Von Schädeln und Vorfahren

Kamen die ersten Amerikaner aus Südasien?

Wo kamen die ersten Amerikaner her? Wer waren sie und wann besiedelten sie die Neue Welt? Diese Fragen schienen beantwortet zu sein, bis neue Funde vor allem in Südamerika der gängigen Lehrmeinung widersprachen. Die Debatte dauert an und jetzt gießt ein spanisch-lateinamerikanisches Team weiteres Öl ins Feuer, denn sie haben alte Schädel untersucht und sind überzeugt, dass diese frühen Amerikaner aus Südasien stammen.

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CICIMAR La Paz, Fotos

Rolando Gonzales-Jose, Miquel Hernandez von der Universität Barcelona, Antonio Gonzalez-Martin von der mexikanischen Universidad Autonoma del Estado de Hildago Hector M. Pucclarelli, Martina Sardi von der Universidad Nacional de la Plata in Argentinien, Alfonso Rosales vom Instituto Nacional de Antropologia e Historia in La Paz und Silivia Van der Molen von der spanischen Universitat Autonoma de Barcelona haben 33 alte Schädel untersucht, die aus den Sammlungen des Regionalmuseums La Paz und des mexikanischen Nationalmuseums für Anthropologie und Geschichte stammen und an der Spitze der Halbinsel Südkaliforniens in Mexiko (Baja California Peninsula) ausgegraben wurden.

In Nature berichten sie über die Ergebnisse ihrer morphologischen Analysen. Sie vermaßen die Fossilien detailliert und kam zu dem Schluss, dass die Merkmale der Schädel darauf hinweisen, dass diese Menschen keine Nordasiaten waren, sondern aus Südasien stammten. Die Knochen stammen von Angehörigen der Pericu-Gruppe, indianischer Urbevölkerung, die bis zur Kolonisierung durch die Europäer dort lebte. Sie waren nomadische Jäger und Sammler und lebten relativ isoliert, bis das Zusammentreffen mit den jesuitischen Missionaren ihre Kultur zerstörte und zu ihrer Aussterben führte (vgl. The Baja California Missions).

Die nun untersuchten Schädel dieser Amerindians sind zwischen 8 000 und 11 000 Jahre alt. Die Forscher verglichen sie mit anderen altamerikanischen Schädeln aus Brasilien und fanden Übereinstimmungen. Letztere zählen zu den "Paläoamerikanern", den frühesten Besiedlern des amerikanischen Kontinents und sie haben mehr Ähnlichkeit mit den australischen Aborigines als mit den heutigen Indianern, die von Nordasiaten abstammen.

Lange galt die Lehrmeinung, dass Amerika durch Jäger aus Sibirien besiedelt wurde, die vor ungefähr 13 000 Jahren über die damalige Landbrücke der Beringstraße zuwanderten. Sie zogen rasch nach Süden und ließen sich auch in Südamerika nieder (vgl. Woher kamen die Indianer). Das ist so weit unstrittig, aber in den letzten zwanzig Jahren mehrten sich die Funde, die zeigten, dass es auch andere Paläoamerikaner gab, die möglicherweise früher kamen und die vermutlich aus dem südasiatischen Raum stammen. Sie könnten der Küstenlinie folgend mit Booten zugewandert sein, so wie Verwandte von ihnen Australien von Indonesien aus eroberten (vgl. Aboriginals). Auch China ist als Herkunft früher Amerikaner im Gespräch oder auch Europa, da Werkzeuge gefunden wurden, die denen der Solutréen-Kultur sehr ähnlich sind. Vielleicht war Amerika ja schon immer ein Melting Pot der Kulturen.

Im chilenischen Monte Verde liegt eine Ausgrabungsstätte, die inzwischen unzweifelhaft als prä-clovistisch gilt (vgl. Monte Verde under fire), der Kennewick Man ist ein 9 200 Jahre alter Amerikaner mit sehr wahrscheinlich südostasiatischer Herkunft und die brasilianische Lucia lebte vor 12 000 Jahren und sah aus wie einer australische Ureinwohnerin (vgl. First Americans were Australian).

Ganz neu ist auch die Erkenntnis, dass die ostsibirische Ushki-Kultur nicht der Ursprung der Clovis-Indianer gewesen sein kann, da sie nach neuen Datierungen zu jung dafür ist (vgl. Anthropologist's research questions origins of first Americans).

Es bleibt also spannend. Der Graben in der Debatte um die Herkunft der ersten Amerikaner verläuft an der südlichen Grenze der Staaten: Die meisten US-Anthropologen verteidigen die Clovis-Kultur als den Ursprung, die meisten latein-amerikanischen Anthropologen melden manifeste Zweifel an und verweisen auf ihre Forschungen der letzten Jahre, die nur allzu oft im Norden ignoriert werden. Insofern ist es bezeichnend, dass die neuen Erkenntnisse von Spanisch sprechenden Wissenschaftlern kommen.

Sie gehen davon aus, dass sich die Spur der Paläoamerikaner südostiastischer Herkunft bis in historische Zeiten verfolgen lässt. Und Tom Dillehay von der University of Kentucky, der Monte Verde-Ausgräber, kommt als Kommentator in einem Begleitartikel zu Wort. Er ist einer der wenigen nordamerikanischen Verteidiger von multiplen Vorfahren und entsprechend kommentiert er:

Langsam begreifen wir, dass die Abstammung der Amerikaner so komplex und so schwierig ist, wie die Verfolgung der Linien menschlicher Abstammung rund um die Welt.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15877/1.html
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