Karl Kraus und die Blogger

06.11.2003

Die Rückkehr des Autors im Netz

Es gibt Leichenreden, die dauern besonders lange. Eine davon ist die vom Tod des Autors. Gerade die Durchsetzung des Internet hat so manchen "Medientheoretiker" veranlasst, diesen Nekrolog aufs Neue zu rezitieren. Hypertext hieß nun die große theoretische Koppelungsinstanz - der Diskurs, an dem alle mitschrieben und der den Einzelnen endgültig zum Verschwinden brachte.

Wichtig werden Erfahrungen von Präsenz und Beschleunigung im Umgang mit den chaotischen Gestalten der Hyperlinks. Der Netuser bekommt eine neue, weithin antihermeneutische und rhetorisch geprägte Einstellung zu den Textoberflächen als Manipulationsflächen für Hypertextoperationen sowie zur Textmaterialität als beliebig transformierbarer Virtualität. Hypertexte erscheinen immer wie Ausschnitte aus einem Kontinuum. Sie haben keinen Anfang und kein Ende im traditionellen Sinne

So umreißt etwa Siegfried J. Schmidt das, was er als zeitgenössische "Medienepistemologie" bezeichnet.

In Summe aller Anwendungen mag sich das Internet als globaler Hypertext darstellen. Doch gerade im Netz feiert das zu Grabe getragene Prinzip Autorschaft neue Einstände. Eben dort, wo ein Übermaß an Texten zirkuliert, sind Instanzen, die Stabilität und Wiedererkennbarkeit von Kommunikation garantieren, zentral. Der Literatur-/Kultur-/Medienwissenschaftler Joseph Vogl erinnert an klassische Redundanzerfahrungen im Internet:

Man wird durch das Internet in einer fast schon foucaultschen Weise auf die Ordnung des Diskurses verwiesen, die man nun angesichts der textuellen Wucherungen selbst jeweils neu herstellen oder reproduzieren muss. Das ist schon eine halbe Wissenschaft. Wir wollen nicht alle Informationen, die das Internet bietet, sondern wir wollen möglichst scharfe Selektion.

Autorschaft ist im Web freilich kein Prinzip, das an eine reale Person rückgebunden werden muss. Autorschaft kann ein bestimmtes Label (eine "Trademark", etc.), das Texte unter seinem Namen versammelt, ebenso meinen, wie eine fiktive persona. Nur in einem Teil von Fällen betrifft Autorschaft im Netz auch klar definierte reale Personen.

Gerade Weblogs sind ohne das Prinzip von Autorschaft eigentlich nicht denkbar. Ob als größere Plattformen oder Einzelprojekt - im Blog wird unter einem bestimmten Namen vor allem ein Kampf um mediale Aufmerksamkeit und Anerkennung ausgetragen. Von Weblogs geht eine von institutionellen Hintergründen unabhängigere Kommunikation aus, deren Potenzial vom onanistischen Schreiben für sich selbst zum Herstellen größerer Öffentlichkeiten reicht.

Der Umstand, dass Blogs ihre Öffentlichkeit erst finden müssen, macht die Weblog-Kultur historisch vergleichbar mit publizistischen Projekten, die sich ebenfalls an eine vorab nicht klar definierte Öffentlichkeit richteten, ja selbst erst Öffentlichkeit generieren mussten. Hingewiesen wurde in diesem Zusammenhang bereits auf die Verwandtschaft der Weblogs zur Kultur der Pamphlete im 18. Jahrhundert: "Bloggen" im 18. Jahrhundert.

Publizistische Einzelkämpfer

Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hat den vielfach beschworenen Strukturwandel der Öffentlichkeit gebracht. Zeitungen sorgten im Wesentlichen für den Prozess der Meinungsbildung im 19. Jahrhundert. Als öffentliche Meinung anders als im 18. Jahrhundert nicht mehr der Diskurs einer Elite war, stellte sich zunehmend die Frage nach dem kritischen Potenzial von Öffentlichkeit. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also noch vor der bürgerlichen Revolution von 1848, gerät das eben erst in Grundrechtscharten gefeierte Potenzial von Öffentlichkeit schon in Verdacht.

Die Geneigtheit zum Glauben an die Masse nimmt zu, und immer mehr ist es die öffentliche Meinung, die die Welt regiert. Sie [die öffentliche Meinung, Anm.] überzeugt nicht von ihren Anschauungen, sie zwingt sie auf und prägt sie in den Gemütern durch einen gewaltigen geistigen Druck aller auf den Verstand des Einzelnen ein. In den Vereinigten Staaten übernimmt die Mehrheit die Aufgabe, den einzelnen eine Menge fertiger Meinungen vorzusetzen, und enthebt ihn damit der Verpflichtung, sich selbst eine eigene zu bilden.

