Der Krieg in der postheroischen Gesellschaft

21.10.2003

Die "Zukunftskrieger" Herfried Münkler und Ignacio Ramonet erklärten in einem "Streitgespräch", warum es mit dem Frieden im Irak nichts wird und warum die Globalisierungskriege weiter gehen werden

Die Schaubühne Berlin und das Forum des Goethe-Instituts luden am Sonntag mit dem Politikwissenschaftler Münkler und dem Medienforscher Ramonet zwei Theoretiker künftiger Kriege und längst geschlagener Schlachten ein. Das zweistündige Gespräch streifte zahlreiche, die gegenwärtige Debatte beherrschende Themen wie den entstehenden "Frankenstein-Staat" im Irak, Verschwörungstheorien rund um den 11. September, den transnationalen Konflikt zwischen Europa und den USA oder die Utopie von Porto Alegre.

Irak-Krieg

Auch nach dem Eintritt ins 21. Jahrhundert ist die Welt voll von "ethnischen Säuberungen", Bürgerkriegen oder Terrorismus und dem unermüdlichen Kampf dagegen. Der Krieg, dessen Definition angesichts all seiner Spielarten ins Schleudern geraten ist, scheint allgegenwärtig. In den westlichen Staaten und insbesondere in Europa verpackt er sich gern in das Mäntelchen des "gerechten Kriegs". Das steht ihnen aber recht zynisch, wie das Beispiel Kosovo lehrt. Denn mit diesem "heuchlerischen" Konzept "verschaffen wir uns ein gutes Gewissen zum Nulltarif", sagt Ignacio Ramonet, Medienwissenschaftler in Paris und Leitartikler für die Le Monde diplomatique. Sollten wir es ernst meinen mit der "humanitären Intervention", müssten wir schließlich auch in Tschetschenien, Zentralafrika, Palästina oder Tibet eingreifen.

Die Unübersichtlichkeit der gegenwärtigen Formen kriegerischer Auseinandersetzung und ihrer Beweggründe ist groß. Um sie zu lichten, bat das Goethe-Institut die zwei Experten in den "Streitraum" der Berliner Schaubühne. Große Divergenzen gab es zwischen Ramonet, der im vergangenen Jahr das Buch "Kriege des 21. Jahrhunderts" herausgegeben hat, und dem Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der den Irak-Krieg schon vor dessen Ende in seinem jüngsten Band "Der neue Golfkrieg" analysiert hatte (Für den amerikanischen Weg gibt es in Europa keine Mehrheiten, nirgendwo!), jedoch nicht. So setzen sie beide vor allem ihre Hoffnung auf Europa, das einen maßregelnden Kontrapunkt zum Imperium US-Americanum bilden soll. Doch im Detail pflegen die beiden Forscher durchaus unterschiedliche Lesweisen und Denkansätze. Das erklärt sich während der Podiumsdiskussion schon aus dem Naturell der beiden "Kontrahenten": Während der Franzose sich doch ab und an in Rage redet, bleibt Münkler immer ruhig, nüchtern und sachlich, selbst wenn vom Publikum aufgeregte Zwischenrufe kommen.

Irak wird als erster "Staat" komplett durchprivatisiert

Bestes Beispiel für die Übereinstimmungen und Abweichungen ist der Blick der Autoren auf die Situation im Irak. "Die USA können den Frieden dort nicht gewinnen", prognostiziert Ramonet. Die Bush-Regierung mit ihrem neokonservativen Umfeld verstehe sich zwar gemäß der Ideologie von Leitfiguren wie Paul Wolfowitz oder Richard Perle als Meister im "Nation-Building" sowie als Überbringer und Garant von Demokratie. Doch wie könne man eine Republik auf Gewalt und Usurpation bauen?

"Der Irak wird als erster 'Staat' in die Geschichte eingehen", läuft sich Ramonet langsam warm, "der komplett durchprivatisiert ist." Der Straßenbau, die Wasser- und Energieversorgung, all die wichtigen Zweige der Nachkriegswirtschaft würden an US-Firmen vergeben. Die Gesellschaft vor Ort bleibe völlig außen vor.

Von einem "Laborexperiment" sondergleichen und einem vor unseren Augen entstehenden "Frankenstein-Staat" spricht der Franzose. Da sei es nur zu verständlich, dass die Iraker rebellieren würden.

Auch für Münkler sind die Amerikaner angreifbar geworden, seit sie sich dem Abenteuer Nation-Building im Irak zugewandt haben. Denn sie könnten zwar kurze Kriege mit Distanzwaffen führen, aber nicht auf Dauer größere Verluste verkraften. Als Begründung gibt der Professor der Humboldt-Universität an, dass die USA - genauso wie Europa - in die Phase der "postheroischen Gesellschaft" eingetreten seien. Leitbilder wie "Ehre" oder "Opferbereitschaft" würden da nicht mehr funktionieren, sondern nur noch Tomahawks. Ganz im Gegensatz zu den Gegnern aus den noch stärker archaisch geordneten Gesellschaften, deren Äquivalente der Cruise Missiles die Selbstmordattentäter seien. Die hätten noch den Eifer, für ein übergeordnetes Ziel zu sterben.

