusster wir uns der globalen Zusammenhänge werden, desto eifriger sind wir dabei, unsere regionale Identität zu wahren - daher das Paradoxe am globalen Dorf.

Wo es in diesem Kontext, statt zu gleichberechtigtem Austausch, zu einem Aufeinanderprall unterschiedlicher kultureller Normen und Werte kommt, gewissermaßen einer kulturellen Attacke seitens der die Globalisierung vorantreibenden Kräfte, sehen dann manche schnell einen Clash of Civilizations: quasi eine Kraftprobe zwischen unterschiedlichen Paradigmen und Wertvorstellungen. In solchen Kontexten ist eine durch technologische Standards und damit einhergehende kulturelle Bedeutungen erzwungene "Identifikation" oft ein Prozess neuer Identitätsbildung, die mit soziokulturellen Erschütterungen des Althergebrachten und Spezifischen, ja mit sozialen Verwerfungen, um nicht zu sagen, mit Qualen, verbunden ist.

Trojanisches Pferd?

Scheinbar bedeutet das Informationszeitalter den Zwang zur Annahme oder Entwicklung einer neuen Norm, an der nun alles gemessen wird. Bis zum Jahr 2000 betrugen die chinesischsprachigen Online-Angebote nur ca. 4% der Angebote an weltweiten Websites, während die chinesischsprachige Bevölkerung ca. 30% der Menschen auf unserer Erde ausmacht. Dieser Digital Divide tut nicht wenigen der von der "Modernisierung" ideologisch umgekrempelten Chinesen weh.

Entsprechend wird inzwischen oft behauptet, dass aufgrund der kulturellen Bedingtheit jeder Technologie deren Übernahme auch die Übernahme der entsprechenden kulturellen Implikationen bedeute. Die Etablierung des Internet in China müsse demzufolge mit einer Übernahme westlicher Wertvorstellungen einhergehen. China würde also im Zuge seiner technologischen Modernisierung automatisch zu einem Bestandteil des von Marshall McLuhan eingeführten global village nach westlichem Vorzeichen. Es ist dies wirklich - bei aller der jüngsten Debatte in China einbeschriebenen Fetischisierung und Überbewertung von Technologien - ein ernstes Thema: Ob man will oder nicht, scheint den meisten die Globalisierung eine unwiderrufliche Tendenz zu sein. Das Reich der Mitte will dabei - glaubt man den politischen Autoritäten, den Medien und inzwischen auch dem Mann auf der Straße - keine ausgeschlossene "Insel", mithin keine Ausnahme, bleiben.

Während inzwischen der unbestrittene Globalisierungsfaktor Internetkommunikation immer mehr Menschen fasziniert und anscheinend sogar die Lebensweise mancher Menschen verändert, haben nicht wenige Chinesen, allem voran die als "altertümlich" apostrophierten kritischen Intellektuellen längst den "Wind der Geschichte" gespürt und über die Konsequenzen des vom Internet ausgehenden "Effekts" auf die spezifische Kultur Chinas reflektiert. Mehr noch: Manche haben sogar eine Art Kulturkrise herausgefühlt, und es gibt inzwischen nicht wenige, die meinen, dass im Informationszeitalter die geographischen Hindernisse des Kulturaustauschs beseitigt seien und der sich unglaublich beschleunigende und immer massivere kulturelle Ansturm des Westens allmählich die Kulturen der Dritten Welt zersetze oder marginalisiere. Die in dem medialen Ansturm implizierten, sehr partikulären und einer bestimmten Zeit und Gesellschaftsformation zugehörigen westlichen Normen und Werte erwiesen sich gleichsam als herangaloppierendes "Trojanische Pferd"; sie seien Ausdruck eines westlichen kulturellen Kolonialismus.

Sprachbarrieren im globalen Dorf

"Das Computer-Englisch hat allen den Krieg erklärt, die dieser Sprache nicht mächtig sind", schreibt Hu Yong in seinem Buch Ein andersartiger Raum (Bielei Kongjian). "Lerne unsere englische Sprache, damit wir dich verstehen können - so heißt es. Sonst werden deine Worte für immer auf verlorenem Posten bleiben."