Gegen Missstände im Zeitungswesen, vor allem die zunehmende Vermischung von Berichterstattung und bezahlter Werbung, stehen Ende des 19. Jahrhunderts auch im deutschsprachigen Raum Autoren mit publizistischen Einzelkämpfen auf. Das Überraschende daran: Blätter wie Maximilan Hardens Wochenschrift "Die Zukunft" in Berlin oder "Die Fackel" von Karl Kraus in Wien können von Anfang an einen beachtlichen Erfolg für sich verbuchen und im relativ kurzer Zeit die Stellung einer Art von Gegendiskurs zum etablierten Pressewesen behaupten. Eine Reihe von Eigenschaften macht diese Projekte in Print zu generischen Vorläufern der Blogger.

Zieht man etwa Krausens gedruckte "Fackel" und das Weblog des bekannten US-Journalisten Andrew Sullivan (um ein Beispiel von vielen möglichen zu nennen) heran, so kann man auffallend viele Ähnlichkeiten zwischen beiden Unternehmungen feststellen. In beiden Fällen produziert ein Autor ein Medium und vertritt dieses vor allem über seine Person nach außen.

Die Erscheinungsform des Mediums entspricht jeweils der publizistischen Themenlage bzw. den Lebensumständen einer Person (Phasen intensiven Publizierens können mit Zeiträumen publizistischer Abstinenz abwechseln).

Zentrales Charakteristikum des jeweiligen Projekts ist eine Poetik der Polemik: Die Texte entstehen aus der direkten Auseinandersetzung mit dem publizistischen Gegenüber. Angriffe werden immer ad personam geführt, die Schwächen des Gegenübers ausführlich vorgeführt, die Texte des Gegners in großer Deutlichkeit bloßgestellt. Im Prinzip ist die bei Kraus eingesetzte Satire im Weblog aktueller denn je: Der fremde Text wird über das Zitat bloßgestellt, Zitat und Kommentar fügen sich zu einer neuen Textur.

In den persönlichen Auseinandersetzungen vermischen sich nicht selten öffentliche Person und Privatheit: Kraus als auch Sullivan legen Teile ihres Privatlebens bzw. privater Vorlieben/Abneigung im Zuge von Auseinandersetzungen direkt oder indirekt offen.

Das eigene Projekt gilt als Kampfansage an etablierte Mediendiskurse

Hinter der "Fackel" wie hinter Sullivans Blog steht das Prinzip wirtschaftlicher Unabhängigkeit: Kraus ist über eine Erbschaft materiell abgesichert, Sullivan verdient sein Brot (noch) in den etablierten Medien. Bei beiden Projekten ergibt sich wirtschaftlicher Erfolg indirekt durch die Wirkung des Produktes auf eine größere Öffentlichkeit (als Sullivan seine Leser bittet, via Paypal, auszudrücken, wie viel ihnen sein Weblogs wert ist, nimmt er binnen kürzester Zeit einen erheblichen Dollar-Betrag ein).

Kraus wie Sullivan beziehen gegenüber einem bestimmten intellektuellen Feld die Position des Ketzers: Kraus, der langjährige Weggefährte der Sozialdemokraten, der in den 30er Jahren Dollfuß verteidigt, der Jude, der sich radikal mit dem Judentum überwirft, etc.; Sullivan, der schwule Republikaner, der gesellschaftlich Liberale, aber außenpolitische Falke.

Die Kämpfe des Karl Kraus können verdeutlichen, wie ein etablierter Mediendiskurs, der seinen Grundprinzipien widerspricht, vom Rand her aufzubrechen war. Mit der "Fackel" stellte sich eine Person ganz dezidiert gegen die Gepflogenheiten einer ganzen Zunft. Das gedruckte Wort sollte nicht von Geldgebern abhängen, wie das selbst bei den renommierten Zeitungen im Wiener Fin de Siècle der Fall war. August Zang, der Gründer der Wiener "Neuen Freien Presse" rühmte sich ja ausdrücklich damit, niemals auch nur eine unbezahlte Zeile veröffentlicht zu haben.

Gegen die Erwartungen des publizistischen Feldes war bereits die erste Nummer der "Fackel" 1899 ein Erfolg. An den Reaktionen der Zeitgenossen ließ sich die Durchschlagskraft des Projekts ablesen. "Herr Kraus wird seine Schreibweise ändern müssen, wenn er Wert darauf legt, das erste Quartal seiner 'Fackel' zu erleben", drohte die "Neue Freie Presse" umgehend nach dem erstmaligen Erscheinen der "Fackel". Kraus änderte seinen Schreibstil nicht, zog vielmehr rund um sein auf wirtschaftliche Autonomie ausgelegtes Projekt bis in die frühen 1920er Jahre hinein eine ahnsehnliche Öffentlichkeit an sich.