Europa, du hast es besser

Für beide sind dabei heute die Vereinigten Staaten das große Übel und das alte Europa der Urgrund aller Hoffnung. Militärisch gebe es seit zehn Jahren keinen Rivalen mehr für die USA, betont Ramonet. Daher seien sie der große Hegemon, der sich an seiner Macht berausche. Europa spricht der Professor für audiovisuelle Kommunikation dagegen "eine moralische Überlegenheit aus historischer Erfahrung" zu. Es habe "alle Kriege gefochten, bis hin zum Horror der Auslöschungslager", und dabei erkannt, dass Gewalt keine Lösung sei. Der alte Kontinent dürfe daher nicht den Vasall der USA mimen, sondern müsse dem Imperialisten eine "solidarische, aber geschichtsbewusste Lesart" der Geschehnisse entgegenhalten.

Hinter dem Irak-Krieg und hinter den Spannungen zwischen dem alten und den neuen Kontinent sieht der Ehrenpräsident von attac (http://www.attac.org/) jedoch generell die Fratze der Globalisierung lauern. Globalisierung ist für ihn per se schlecht: Markt gegen Staat, privat vs. öffentlich und Egoismus statt Solidarität lauten seine Assoziationspaare zu dem Reizbegriff. Den Staat will Ramonet aber gar nicht verteidigen, dann dass auch der totalitär sein könne, hätten das Dritte Reich oder die Sowjetunion demonstriert.

Mehr noch als im Komplex Europa sieht Ramonet so in der "Zivilgesellschaft" und in den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die Zukunft. Der attac-Vordenker kommt ins Schwärmen, wenn von Porto Alegre die Rede ist. In dieser bislang dreimal abgehaltenen "Versammlung der Menschheit" kann er den "Embryo eines Akteurs erkennen, mit dem man rechnen muss". Verbände, Vereine, NGOs und Gewerkschaften würden dort gegen die "Machtergreifung durch die Globalisierung" vorgehen. Die Bewegung ist für ihn dabei durch und durch bürgerlich, da sie wie die Revolutionäre im 18. Jahrhundert "mehr Gerechtigkeit und Gleichheit" fordere.

Den Globus staatlich einfangen

Hier offenbaren sich die Differenzen zu Münkler, der skeptischer in die Zukunft blickt und vor allem den NGOs ein "Demokratiedefizit" unterstellt. Den Ausweg aus den kriegerischen Verwirrungen der Gegenwart könnte seiner Meinung nach nur ein Modell bringen, in dem Europa seine durchaus im Staats- und Nationengedanken liegende Stabilität "im weltweiten Maßstab" exportiert. Die wichtigste Rolle des Staates liegt bei ihm in der Durchsetzung von Recht und Ordnung gegen die "Gangs", die "Wirtschaftskriminalität" oder die "sozialen Wüsten" in unseren Gesellschaften.

Man müsse dieses Staatsmonopol halten und gleichzeitig "den Globus staatlich einfangen" beziehungsweise das "europäische Modell globalisieren." Dazu brauche es aber einen langen Atem und die Bereitschaft, eine "Fülle ethischer Paradoxien" zu ertragen. Man müsse etwa bereit sein, auch auf Kindersoldaten zu schießen. Die Alternative sei eine von den USA angeführte imperiale Ordnung mit kleinen Wohlstandszonen und "Barbarengrenzen", an denen der Krieg in Form von kleinen, ständigen Nadelstichen permanent im Gange sei.

Keine schönen Aussichten. Das Auditorium wollte jedoch lieber einen Blick zurückwerfen und kochte immer wieder die Frage auf, ob die von Bush und Blair vorgebrachten Kriegslügen nicht der eigentliche Skandal seien. Und ob die Herren auf dem Podium nicht der Ansicht seien, dass der ganze Terrorismus nicht letztlich von den USA "hausgemacht" sei. Auch hier zeigten Münkler und Ramonet ein inzwischen erwartbares Antwortschema. Mit den "Verschwörungsobsessionen" könne er nichts anfangen, sagte der deutsche Professor. Geheimdienstinformationen zum 11. September seien zwar vorab vorhanden gewesen. Doch bei der Menge der weltweit abgesaugten Daten sei eben wirklich erst hinterher feststellbar, dass diese nicht rechtzeitig in den operativen Prozess umgesetzt wurden.

Sein französischer Kollege wollte sich ebenfalls keineswegs als Anhänger von Verschwörungstheorien outen. "Aber der 11. September war ein Ereignis, auf das man nur gewartet hat" in der US-Regierung, sagte er. Der ganze Apparat habe schon bereit gestanden, um die Bürger stärker zu kontrollieren und den "Weltkrieg gegen den internationalen Terrorismus" zu starten. Dabei gebe es doch heute "unvergleichlich weniger Terrorismus als vor 20/30 Jahren", empörte sich Ramonet. In Europa sei nur noch die ETA aktiv, in Amerika könne man höchstens noch in Kolumbien terroristische Gefahren ausmachen. Allein in Rio seien dagegen in den vergangenen zehn Jahren mehr Kinder im sozialen Alltagskrieg erschossen worden als gleichzeitig Menschen im Nahen Osten Opfer des Terrorismus geworden seien.

Von Stefan Krempl erscheint demnächst das Telepolis-Buch "Krieg und Internet. Ausweg aus der Propaganda?" im Verlag Heinz Heise.

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