In der chinesischen Internet-Debatte betrachtet man die vorherrschende Nutzung des Englischen nicht selten als Ausdruck einer Art "Sprachhegemonie", als "imperialistische Spur im Cyberspace", ja als Reflex eines "Kulturimperialismus". Angesichts der Tatsache, dass auch in Asien die englische Sprache und nicht die geographische und kulturelle Situierung der Nutzer die Verhältnisse im Cyberspace determiniere, warnte man in China schon früh vor "schlimmen Folgen" der Dominanz des Englischen und der englischsprachigen Anbieter.

Doch auch diejenigen - Traditionalisten wie Linke -, die in China lauthals "No English, no business, no net" schreien, stehen bei aller Vergegenwärtigung des Verlusts kultureller Eigenheiten, mitten in der lebendigen, sich verändernden Geschichte. In der Tat: Heute kommt kaum noch ein Intellektueller, ein Forscher, ein Kunstschaffender ohne das Internet aus. Und dann, im Cyberspace, einbezogen in die Gegebenheiten der Internetkommunikation, sind sie - wie viele andere Chinesen - immer wieder mit einer "Sprachbarriere", den Mühen des Zurechtkommens mit dem Englischen, konfrontiert. Ohne englische Sprachkenntnisse fühlt man sich im Cyberspace nicht wohl. Aber nicht nur dort.

Ein Amerikaner sagte neulich, ganz im Ernst, einem chinesischen Journalisten: "Ich verstehe kein einziges Wort Chinesisch. Aber ich habe ohne großes Problem hier ein paar Jahre gearbeitet und gelebt." Er meint natürlich: In einer der Großstädte Chinas. Ein Chinese in Amerika hätte sich zweifellos ohne englische Sprachkenntnisse nicht so lange Zeit ohne Probleme durchschlagen können, außer vielleicht in China Town. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ein chinesischer Künstler kam nach langer Zeit aus Amerika zurück. Als er gefragt wurde, wie er sich dort ohne englische Sprachkenntnisse so lange Zeit aufhalten konnte, war er nicht so cool und selbstsicher wie jener Amerikaner. Seine Antwort war eine rhetorische Frage: Leben dort nicht auch Taubstumme? Angesichts seines verlegenen Lächelns spürt man, ihm war die Frage unangenehm.

In der chinesischen Debatte über das, was man als Problem der Dominanz der englischen Sprache im Internet thematisiert, hören wir manchmal eine ziemlich melancholische Stimme: Die erlebte "Invasion" durch eine Sprache verletze sicher nicht das Völkerrecht. Aber für eine unabhängige Nation sei die von dieser "Invasion" verursachte Verletzung des kulturellen Selbstbewusstseins oder Selbstverständnisses vielleicht noch größer als die durch einen Krieg ausgelöste Traumatisierung.

Besonders in der gegenwärtigen Diskussion über die hybride Sprache im chinesischen Internet, vor allem in den chatrooms, sind solche klagenden Stimmen oft zu hören. Die Angehörigen der Internetgeneration dagegen - diese new species, wie man oft sagt - schwärmen vom "American way of life", pflegen das, was man inzwischen in China einen e-lifestyle nennt und würzen ihre chinesische Sprache mit Versatzstücken eines "Internet-Jargons".

Chinas kulturelle Identität im Cyberspace

Zhu Bangfu, der vor 23 Jahren das chinesische Textverarbeitungssystem "Cangjie" () erfunden hat und als "Vater des chinesischsprachigen PC" angesehen wird, äußert sich schon seit längerem in dem Sinne, dass es ihm darum gegangen sei und immer noch darum gehe, der Dominanz der englischen Sprache im IT-Sektor ein Ende zu machen. Sein Streben gilt natürlich nicht nur der "Sinisierung des Computers", er behauptete vor einem Jahr sogar, dass innerhalb von fünf Jahren China mit seinen neuen Produkten die Amerikaner hinsichtlich ihrer führenden Stellung in den entscheidenden technologischen Bereichen der internetgestützten Kommunikation ablösen wird. Es bedarf offensichtlich einer ganz schönen Portion Mut, um sich solchen Ansichten anzuschließen.

