"Wir haben die Gesetze ja nicht erfunden"

25.10.2003

Das deutsche Internet - bald frisch von der KJM gefiltert?

Ein Schüler erschießt Lehrer, Mitschüler und einen Polizisten Deutsche Verhältnisse, weil er vom Gymnasium geworfen wurde und nicht mal einen Realschulabschluss bekam. Wer ist schuld? Anscheinend die noch gar nicht existenten voll-erotischen Ausstrahlungen von Herrn Kofler oder gar "Hardcore" im Internet.

Terroranschläge führen immer zum Gegenteil des Gewünschten: Zur Relegation der Freiheit und zu mehr Regularien. Egal, ob es sich bei dem Terroranschlag nun um eine geplante Aktion einer Gruppe handelt oder wie in Erfurt um eine Verzweiflungstat eines Einzelnen. Die KJM wurde wegen letzterem gegründet, da man sich inzwischen darin einig ist, dass der Schüler nicht wegen des Rauswurfs ausklinkte, sondern wegen zu viel Konsum von Gewaltdarstellungen und sie residiert aus symbolischen Gründen nun auch in Erfurt. Lästig für Wolf-Dieter Ring, gleichzeitig Vorsitzender der BLM - Bayrischen Landesanstalt für neue Medien -, der nun regelmäßig zwischen München und Erfurt pendelt.

An sich ist der volle Name der KJM - Kommission für Jugendmedienschutz - irreführend, denn ihre Arbeit beschränkt sich keinesfalls auf Medien für Jugendliche, sondern auch und gerade auf solche für Erwachsene. "Kommission für Medien-Jugendschutz" hätte es demnach eher getroffen. Auch irritierend ist, dass man das ursprüngliche Ziel - Reduzierung der in den Medien verbreiteten Gewaltdarstellungen - inzwischen gegenüber dem zweiten offensichtlich interessanteren Problemfeld Sex kaum mehr erwähnt. Zuviel Pornos hat der Erfurter Amokläufer aber nicht geguckt - vielleicht wären ihm diese sogar besser bekommen.

Sex ist statt Gewalt meist im Visier der Jugendschützer

Auf den Münchner Medientagen berichtete die KJM nun erstmals von ihrer Arbeit - und auf der daran folgenden Podiumsdiskussion flogen die Fetzen: Der Krieg Fernsehen gegen Internet ist noch lange nicht ausgestanden und seit T-Online als "Hollywood aus Darmstadt" auch Video on demand anbieten und somit direkt mit dem Pay-TV Premiere konkurrieren will, "sind Sie auf meinem Radar", so Premiere-Chef Dr. Georg Kofler zur T-Online-Jugendbeauftragten Gabriele Schmeichel.

Kofler echauffierte sich über die Beschwerden der Internetanbieter, gegenüber ausländischen Wettbewerbern benachteiligt zu sei, und macht für sich dasselbe geltend: Ausländische Pornosender seien schließlich seit Jahren mit entsprechenden Smartcards auch in Deutschland zu empfangen und ein österreichischer Anbieter momentan sogar ab 23 Uhr völlig unverschlüsselt. Kofler will dagegen weder Pornografie noch Hardcore anbieten, sondern "Vollerotik". Damit sind allerdings nicht besoffene Frauen gemeint, sondern der Hinweis, dass Erotik ohne die explizite Sichtbarkeit einiger Körperteile halt doch nur eine halbe Sache ist.

Zwar gibt es das "Vollerotikprogramm" von Premiere noch gar nicht, doch "jedes Mal, wenn in der Presse von Erotik die Rede ist, wird nun Herr Kofler abgebildet", so Wolf-Dieter Ring, dem dieses Erlebnis vermutlich noch bevorsteht, wenn die KJM erst einmal bekannter wird. Wenn es mit dem Pornokanal dann so weit ist, muss man sich die Premiere-Smartcard wohl ebenso wie das geplante Vodaphone-"Adult-Handy" persönlich im Laden oder auf dem Postamt abholen. "Auch die öffentlich-rechtlichen Sender dürften sich selbst kontrollieren, nur wir müssen seit Jahren investieren", so Kofler, der sich schließlich so steigerte, dass Ring kurz davor war, ihm einen Job als Regulierer anzubieten.

