Kampf um den Online-Nachrichtenmarkt

08.10.2003

Die großen spanischen Tageszeitungen El Pais und El Mundo haben dem Nachrichtenportal Periodista Digital untersagt, Inhalte auch in Form von Titeln zu übernehmen oder "deep links" zu legen

Angesichts einer gemeinsamen Abmahnung der beiden großen spanischen Tageszeitungen El País und El Mundo hat der Nachrichtenüberblicksdienst El Periodista Digital, der kurze Inhaltsangaben und Artikeltitel mit Links anbietet, teilweise den Rückzug angetreten. Bezahlinhalte der beiden Medien werden nun dort nicht mehr veröffentlicht. Wegen der breiten Unterstützung kündigt Periodista Digital aber eine "Schlacht" für ein neues Gesetz über geistiges Eigentum an.

Alles begann vor fast zwei Wochen, als Periodista Digital eine Abmahnung von Augustin Gonzalés Garcia erhielt. Der vertritt die Firma Gedeprensa, in der verschiedene Verlage zusammen geschlossen sind. Mit einer Frist von zehn Tagen mahnte Garcia die Unterlassung verschiedener Handlungen an: "Die Entnahme und Wiederverwertung von substanziellen Teilen der Webseiten" und die "Reproduktion und Aufbewahrung" von "Fragmenten der Frontseite, Titeln oder kompletten Texten, Leitartikeln oder Kolumnen" von El País und El Mundo wird untersagt. Selbst "deep links auf Teile und Inhalte" in beiden Medien seien "Verstöße gegen das geistige Eigentum". Sie würden täglich auf 23 Webseiten wiederholt, für die David Rojo Lopez verantwortlich zeichne.

Periodista Digital hat teilweise den Rückzug angetreten. Die Plattform hat auf ihren Seiten mitgeteilt, man werde nun zunächst keine Bezahlangebote mehr veröffentlichen, auch wenn dies "rechtlich fragwürdig" sei. Es sind auch keine Zusammenfassungen oder Titel der beiden Medien zu finden, wenngleich weiterhin Links auf deren Artikel und Inhalte verweisen.

In einem Artikel unter dem Titel "Hexenjagd oder Leitartikelpiraterie?" weist David de Ugarte die Vorwürfe von Gedeprensa weitgehend zurück. Drei Ausgaben von Periodista Digital habe man mit den jeweiligen Ausgaben von El País und El Mundo verglichen. In keinem Fall seien mehr als drei Prozent des Inhalts der Zeitungen veröffentlicht worden. Von einer Verwertung von substanziellen Teilen könne keine Rede sein. Das die Titel und Zusammenfassungen übernommen werden und Links gelegt worden seien, wird eingeräumt.

Doch warum wird ausgerechnet Periodista Digital angegriffen? Denn weder El País noch El Mundo gehen gegen Schnipseldienste vor, die ihre Artikel in voller Länge verbreiten. Selbst digitale Schnipseldienste wie Aragon Digital haben bisher keine Abmahnung erhalten Auch mit Google News España legt man sich nicht an. Wie Periodista Digital übernimmt auch Google zum Teil die Titel und die Zusammenfassungen der Zeitungen. Ugarte fragt: "Warum ist es ein Vergehen, wenn Rojo das macht, und keines, wenn das ein nordamerikanischer Multi tut?"

Geht es den beiden Zeitungen darum, die meist gelesene Internetplattform mit überzogenen Forderungen und einer Prozesslawine aus Netz zu drängen, um ihre Position zu verbessern? Zwar gibt es keine vernünftigen Zahlen, aber es wird allseits vermutet, dass El País und El Mundo gescheitert sind, als beide im vergangenen Jahr den Inhalt ihrer Webseiten kostenpflichtig gemacht haben. Anfragen an die große El País über die Nutzung ihres Bezahlangebots wurden auch dem Autor nicht beantwortet.

Die Plattform Hispanidad vermutete nach der Abmahnung einen Generalangriff auf unabhängige und unkontrollierbare Internetmedien:

Der Angriff auf Periodista Digital ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist der Beginn eines großen Krieges, den die Medienmagnaten zur Gewinnung der Kontrolle über die Informationsgesellschaft lostreten-

Doch um Kontrolle allein geht es wohl nicht, denn Gedeprensa geht es auch ums Geld. Die Firma behauptet, ihr gingen jedes Jahr 90 Millionen Euro verloren, weil nichts für Autorenrechte der Artikel bezahlt werde. Doch wer glaubt, Gedeprensa wolle armen Journalisten zu ihrem Recht verhelfen, täuscht sich. Die hätten meist nichts von dem Geld. Mit den Arbeitsverträgen in Spanien gehen die Autorenrechte meist auf den Verlag über.

Letztlich geht es darum, neue Geldquellen zu erschließen, wie es auch ein Gesetzesentwurf über geistiges Eigentum vorsieht, der aus der Feder von Gedeprensa zu kommen scheint. Danach fielen nicht nur für die Veröffentlichung eines Artikels Kommissionen an, selbst einen Link auf einen Artikel zu legen oder daraus zu zitieren, würde kostenpflichtig, wenn der Entwurf aus dem Kultusministerium durch käme. Im Effekt bedeutete dies das Verschwinden von Plattformen wie Periodista Digital, weil sie das Geld kaum aufbringen könnten.

Wegen der massiven Unterstützung durch die Internetmedien und die Netizens kündigte Periodista Digital die "ultimative Schlacht" für ein neues Gesetz über das geistige Eigentum an:

Die Zeit ist vorbei, in der die Lobbyisten und Monopolisten nicht hinterfragt wurden. Die Netzzeit hat begonnen.

Da vor einem Jahr das umstrittene "Gesetz für die Dienste der Informationsgesellschaft und des E?Commerce (LSSI) der konservativen Regierung nicht verhindert werden konnte, klingt dies etwas illusorisch. (Link zum Text zum Beginn von LSSI vor einem Jahr)

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