Immerhin ist die Frage, ob chinesische Internetnutzer gegebenenfalls auf Englisch verzichten können, eine kommunikations- und kulturpolitisch eminent wichtige Frage, gerade auch angesichts der weiter steigenden Zahl der Internetnutzer in China. Neben der von Zhu Bangfu bereits vor einer Reihe von Jahren auf die Tagesordnung gesetzten "Sinisierung des Computers" gibt es andere Indizien dafür, dass diese Problematik reflektiert und verstanden wird. So begann das China Internet Network Information Center (CNNIC) - unter dem Motto "Chinesen sollen selbst über die chinesischen Internetadressen bestimmen" - Ende 2000 mit der Registrierung rein chinesischsprachiger Domain-Namen: 60.000 Registrierungen gingen in den ersten Stunden ein, nach zwei Tagen waren es schon 450.000. Seither enden die chinesischen Internet-Adressen entweder mit dem Kürzel .cn oder mit , dem chinesischen Zeichen für China. Man habe damit endlich "die Sprachhürde überwunden, die Chinesen bisher den leichten Zugang zum Netz verbaut hat", hieß es 2000 in einem Artikel der Parteizeitung People's Daily.

Mit der Abwendung von der gängigen Internetnorm, wonach das Land des Nutzers mit einem aus zwei lateinischen Buchstaben gebildeten Kürzel anzugeben sei, will man im nationalen Alleingang "Chinas kulturelle Identität" im Cyberspace offensichtlich wiedergewinnen. Mag sein, dass man es sich damit etwas leicht macht und die Durchsetzung einer chinesischen Alternative für .cn überbewertet, aber es ist - zugegebenermaßen - ein Anfang. Oder auch mehr, wenn nämlich zutrifft, was Paul Treanor in seinem Artikel Der Hyperliberalismus des Internet feststellt, dass wir nämlich "möglicherweise ein Erstarken nationaler Kulturen erleben werden" und dass sich damit in Ausdifferenzierung des existierenden (hauptsächlich US-amerikanischen) Internet eine ganze andere Realität parallel existierender, nationaler Varianten entwickelt.

Bis Mai 2003 war nur von einer Testphase die Rede, in der die Registrierung und Nutzung der chinesischsprachigen URL-Adressen möglich sein sollte. Am 9. Mai 2003 kündigte CNNIC an, dass nun das dem internationalen Standard entsprechende System die chinesischsprachigen Domain-Namen offiziell integriert habe. Die chinesischen Nutzer können sich jetzt nicht nur mit dem Kürzel .cn ins Netz einloggen, sondern auch mit  , oder , den chinesischen Zeichen für China, net und com. Man kann z.B. mit zur Website der Peking Universität gehen. Statt dem englischen dot zwischen dem chinesischen Namen und dem Kürzel kann der Nutzer den chinesischen Punkt verwenden, um sich den umständlichen Sprachwechsel auf der Tastatur zu ersparen. Im Moment sind bereits eine halbe Million solcher auf lateinische Buchstaben verzichtenden chinesischen Domain-Namen registriert.

Der Einstieg in eine vorgeblich globale "Kommunikationsgesellschaft" stellt China in verstärktem Maße vor eine Frage, die bereits seit dem 19. Jahrhundert Chinas Geschichte prägt: nämlich, ob das Land einen Kurs "fortschreitender Verwestlichung" einschlagen oder unter nostalgischer, kulturkonservativer Verteidigung seiner "traditionellen" Werte vor allem westliche Technologien einführen soll? Die fortschrittlicheren unter den Intellektuellen wissen natürlich, dass es darum gehen muss, bei gleichzeitiger Weiterentwicklung seiner eigenen, spezifisch chinesischen Soziokultur (mit ihren den konkreten Lebensumständen und Bedürfnissen der Bevölkerung entspringenden Wertvorstellungen) sich einem gleichberechtigten Austausch mit anderen Kulturen der Welt nicht zu verschließen.

Wegen der Sprachbarriere, die das Englische im Internet in bestimmter Hinsicht darstellt, und angesichts der Tatsache, dass nicht jeder aus dem einfachen Volk bereits gut mit dem Computer umgehen kann, wird in der chinesischen Debatte der Einführung der chinesischen URL-Adressen ganz offensichtlich eine strategische Bedeutung für die Verbreitung und Entwicklung des Internet in China zugesprochen. Im Augenblick sind allerdings die meisten chinesischen Websites noch unter .com im Ausland registriert. Dies bedeutet nicht nur einen Devisenabfluss und eine Belastung des internationalen Breitbands. Man ist außerdem noch besorgt wegen der Datensicherheit und einer möglichen Abschaltung oder Lahmlegung des Service in kritischen Zeiten.