Dr. Georg Kofler sorgte mit seinem Wettern gegen die Konkurrenz für Heiterkeitsausbrüche bei Prof. Wolf-Dieter Ring

Dieter Czaja, RTL-Jugendschutzbeautragter, ist der ganze Rummel nur recht: "Wir sind froh, dass nun alle aufs Internet schauen, da haben wir unsere Ruhe". Trotzdem hat die KJM mittlerweile bei gut 100 geplanten TV-Sendungen die Ausstrahlung auch nach 23 Uhr untersagt.

Streit um Internet-Sex lenkt vom Fernsehen ab

Sowohl für das Fernsehen (der Hör-Rundfunk spielt praktisch keine Rolle) wie das Internet gibt es inzwischen ähnlich der FSK für Filme Selbstkontrollgremien: Die FSF für das Fernsehen und die FSM für "Multimedia", was nicht CD-ROMs, sondern Online meint. Die FSF ist seit dem 1. August von der KJM anerkannt, die bereits 6 Jahre alte FSM (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia) hat dagegen noch nicht einmal einen Antrag gestellt. Sie dürfte es auch schwer haben, denn es gibt nun einmal wesentlich mehr Internetseiten als Fernsehsender, die sich deshalb auch wesentlich schwerer kontrollieren lassen.

Auch stört zumindest Friedemann Schindler von Jugendschutz.net, dass auch "Hardcore-Anbieter" in der FSM vertreten sind, so unter anderem Webcam-Dienste, der Anbieter des Jugendschutz-Systems "Über18", aber auch dazu passenden Angeboten Erodata und vor allem der Interessenverband Neue Medien IVMN, ein Zusammenschluss größerer und kleinerer Erotik-Anbieter. Dabei macht es ja gerade bei diesen Sinn, dass sie sich einer Selbstkontrolle unterwerfen, während von anderen FSM-Mitgliedern wie dem kirchlichen Weltbild-Verlag eher keine Probleme zu befürchten sein dürften.

Zuletzt machte die KJM eher durch die Befürwortung abstruser Jugendschutzsysteme von sich reden (Sex im Netz? Bitte nur noch mit Verhüterli!), doch verteidigt Wolf-Dieter Ring "Wir haben die Gesetze ja nicht erfunden, die wir hier verteidigen müssen" - in diesem Fall den die Pornografie betreffenden § 184 des Strafgesetzbuchs - und gibt an, auch mit dem europäischen Ausland Gespräche zu führen, um eine Vereinheitlichung zu erreichen.

Die momentane Situation ist jedoch absurd, da bislang kein europäisches Land im Internet so strenge Maßstäbe anlegt wie Deutschland und somit beispielsweise ein einfacher Klick auf eine niederländische Seite reicht, um selbst in Deutschland absolut verbotene und von niemandem angebotene Dinge wie Sex mit Tieren ohne jeden Jugendschutz zu sehen.

Mahnt problematische Seiten ab und meldet Uneinsichtige an die KJM

Die logische Folge könnte eine intensivere Internetzensur sein, bei der ausländische Seiten vermehrt gesperrt werden. Eine andere Folge ist das Abwandern der Erotik-Anbieter ins Ausland. Beate Uhse hat dies gerade vollzogen, doch wüsste man sich zu wehren, indem man ihr die Domain sex.de entziehen werde, so Friedemann Schindler von Jugendschutz.net. Die verlorenen Steuereinnahmen brächte dies aber nicht zurück. Ring dazu:

Wir müssen deutsches Recht anwenden, auch wenn die gesamte pornografische Wirtschaft auswandert.

Georg Kofler von Premiere outete sich nun endgültig als Fachmann und gab kund:

Die gehen alle nach Florida, da ist das Wetter besser für die Außenaufnahmen.

Es dürfte also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir Koflers ersten selbstgedrehten Streifen zu sehen bekommen...

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