Zitat und Kollage als Mittel der Auseinandersetzung

In der "Fackel" Nr. 368-369 zitiert Kraus die "Neue Freie Presse" und ihren Versuch, eine von ihr gebrachte Falschmeldung zu relativieren. "Verbrecherische Irreführung der Neuen Freien Presse" war in dem Blatt am 23. Januar 1913 zu lesen:

Heute in der Nacht gegen ein Uhr wurde einer unserer Nachtredakteure an das Telefon gerufen. Ein Mann meldete sich am Telefon und behauptete, dass er der Neffe unseres Korrespondenten in Mährisch-Ostrau sei und in dessen Auftrage uns die Nachricht über eine Explosionskatastrophe in einem Gaswerk von Schönbrunn (Schlesien) mitteile, da unser Korrespondent auf dem Schauplatze der Katastrophe sich befinde. Der Korrespondent der 'Neuen Freien Presse' in Mährisch-Ostrau steht seit dreißig Jahren in Verbindung mit dem Blatte und hat sich immer als verlässlich erwiesen. Die Nachtredaktion hat daher keinen Anstand genommen, diese ihr so übermittelte Meldung zu veröffentlichen. Jetzt stellt sich heraus, dass ein Betrüger in sträflicher Weise den Namen unseres Korrespondenten missbraucht und das Blatt irregeführt hat. [...]

Die vielleicht in Wien oder in anderen Teilen der Monarchie lebenden Angehörigen der in den Werken von Schönbrunn beschäftigten Arbeiter und Beamten werden durch diese Ausstreuungen geängstigt und könnten einen sehr ernsten Schaden an ihrer Gesundheit erleiden. Die nichtswürdigen Müßiggänger, die genau wissen, dass die Hast der Redaktionsarbeit in der Nacht am größten ist, benützen diese Gelegenheit, um ernste Männer, die ihre schwere Berufspflicht erfüllen, zu täuschen.

Im Internet wird man hundert Jahre nach Kraus den Stil des Interpolierens von fremden und eigenen Texten intensivieren. Was bei Kraus noch das in extenso abgedruckte Zitat, ist im Web der Link, über den eine vertiefte Auseinandersetzung möglich wird. Für den Medienkritiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Weblog jenes publizistische Mittel, mit dem den Auflagen eines etablierten Medienfeldes zu entkommen ist.

Ungezwungener lässt sich aus dieser publizistischen Randlage aufdecken, was in etablierten Medien gegen journalistische Standards läuft. Der Fall Jason Blair etwa, der die "New York Times" im Frühsommer 2003 in eine ihrer schwersten Krisen stürzte, flog nicht zuletzt deshalb auf, weil Print-Saurier wie die "NYT" oder die "Washington Post" nicht verhindern konnten, dass im Internet über die Standards der Branche offen diskutiert wurde (Der Fake-Journalismus). Über Wochen hinweg debattierte man in den Blogs den Fall Blair und die jahrelangen Fälschungen journalistischer Berichte in der so genannten Qualitätspresse. Am Ende dieser Debatte stand bekanntlich der Rücktritt der Chefredaktion der "NYT". Andrew Sullivan brachte den Fall "NYT" so auf den Punkt:

Vor fünf Jahren hatten die Macher der 'New York Times' noch mehr Macht als heute. Wenn sich Journalisten der 'Times' geirrt hatten, dann brachte man Tage später eine kaum auffindbare Korrektur. [...] Ein vatikan-ähnlicher Geheimbund ließ größere Kritik erst gar nicht nach außen dringen. Doch das Internet hat das alles geändert. Die Öffentlichkeit der Weblogs hat einen ganzen Chor öffentlicher Kritik und ein kritisches Bewusstsein über die Macher der 'Times' geschaffen. Diese Formen neuer Öffentlichkeit haben letztlich Transparenz in eine der geheimsten und verschworensten aller Institutionen gebracht.

Die via Web generierte Öffentlichkeit bringt ein Potenzial mit sich, durch das neue publizistische Standards etabliert bzw. die klassischen journalistischen Gepflogenheiten in einem von Verlagen und Medienhäusern unabhängigen Feld aktualisiert werden können. In Hinkunft ist es nicht mehr die abgehobene Sendeposition oder die abgeschottete Schreibstube, die die Arbeit des Journalisten definieren wird.

Im Sinne einer Aufmerksamkeitsökonomie wird das patchworkartige Arbeiten, das sich im breiten Feld der Informationen vernetzt und die scheinbaren Originalitätsansprüche bei Seite lässt, durchsetzen. Autoren im Stile Kraus' werden sich etablieren, die das Kollagieren und das pointierte Zuspitzen bereits vorliegender Materialien beherrschen, die bereits vorhandenem Material eine neue Ordnung bzw. Stoßrichtung geben. In der Community des Web ist freilich der Leser schon wieder Redakteur. Insofern brennt im Netz mehr als eine Fackel.

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"Bloggen" im 18. Jahrhundert

Gerald Heidegger 15.09.2003

Die Debatte um die Rolle von Weblogs in der heutigen Medienöffentlichkeit zeigt auffallend viele Übereinstimmungen mit der Kultur der Pamphletisten im 18. Jahrhundert

Sowohl Weblogs als auch Pamphlete mussten ihre Durchschlagskraft erst gegen ein etabliertes politisches und intellektuelles Feld erzwingen. Auffallend ist: Wo Pamphlet und Blog größere Öffentlichkeit erzeugen, haben sie sehr oft Debatten mit einer stark ethischen Schlagseite provoziert. Das Zu-Tage-Bringen von Tabu-Themen war und ist dabei Zeichen eines solchen neuen medialen 'Eroberungs'-Diskurses.

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