"Wie dem auch sei"

In den USA kann man viele von amerikanischen Unternehmen genutzte Domain-Namen finden, die gebildet wurden, indem einfach der Firmenname mit dot-com (.com) verknüpft wurde. Davon ausgehend, kann man - kennt man den Namen eines bekannten US-Unternehmens - häufig auch auf den genutzten Domain-Namen tippen. Bei chinesischen Unternehmen ist es aber kaum möglich, ihre Domain-Namen zu erraten. Daher haben die sogenannten Internet-Schlüsselbegriffe (Schlüsselworte, statt URL), welche die Navigation im Internet erleichtern sollen, eine besondere Bedeutung in China: Der Nutzer braucht also nicht die vielen, fraglos komplizierten URL-Adressen von chinesischen Firmen auswendig zu lernen. Der erfolgreiche Internet-Dienstleister www.3721.com z.B. ermöglicht den Zugriff auf Web-Seiten ausschließlich über die Eingabe von Schlüsselbegriffen. Man findet dort also durch Eingabe des Namens der jeweiligen Firma oder eines ihrer Produkte, wenn diese bei besagtem Dienstleister registriert sind, direkt die einschlägigen Informationen im Netz.

Gegründet wurde 3721.com im Jahre 1998 in Peking. In der chinesischen Umgangssprache gibt es ein geflügeltes Wort: "Egal, dass 3 mal 7 ja 21 gleicht." Zu Deutsch: "Wie dem auch sei." Oder: "Komme, was da wolle." Das ist auch das Motto von 3721.com - jenes Anbieters, der ein lukratives Geschäft in der Erfüllung der Aufgabe entdeckte, mit Hilfe verschiedener chinesischer Programme dem einfachen Internetnutzer, der weder Englisch- noch viele Computerkenntnisse hat, schnell und einfach den Zugang zum Netz zu verschaffen. Auch dieses ist ein signifikantes Beispiel, wie "Sinisierungs"-Ziele pragmatisch definiert werden.

Der Unterschied zwischen der primären Stützung auf URL-Adressen und dem Gebrauch der Navigationshilfe "Schlüsselworte" besteht übrigens wohl hauptsächlich darin, dass der Nutzer nun nicht mehr http://, www, com,net, cn oder deren chinesischen Pendants einzugeben braucht, sondern nur keywords. Vor allem über 3721.com kann man mit keywords zu den gewünschten Adressen und Informationen kommen und so angeblich das finden, "was man will".

Inzwischen ist "3721" angeblich schon so weit, dass sein tool - also eine Art "Vermutungsprogramm" - vorgeblich sogar den Zweck des Nutzers "erraten" kann, wenn er sich vertippt oder den Suchbegriff ("entry") nicht ganz richtig eingegeben hat. Eine technische naive Programmierung steckt dahinter: Gängigen Termini werden nur unwesentlich abweichenden Varianten automatisch zugeordnet. In diesem Fall gibt es dann u.U. mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Zum selben Ergebnis kann der Nutzer übrigens auch mit dem einfachen Pingyin-System (also der latinisierten Transkription chinesischer Wörter) kommen. Das funktioniert, als ob man Schlüsselbegriffe eingebe, indem man nun die lateinischen Buchstaben hulianwang eintippt statt (den chinesischen Zeichen für dieselbe Sache: Internet).

Inzwischen können bereits 90% der chinesischen Internetnutzer ihre Suche über IE, MSE Explorer, Netscape, Mozilla, Opera, Net Captor und Tengxun () starten, die alle das Keyword-Konzept unterstützen. Entsprechend sind gegenwärtig bereits über 300.000 Unternehmen in China unter solchen Schlüsselworten registriert, so zum Beispiel die Xinhua Nachrichten-Agentur oder auch Microsoft. Die tägliche Zahl der Navigations-Zugriffe über Schlüsselbegriffe beträgt mehr als 30 Millionen.

