Dschihad im Ar-Raschid

27.10.2003

Ende der Märchenstunde für die USA - Update

Die USA wachen auf in der Wirklichkeit des Irak, so die gestrige Online-Schlagzeile von Rumsfelds Lieblingssender Al-Dschasira: Am Morgen zuvor wurde der Vize des Verteidigungsministers, Paul Wolfowitz, von Detonationen, ausgelöst von mehreren Raketen, die auf das Hotel ar-Raschid in Bagdad abgefeuert wurden, aus dem Schlaf gerissen. Ob der Anschlag gezielt Wolfowitz, dem "geistigen Vater des Irak-Kriegs (ntv)" galt, blieb unklar; deutlich wurde allerdings, dass die USA den Widerstand im Irak jetzt offiziell anders einschätzen.

Ein US-amerikanischer Toter, vermutlich ein Mitglied der US-Administration im Irak, auf jeden Fall der "ranghöchste US-Offizielle", der bislang im Irak ums Leben kam, und 17 Verletzte ist die Bilanz des gestrigen Angriffs, dem in vielen Berichten (vgl. hier) eine ausgeklügelte/"sophisticated" Organisation unterstellt wird.

Weil niemand wissen konnte, dass sich Wolfowitz im Hotel "ar-Raschid" - benannt nach dem großen Kalifen von Bagdad (allen Märchenlesern bekannt aus 1001 Nacht) und bevorzugte Residenz von Mitgliedern der alliierten Übergangsregierung - aufhielt und der Anschlag wegen der nötigen Vorbereitungen nicht kurzfristig ausgeheckt werden konnte, so der US-General Dempsey, konnte er unmöglich Wolfowitz gegolten haben.

Mosaikporträt von George Bush, nach dem Golfkrieg 1991 von einem irakischen Künstler in den Boden des Hoteleingangs eingelassen, mittlerweile von US-Soldaten entfernt.

Nur Zufall also, dass der Vize-Verteidigungsminister in den Anschlag verwickelt war? Demgegenüber wird eingewendet, dass kreisende Hubschrauber über dem Hotel auf die Präsenz eines besonderen Gastes hingewiesen haben; darüber hinaus stellt sich die Frage, wie viel Vorbereitung es tatsächlich benötigt, einen als Stromgenerator getarnten Anhänger, der als Raketenabschussbasis fungiert, vierhundert Meter vom Hotel entfernt aufzustellen, an einem Morgen, wo die Ausgangssperre aufgehoben und eine wichtige Brücke wieder für den Durchgangsverkehr geöffnet worden ist? Interessant ist die Herkunft der Waffen: die Hälfte der etwa 40 Raketen soll aus alten russischen Beständen stammen, die anderen zwanzig sollen französischer Provinienz sein, ein modernerer Typus, der von Helikoptern mitgeführt wird.

Als "unverschämt" bezeichnete Außenminister Powell im CNN-Interview den Anschlag auf das berühmte Hotel in Bagdad und erklärte mit fester Stimme noch einmal die derzeitigen Prioritäten der Amerikaner im Irak. "First": Der Ausbau von Sicherheitskräften, mit Betonung auf die Mithilfe von irakischer Seite. In der New York Times wird Powell heute mit dem Satz zitiert, dass niemand in der US-Administration erwartet hätte, dass der bewaffnete Widerstand im Irak so lang und auf solch hohem Niveau andauere.

Am selben Tag hatte Paul Bremer zum ersten Mal konzediert, dass die Ergreifung Saddam Husseins "hilfreich" sein könnte, aber die Anschläge nicht stoppen würde. Für Al-Dschasira ein erstes offizielles amerikanische Eingeständnis dessen, dass der Widerstand im Irak nicht nur von einer Handvoll Saddam-Anhänger geführt wird, sondern eine breitere Basis hat, als bisher angenommen.

Vor dem Anschlag auf das Hotel hatte Wolfowitz, der eine mehrtägige Reise durch den Irak unternommen hatte, um sich u.a. ein Bild von der Sicherheitslage im Land zu verschaffen, in Tikrit, der Heimat Saddam Husseins, noch euphorisch festgestellt:

Diese jungen Iraker schreiten voran, um mit uns für ihr Land zu kämpfen....Es ist eine wunderbare Erfolgsgeschichte, die Bände spricht.

Wenige Zeit nachdem Wolfowitz Tikrit verlassen hatte, wurde ein Blackhawk-Hubschrauber der US-Armee gewaltsam auf den Boden geholt. Am Abend nach dem Anschlag wurden erneut Explosionen im Zentrum Bagdads, ganz in der Nähe des Hotels ar-Raschid, gemeldet - kein gutes Wochenende für die Amerikaner, so der heutige Kommentar der Süddeutschen Zeitung.

Update:

Das blutige Wochenende setzte sich am Morgen des heutigen Tages fort: Beinahe 40 Tote und über 200 Verletzte, so die gegenwärtige aktuellste Meldung, sind das Resultat von fünf Bombenanschlägen auf Ziele in der irakischen Hauptstadt Bagdad.

12 Menschen starben bei einem Selbstmordanschlag mit einem Sprengstoff gefüllten Ambulanzwagen auf das Hauptquartier des Roten Kreuzes, weitere 27 wurden bei vier Anschlägen auf Polizeistationen in Bagdad getötet; ein weiterer Selbstmordanschlag auf eine Polizeistation wurde vereitelt. Nach Zeugenberichten rief der verhinderte Attentäter: "Tod der irakischen Polizei. Ihr seid Kollaborateure!"

Allgemein wurden im Fastenmonat Ramadan, der heute begann, Anschläge erwartet, dass sie aber mit solcher Brutalität auf Ziele wie das Internationale Rote Kreuz ausgeübt wurden, schockiert.

Augenscheinlich galt der Angriff auf dessen Hauptquartier in Bagdad den Ausländern im Irak, vielleicht kann man darin auch ein "Element" des Dschihad gegen Christen erkennen wie der BBC-Kommentator; tatsächlich aber waren die meisten Opfer Iraker.

Es ist mir unmöglich, das Ziel dieser Aktion zu verstehen; ich befürchte die meisten Opfer sind Iraker. Wir beschäftigen hier nur wenige Ausländer, da wir uns auf unsere irakischen Brüder und Schwestern verlassen müssen. Dies ist eine scheußliche Tat, ein verwerflicher Akt gegen das Internationale Rote Kreuz

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