Affe denkt, Roboter tut: Open Access-Journal beginnt hochkarätig

Nach langem Vorspiel präsentiert die Public Library of Science nun endlich die Erstausgabe von "PLoS Biology"

Lange, man kann sagen seit Jahren, wurden sie schon angekündigt, die für Leser kostenlosen Onlinezeitschriften für Forschungsliteratur der Public Library of Science. Vor einem Jahr gelang es der Stiftung mit Sitz in San Franzisko, auf einen Schlag neun Millionen Dollar Spenden einzufahren. Ein weiteres knappes Jahr später liegt nun die Erstausgabe von PloS Biology vor. Das Magazin soll zunächst monatlich erscheinen. Im Sommer 2004 wird es durch eine zweite, gleich konzipierte Onlinezeitschrift, PLoS Medicine, ergänzt. Es gibt auch eine Printausgabe, die dann Geld kostet.

Die Erstausgabe ist mit hochkarätigen Wissenschaftlern besetzt. So präsentiert die Arbeitsgruppe um Miguel Nicolelis aus North Carolina, eine der führenden Arbeitsgruppen auf dem Gebiet der so genannten Brain-Computer-Interfaces (BCI) eine Arbeit, bei der erstmals Affen mit Gedanken gezielt einen Roboterarm bewegen. Die Nervenzellaktivität wird dabei von Elektroden im frontoparietalen Cortex (Großhirnrinde oberhalb der Schläfengegend) aufgezeichnet, die die elektrischen Potenziale einer großen Zahl einzelner Nervenzellen ableiten. Ein Kollege von Nicolelis, Johan Wessberg, ebenfalls aus North Carolina, hatte zwar auch schon einmal einen Roboterarm auf diese Weise bewegt, aber ohne visuelle Feedbackschleife. Mit Feedback, also als gezielte Bewegung, hatte das bisher nur Dawn Taylor von der Arizona State University geschafft, allerdings mit einem Cursor, nicht mit einem Roboterarm.

Die genannten Arbeiten sind in den vergangenen Jahren entweder in Nature oder in Science veröffentlicht worden, und auch Nicolelis hätte wohl kein Problem gehabt, seine Arbeit wieder dort zu platzieren, wie er das schon öfter getan hatte. Er entschied sich dennoch für PLoS Biology und verschafft dem Journal, das mit dem expliziten Anspruch antritt, Konkurrenz sein zu wollen für Platzhirsche wie "Nature" oder "Cell", damit einen Achtungserfolg gleich zu Beginn. Viel Aufmerksamkeit erhielt auch ein anderer Artikel der Erstausgabe, der sich mit der Evolution der Elefanten von Borneo auseinandersetzt.

Autor zahlt - eine ganze Menge

Auch sonst greift PLoS in die vollen: Trotz der neun Millionen Dollar Startkapital verlangt PLoS Biology von Wissenschaftlern, die veröffentlichen wollen, stolze 1500 Dollar pro Artikel. Zum Vergleich: Das ebenfalls im Jahr 2000 völlig ohne Spendengelder gestartete Privatunternehmen BioMed Central, das vor einem Jahr mit dem Journal of Biology ein ähnlich konzipiertes Open Access-Magazin auf den Markt beziehungsweise ins Internet warf, verlangt lediglich 500 Dollar, macht allerdings nach eigenen Angaben noch keinen Gewinn.

Interessanter als die Höhe der Summen ist im Moment allerdings die Frage, ob sich das Finanzierungsmodell, mit dem sowohl PLoS als auch BMC arbeiten, durchsetzen kann, das "Autor zahlt"-Modell. Die Idee dabei ist natürlich, dass nicht die Wissenschaftler selber, sondern die jeweiligen Förderorganisationen, wenn es sie denn gibt, die Kosten übernehmen.

Nach anfänglichem Zögern läuft das jetzt für die Open Access-Anbieter ganz gut an: Der britische Wellcome-Trust hat signalisiert, dass er die PLoS- und BMC-Gebühren übernehmen würde, dergleichen die NIH. In Deutschland ist die Max Planck-Gesellschaft jüngst BMC beigetreten und ermöglicht so über einen jährlichen Pauschalbetrag ihren Wissenschaftlern unbegrenztes Publizieren in BMC-Journalen. Insgesamt billiger wird das wissenschaftliche Publikationswesen auf diese Weise natürlich nur, wenn andere Blätter, für die die Bibliotheken Abogebühren berappen müssen, irgendwann eingehen. Das ist die eigentlich spannende Frage, die sich aber nur langfristig beantworten lassen wird.

In Sachen Karriere geht eine kalifornische Wissenschaftlerin lieber auf Nummer sicher...

Derweil streiten sich in den USA kommerzielle Verlage und Open Access-Advokaten gleich auf mehreren Ebenen. Auf Initiative von PLoS hat im Sommer der republikanische Senator Martin Sabo eine Gesetzesinitiative ins Repräsentantenhaus eingebracht, die es Verlagen auferlegen soll, die Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung von Beginn an frei verfügbar zu machen. Die meisten kommerziellen Verleger halten dieses Ansinnen für hoffnungslos, schon weil sich öffentliche und private Finanzierung oft nicht klar aufdröseln lässt.

Zu einem pikanten Zwischenfall kam es im Sommer auch beim angesehen New England Journal of Medicine (NEJM). Ein von einer jungen Wissenschaftlerin dort eingereichter Artikel über Nierenimmunologie wurde zunächst akzeptiert und dann doch abgelehnt, weil sich herausstellte, dass ein in die Veröffentlichungsbedingungen nachträglich eingefügter Satz eine Veröffentlichung im NEJM an die PLoS-Statuten knüpfte. Eingefügt worden war der Satz von Patrick Brown, einem Co-Autor der Studie und Mitbegründer von PLoS. Vor allem für die junge Wissenschaftlerin war das ganze ein Desaster, denn an so einem Artikel kann die Karriere hängen. Brown gab schließlich nach, allerdings nur unter der Bedingung, dass sein Name komplett von dem Artikel gestrichen werde. Das wiederum lehnte das NEJM ab. Man einigte sich schließlich darauf, Brown nicht mehr als Autor, sondern nur noch als jemand zu führen, der zu der Arbeit beigetragen hat, woraufhin der Artikel dann doch im NEJM erschien.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (5 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Torsten Engelbrecht 12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

weiterlesen

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Warum man jeden neuen Emmerich-Film gesehen haben sollte

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.