Eine aktuelle repräsentative Usability-Umfrage in bezug auf Einfachheit, Präzision, Verlinkung, Intelligenz, Funktionalität etc. von herkömmlichen URL-Adressen, chinesischen Domain-Namen und chinesischer Schlüsselworte-Navigationshilfen belegt, dass die letztgenannte Möglichkeit einen großen Vorsprung aufweist, und zwar noch weit vor den zweitplatzierten chinesischen Domain-Namen. In China ist der "Generationswechsel" hinsichtlich des Internetzugangs nach anfänglichem Setzen auf IP über das Bevorzugen der üblichen URL-Adressen nun in die dritte Phase (jene der Schlüsselbegriffe) geraten, wobei die Form von allgemein als eine Art Übergang erachtet wird.

"Mit der chinesischen Schlüsselwort-Navigationshilfe hat der chinesische Internetzugang allmählich einen eigenen Standard geschaffen", heißt es in den Medien. "Dieser entspricht viel eher dem Wunsch und der Gewohnheit der chinesischen Internetnutzer und stellt im Moment die beste Navigationsmethode in den chinesischen Webs dar." In der oben erwähnten Umfrage hat sich 3721.com mit seinen als hervorragend apostrophierten Dienstleistungen den besten Platz gesichert. Der die Ambition von Zhou Hongyi, dem Gründer von 3721.com, ausdrückende Wahlspruch lautet übrigens: "Damit die Chinesen in der eigenen Muttersprache ins Netz gehen können."

Dasselbe unter der Bezeichnung 3721.com firmierende Unternehmen - bahnbrechend und führend im Bereich der chinesischsprachigen Internet-Dienstleistung - hat inzwischen übrigens auch das System der chinesischsprachigen Email-Adressen, bezeichnet als Cmail, entwickelt und ab Mitte August 2003 offiziell ins Internet integriert. Bereits vor der offiziellen Einführung des Cmail haben sich 1,2 Millionen Nutzer registrieren lassen; bis Ende Oktober wird es voraussichtlich 10 Millionen Cmail-Adressen geben. Wie chinesischsprachige Internetangebote generell, so werden auch Cmail-Adressen für die chinesischsprachigen User gang und gäbe sein. Dies kann eigentlich nicht verwundern, denn wie Umfragen zeigen, sind die aus Amerika stammenden, auf lateinischen Buchstaben basierenden Email-Adressen nach dem Muster "abc@def.gh" immer noch zu kompliziert für viele chinesische Nutzer.

Bei dem von 2731.com entwickelten System kann der Nutzer nun eine Cmail-Adresse haben, die deutlich anders konzipiert ist, und zwar z.B. nach der Art: ("Zhang Yimou@Regisseur") oder auch ("Fang Weigui@Trier"). Diese Art Email-Adresse ermöglicht u.a. auch den Ausdruck einer Eigentümlichkeit des Email-Nutzers, also individuelle Töne in den Email-Adressen. Abgesehen von der völlig freien Namensgebung kann man hinter dem @-Suffix nun einen Schlüsselbegriff, eine Website, Firma, Region, Branche, ein Hobby, einen Beruf usw. nennen.

In der chinesischen Internet-Debatte wird der Einführung chinesischsprachiger Email-Adressen (inzwischen ein Markenprodukt der nach "Kreativität und Simplizität" strebenden 3721.com!) eine umwälzende Bedeutung zugesprochen - und zwar nicht nur für die Erleichterung des e-Commerce in China, sondern vor allem für die Durchsetzung einer spezifischen kulturellen Ausprägung und damit für die Regionalisierung des globalen Mediums Internet.

So wie Popmusik

Eine relativ neue Untersuchung zeigt, dass in China unter den beliebtesten Filmen und Schauspielern durchaus westliche Produkte und westliche Stars zu finden sind; aber die beliebtesten Sänger zum Beispiel sind ausnahmslos chinesischsprachige Darsteller. Hier ist offensichtlich das Gewicht einer sprachlichen Hürde im Spiel, da man - wenigstens in der Sphäre der Popmusik - nur selten ein fremdsprachiges Lied ins Chinesische übersetzt. Betont wird in China derzeit aber auch bei der Internetnutzung zunehmend die eigene Sprache und Kultur. Offensichtlich will man mit dem verstärkten Gebrauch des Chinesischen im Internet dieses noch neue Medium populärer und seinen Einsatz fraglos auch lukrativer machen.

