Massensterben bei den Blogs?

15.10.2003

Wie sich die Ergebnisse einer Untersuchung gegen den Strich bürsten lassen

Blogs oder WebLogs sind ein Massenphänomen. Ihre Zahl geht weltweit in die Millionen - Grund genug für die amerikanische Statistiksoftwarefirma Perseus, das Thema Blogs in einer Untersuchung statistisch abzuklopfen. Griffiges Ergebnis dieser Studie: Die meisten Blogs sind verwaist.

Eine beliebte Methode, um auf sich und seine Firma aufmerksam zu machen, ist es, eine griffige Pressemeldung zu lancieren. Und da eine gute Meldung zumindest ansatzweise eine Botschaft braucht, die mehr als bloße Eigenwerbung ist, bieten sich für finanzkräftige Firmen Studien zu möglichst aktuellen Themen an. Anschließend werden die Ergebnisse in möglichst plakativer Form per Pressemitteilung unter die Leute gebracht. Jüngstes Beispiel dieser PR-Strategie ist eine Studie des amerikanischen Statistiksoftwareproduzenten Perseus zum Phänomen der Blogs.

Blogs gibt es zu allen möglichen (und unmöglichen) Themen im Netz. Sie können rein persönliche Online-Tagebücher sein, interessant nur für einen eingeschränkten Nutzerkreis. Andere Blogs lassen sich als eine Mischung aus Online-Zettelkasten und privatem Internetmagazin beschreiben. Rein persönliche Berichte findet man in ihnen ebenso wie Nachrichten von allgemeinem Interesse. Blogs filtern das Web, kommentieren Web-Inhalte und selektieren Lesenswertes für ihre Besucher. Die Nachrichtenauswahl ist immer subjektiv. Die Kommentare sind oft ironisch bis sarkastisch und gegen den Strich gebügelt. Sie bereichern als subjektive Nachrichtenbörsen das Netz und sorgen für Informationsvielfalt abseits der großen, kommerziellen Medienangebote.

Niedergang der Blogs?

Softwarefirma Perseus ist ganz anderer Meinung. Die Bedeutung der Blogs werde allgemein völlig überschätzt, heißt es in der von dieser Firma lancierten Pressemitteilung. Es gebe einige wenige äußerst aktive Blog-Betreiber, die ihre Seiten regelmäßig aktualisierten. Das aber sei nur die agile Spitze des ansonsten völlig verwaisten Blog-Eisbergs. Ein griffiges Bild - wenn es den Kern denn wirklich trifft.

Statistische Grundlage für die Perseus-Untersuchung ist eine Zufallsstichprobe von 3634 Blogs, die bei acht Blog-Dienstanbietern betrieben werden. Nicht vertreten ist Blogger.com, der größte Anbieter, der kürzlich von Google übernommen wurde. Die in der Stichprobe gefundenen Ergebnisse werden trotzdem auf das Gesamtphänomen "Blog" hochgerechnet. Danach soll es derzeit gut 4,12 Millionen Blogs geben. Bis Ende 2004 soll diese Zahl auf über zehn Millionen steigen.

Zwei Drittel aller Blogs sind verwaist. Sie erfuhren in den beiden letzten Monaten keinerlei Update. Über eine Million Blogs werden gar als "One-day-wonders" bezeichnet - heute eingerichtet, morgen vergessen. Über die Aussagekraft solcher Zahlen lässt sich zumindest streiten. Wie intern.de hier anmerkt, könnte man mit einer solchen Argumentation alle, jemals bei Mailprovidern angemeldeten, aber nie genutzten Emailkonten "als Beweis für das Scheitern der elektronischen Post anführen".

Auch etliche weitere Aussagen der Studie sind mit Vorsicht zu genießen. So wird z. B. erwähnt, dass die 1,63 Millionen Blogs, die nicht schon nach dem ersten Posting aufgegeben wurden, durchschnittlich gut vier Monate im Netz standen. Die Perseus-Studie nennt das "überraschend", fragt aber nicht einmal ansatzweise nach den Ursachen dafür, dass manche Blogs nach einer gewissen "Laufzeit" wieder eingestellt werden. Unberücksichtigt bleibt dabei zum Beispiel die Tatsache, dass etliche Blogs von vornherein nur für vorübergehende, tagesaktuelle Themen eingerichtet worden waren. Eine Tendenz lässt sich aus den nackten Zahlen jedenfalls kaum ableiten. Dafür muss man sie mit Inhalt füllen.

50.000 Blogs werden täglich aktualisiert

Der Informationsdienst intern.de unternimmt in diesem Zusammenhang den interessanten Versuch, die Ergebnisse der Perseus-Studie gegen den Strich zu bürsten. Danach sei es nicht überraschend, dass zwei Drittel der Blogs nicht mehr aktualisiert würden. Viel mehr dürfte die Tatsache überraschen, "dass 1,3 Millionen (44 %) der länger als einen Tag genutzten Blogs in den letzten 60 Tagen bearbeitet wurden. Wie viele Sites im WWW können das schon von sich behaupten?"

"Umdrehen" lässt sich auch die Aussage, dass weniger als 50.000 Blogs täglich aktualisiert würden. Mit intern.de liest sich das ganz anders: "Fast 50.000 Blogs werden täglich aktualisiert".

Über 90 Prozent der Blog-Betreiber sind zwischen 13 und 29 Jahre alt, die Mehrzahl sogar unter 20, darunter insgesamt mehr Frauen (56 %) als Männer (44 %). Abgesehen von einigen herausragenden Blogs mit großem Leserkreis wird die überwiegende Mehrzahl der Blogs von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen - ebenso übrigens wie die weitaus überwiegende Mehrzahl der privaten Homepages. Alles in allem stamme laut Perseus-Studie das typische Blog von einer Teenagerin, die darin zwei Mal im Monat mit eigenwilliger Rechtschreibung über sich und ihren Alltag schreibt.

Es bleibt mehr als zweifelhaft, ob man mit dieser Art der statistischen Zahlenakrobatik dem Webphänomen der Blogs tatsächlich gerecht wird. Doch griffig sind die "Ergebnisse" dieser Untersuchung allemal, für eine Pressemeldung zu PR-Zwecken also denkbar gut geeignet. Die Medien brauchen Futter und greifen umso freudiger zu, je würziger ein ansonsten fader Zahlensalat bereits vorformuliert ist. "Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe", soll Winston Churchill einmal gesagt haben. Im Falle der Perseus-Datenanalyse könnte man dieses Zitat ein wenig ändern: "Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst interpretiert habe."

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