Aufmerksamkeit

Offen für die Reizüberflutung

Thorsten Stegemann 07.10.2003

Sind kreative Menschen besonders anfällig für Persönlichkeitsstörungen?

Dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen, weiß der Volksmund schon seit Ewigkeiten, und möglicherweise hat er mit dieser etwas biederen These gar nicht so unrecht. Amerikanische und kanadische Forscher behaupten im Journal of Personality and Social Psychology jedenfalls, dass zwischen der Möglichkeit, außergewöhnliche kreative Leistungen zu erbringen, und der Anfälligkeit für psychische Störungen ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Diese These ist nicht neu, aber ihre Begründung verdient immerhin Beachtung.

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Die Forscher der kanadischen University of Toronto und der US-amerikanischen Harvard University verdanken ihre Erkenntnisse einer Studie mit 86 Harvard-Studenten (33 Männer, 53 Frauen; Durchschnittsalter 20,7 Jahre). Die Probanden wurden nach möglichen Depressionen, Angstzuständen und Anfällen von Langeweile sowie nach ihrem Alkohol- und Koffeinkonsum befragt. Anschließend versuchten die Forscher, das kreative Potenzial der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu definieren, indem sie außergewöhnliche Leistungen in den Bereichen Kunst und Wissenschaft, die Schnelligkeit, Originalität und Flexibilität bei der Lösung bestimmter Aufgaben und den Umgang mit der Ende der 70er Jahre entwickelten "Creative Personality Scale" untersuchten.

Außerdem wurde ein IQ-Test und ein Persönlichkeitstest durchgeführt und schließlich noch untersucht, wie ausgeprägt die "latente Inhibition", die unbewusste, mit der selektiven Aufmerksamkeit zusammen hängende Fähigkeit des Gehirns, bestimmte (nebensächliche oder sich wiederholende) Reize der Umwelt auszublenden, bei den verschiedenen Versuchspersonen war. Auf die Fragen, ob es a) signifikante Unterschiede zwischen kreativ veranlagten und "normalen" Menschen gibt und b) ein Zusammenhang zwischen besonderer Kreativität auf der einen und einer gestörten "latenten Inhibition" besteht, ergaben zwei getrennte Studien interessante Antworten. Der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson fasst zusammen:

Kreative Menschen nehmen offenbar dauernd Informationen aus ihrer Umwelt auf. Normale Menschen klassifizieren ein Objekt, und dann vergessen sie es, auch wenn dieses Objekt viel komplexer und interessanter sein mag als sie denken. Bei kreativen Menschen ist das anders. Sie sind ständig offen für neue Möglichkeiten.

Das klingt nicht gerade beängstigend, und ist in der Tat unproblematisch oder sogar förderlich, wenn diese Offenheit mit hoher Intelligenz und einem guten Erinnerungsvermögen verknüpft ist. Der so begabte Mensch ist in der Lage, verschiedene Dinge gleichzeitig zu bearbeiten (multitasking) und eine Vielzahl positiver Effekte zu erzielen. Wenn die Signale der Außenwelt allerdings unkontrolliert einströmen und das Gehirn permanent beschäftigen, stellt sich die Lage anders dar:

Wenn man 50 Ideen hat, sind vielleicht nur zwei oder drei wirklich gut. Man muss das unterscheiden können, oder man wird überschwemmt.

Wer die Informationsflut nicht begrenzen kann, gerät schnell in ein Stadium, das dem einer beginnenden Schizophrenie nicht unähnlich ist. Die Überzeugung von einer tieferen Einsicht in das Weltgeschehen verbindet sich in diesen Fällen oft mit dem Bewusstsein eines mystischen Wissens und pseudoreligiösen Erweckungserlebnissen, die vielfach auf schwere Persönlichkeitsstörungen hinweisen. Die mangelnde Fähigkeit zur "latenten Inhibition" wurde bei kreativen Menschen nach Auskunft der Wissenschaftler sieben Mal öfter registriert als bei ihren "normalen" Artgenossen. Peterson ist davon überzeugt, dass die Ergebnisse der bisherigen Forschungen einen veritablen Durchbruch bedeuten:

Es scheint so, dass wir nicht nur eine der biologischen Grundlagen von Kreativität identifiziert haben, sondern auch noch der Lösung eines uralten Geheimnisses auf die Spur gekommen sind

Der Beziehung zwischen Genie, Wahnsinn und den Toren der Wahrnehmung.

Ob dieser Optimismus berechtigt ist, muss aber erst einmal abgewartet werden. Auch die beteiligten Wissenschaftler wissen schließlich über Details der neurobiologischen Vorgänge noch kaum etwas zu sagen, und die spannende Frage, ob die Disposition eines Menschen möglicherweise genetisch bedingt ist, wird mit dem Vorbehalt "perhaps" versehen. Derzeit entwickeln die Psychologen deshalb präzisere Test- und Untersuchungsmethoden, um das Phänomen der "latenten Inhibition" genauer beschreiben und analysieren zu können. Darüber hinaus soll erforscht werden, wie sich andere Persönlichkeitsfaktoren oder das Erinnerungsvermögen auf das komplizierte Verhältnis von hoher Kreativität und geschwächter "latenter Inhibition" auswirken.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15797/1.html
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