Die Praxis scheint daher nicht unbedingt für die These der zunehmenden "Verwestlichung" und Anglo-Amerikanisierung Chinas durch das Internet zu sprechen. In der Debatte über diese Frage vernimmt man inzwischen nicht selten die Auffassung, entsprechend dem Modell des technologischen Instrumentalismus sei jede Form der Medientechnik und medialen Kommunikation als wertfrei und kulturneutral zu betrachten. Das Internet gilt insofern trotz seiner "Erfindung" im Westen nicht als per se westliches Instrument. Es kann in unterschiedlichen Soziokulturen unterschiedlich genutzt, kann unterschiedlichen Bedürfnissen der jeweiligen Bevölkerungen angepasst werden.

Hinsichtlich der jeweiligen Art der Internetnutzung würde dies also bedeuten, dass in China aufgrund des spezifischen kulturellen Kontextes auch eine chinesische Form der Internetkommunikation entstehen kann. Es verhält sich, so argumentiert man, genau so wie mit der längst erfolgten Rezeption von westlichen Popmusik-Moden in China: Das Konzept von Popmusik, von massenwirksamem Entertainment, das Starsystem - allesamt bis in die 70er Jahre kritisierte und verpönte Phänomene - wurden übernommen. Inzwischen ist aber in China auch bei den jungen Leuten die chinesische Popmusik (mit mehr oder weniger verstehbaren Texten und durchaus anderen Tönen als im Westen) wesentlich beliebter als die Popmusik-Importe aus dem Westen.

Anhand der beschriebenen Relation von übernommenen und nicht übernommenen Momenten der westlichen (vor allem US-amerikanisch geprägten) "Popkultur" im chinesischen Kontext seit den 1980er Jahren lässt sich jenes Phänomen reflektieren, das uns brennend interessiert, wenn wir die Frage nach den dominanten, nicht nur mit der neuen Technologie, sondern vor allem mit den weltweiten Inhalten des Internet verknüpften Einflüssen des neuen Mediums sowie nach Art und Ausmaß der "Sinisierung" des Internet stellen. Während natürlich die offiziellen kulturpolitischen Befürworter der "Sinisierung" darin eine Waffe zur Abwehr bestimmter, unerwünschter Inhalte sehen mögen, eine Refokussierung des Nutzer-Bewusstseins auf eine "chinesische Gedankenwelt."

Bei der Internettechnologie haben sich die Chinesen in einem gewissen Sinne also zuerst "formatieren" lassen; mit der Zeit jedoch haben sie sich ganz offensichtlich in einigen Punkten mit der vorgestanzten amerikanischen Norm nicht abfinden wollen. Sie haben sozusagen das Muster "übernommen" und dann variiert, indem sie gemäß den eigenen Bedürfnissen und Wünschen (sowohl von der Anbieterseite aus wie, im Nachvollzug der neu gelieferten Optionen, von der Nutzerseite aus) "einheimische" Vorstellungen - oder was dafür ausgegeben werden konnte - umgesetzt haben, sodass man inzwischen z.B. über einen "spezifisch chinesischen" Internetzugang verfügt.

Es geht hier ohne Zweifel um ein vom Geschäftskalkül induziertes, auf Erleichterung der Internetnutzung für die keine Fremdsprache beherrschenden Massen setzendes Unterfangen, aber zugleich durchaus auch um eine "kulturell induzierte" Umformung. Und gerade hier zeigt sich dann ein wichtiges Moment, bei welchem man wohl bereits von einer kulturspezifischen Aneignungsform von Online-Angeboten sprechen kann.

Das chinesische Internet "okkupiert" durch Schaffung der chinesischsprachigen URL-Adressen die "Konvention" aus Amerika, um dem Internet so eine spezifische Kulturkomponente zu unterlegen. Diese Aufhebung stellt fraglos auch eine psychosoziale Widerstandsreaktion gegen eine totale "Formatierung" dar. Dass die chinesischen Verhandlungsführer (stellvertretend für Anbieter und Nutzer in China) mit ihrem Bestehen auf "eigenartigen" Domain-Namen sich bei der Internet Engineering Task Force (IETF), einer der bedeutendsten Organisationen für Internetstandards, durchgesetzt haben, ist selbstverständlich ein Ärgernis für das auswärtige Registry-Geschäft, vor allem jenes des monopolistischen VeriSign/NSI, des Betreibers der zentralen Datenbank für .com-, .net- und .org-Adressen. Es bedeutet aber ein Stück chinesisches Selbstbewusstsein und Durchsetzung von Rücksichten auf die Bedürfnisse chinesischer Nutzer.

Ein subtiles Gefühl

Fördert das Internet auf diese Weise die Herausbildung kultureller Identitäten? Ist dieser kleine Erfolg schon als eine Sicherung (oder Rückgewinnung) einer Art chineseness zu verstehen? Begreift man Identität im Sinne eines dynamischen, sozialen Konstruktes, so besteht ein wesentlicher Bestand ihrer Erforschung in der Analyse der sie konstituierenden Prozesse.

Mit der Betonung der chinesischen Sprache im Internet will man sozusagen Farbe bekennen oder - anders gesagt - gegen den auch durch die amerikanische technologische Führungsrolle begünstigten US-Kulturhegemonismus opponieren. Vielleicht geht es hier auch um den Ausdruck jenes, Chinakennern nicht unbekannten "subtilen Gefühls" oder gar um die Ambition, die etwa Zhang Chaoyang, Chef von Sohu.com und einer der Protagonisten des chinesischen Internet, folgendermaßen ausdrückt: "Es gilt, 300 Jahre Demütigung zu überwinden!" - Hier handelt es sich wohl um das besonders seit dem Opiumkrieg immer wieder zu beobachtende Ressentiment vieler Chinesen: Angeblich ein hervorragendes Volk, sieht man sich seit Jahrhunderten schlecht behandelt, ausgebeutet und gedemütigt vom Westen. Endlich scheint nun vielen die Zeit gekommen, wo China (nicht zuletzt auch in bezug auf das Internet) mehr oder minder mit den globalen Trends Schritt halten kann.

Einer bestimmten These zufolge bleibt die Aneignung neuer Technologien, wie hier die Nutzung des Internet, kulturimmanenten Rationalitätsnormen unterworfen. In gewissem Sinne handelt es sich bei der Entwicklung und Durchsetzung des chinesischsprachigen Internetzugangs ebenso wie bei der "Sinisierung des Computers" einerseits um Bestandteile eines hinter dem Rücken der Akteure sich vollziehenden Prozesses der Herausbildung neuer kollektiver Identitäten, andererseits um die bewusste Betonung kultureller Eigenständigkeit, um die bewusste Vorgabe des Ziels der letztendlichen Durchsetzung einer Art Internet mit chinesischen Vorzeichen, d.h. auch mit eigenen Kommunikationsformen in der Muttersprache. "Weil elektronische Kommunikation Mauern ignoriert und dafür Sprache auf den obersten Rang erhebt, taucht Sprache erneut als Prinzip der Identität auf", um hier noch einmal mit Kerckhove zu sprechen.

Nicht ohne Grund wird in den chinesischen Medien die neue Errungenschaft der chinesischen Domain-Namen wegen ihrer angeblichen "Affinität zur chinesischen Kultur" gepriesen. Es geht dabei ganz offensichtlich auch um die Suche nach einer chinesischen Identität und um das dieser Identität zugrunde liegende Wertesystem. Solche Manifestationen regionaler Identitäten im Bereich der Kultur und hier besonders der Medien sieht man allerdings nicht nur in China oder auch Greater China (d.h. VR China/Hongkong, Taiwan und Singapur). So gibt es z.B. inzwischen außer chinesischen auch japanisch- und koreanischsprachige URL-Adressen.

Gescheitert ist vor diesem Hintergrund eine Bemühung, die fast so alt wie die weltweite Etablierung des Internet ist und davon ausgeht, dass Interoperabilität der Netze und ein einheitliches Domainnamen-System Grundvoraussetzungen sind, um sozusagen die Einheit des Internet zu wahren und ein Auseinanderfallen in konkurrierende Systeme und Domänen zu verhindern.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15787/1.html
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