Ungewöhnlich starke Sonneneruption beobachtet

29.10.2003

Die letzten 60 Jahre soll es die stärkste Sonnenaktivität seit 1000 Jahren gegeben haben, Wissenschaftler konnten durch neue Daten den "perfekten Sonnensturm" vor 144 Jahren rekonstruieren

Gestern wurde der stärkste Ausbruch auf der Sonne seit 14 Jahren beobachtet. Aber die Explosion am Sonnenflecken 486 schleuderte mit der ungewöhnlichen Stärke von X17 auf der Skala für "Flares" einen koronalen Massenauswurf fast direkt Richtung Erde, meldet Space Weather. Ein Sonnensturm baue sich auf, der heute oder morgen die Erde erreichen. Störungen hervorrufen und Polarlichter bis in tiefere Breiten erzeugen könne. Erst am 19. Oktober wurde ein größerer "Flare" beobachtet, am 21. folgten zwei weitere Ausbrüche. Der neue Ausbruch sei jedoch 100 Mal stärker gewesen. Die Nasa hat vor kurzem neue Daten über einen gewaltigen Sonnensturm im Jahr 1859 entdeckt, deren Auswertung erahnen lässt, welche Folgen ein schwerer Sonnensturm heute für die Erde haben könnte.

Soho-Bild vom Sonnausbruch am 28.10.2003

Offenbar kursieren im Internet Gerüchte, nach denen der ausgebrochene Sonnensturm zu großen Schäden auf der Erde führen werde. Die Nasa-Forscher rufen dazu auf, nicht in Panik zu verfallen. Zwar könnte es mit geringer Wahrscheinlichkeit zu Stromausfällen oder Kommunikationsstörungen kommen, aber nicht zu ernsthaften Problemen. Die hohe Sonnenaktivität führe vor allem zu harmlosen und schönen Nordlichtern, die man in bestimmten Regionen beobachten könne.

Wir leben offenbar sowieso in einer Periode, in der die Sonnenaktivität seit 60 Jahren stärker ist als im gesamtem vorangegangenen Jahrtausend. Forscher haben, da Sonnenflecken erst seit Gebrauch der Fernrohre verzeichnet wurden, die Isotopenverteilung von Beryllium im Eis von Grönland bis zurück ins Jahr 1424 und der Antarktis bis zurück ins Jahr 850. untersucht. Beryllium-10 entsteht, wenn die kosmischen Strahlen die Erdatmosphäre durchbrechen, und lagert sich an den Polen ab. Starke Sonnenaktivität führt aber zu niedrigeren Isotopenkonzentrationen, da die Sonnenwinde diese kosmischen Strahlen von der Erde ablenken.

Nach den Berechnungen von Ilya Usoskin von der finnischen Universität von Oulu und Sami Solanki vom Max Planck Institut für Aeronomie in Katlenburg-Lindau gibt es, wie Science Now berichtet, seit den 40er Jahren mindestens doppelt so viele Sonnenflecken als in den 1000 Jahren zuvor. Möglicherweise trägt die verstärkte Sonnenaktivität auch zur Klimaerwärmung bei, wenn sie auch keinesfalls, so Usoskin, der einzige Grund dafür sein kann. Ob sich allerdings derzeit wirklich eine erhöhte Sonnenaktivität nachweisen lässt, scheint umstritten zu sein. Untersucht hätten die Wissenschaftler nur Eis, das vor 1900 entstanden ist. Nach Grant Raisbeck vom Center for Nuclear Spectroscopy and Mass Spectroscopy in Orsay lässt sich nach diesem Zeitpunkt aber kein Rückgang von Beryllium-10 feststellen.

Soho-Bild von der Sonneneruption am 28.10.2003

Auch wenn also möglicherweise vor 144 Jahren die Sonnenaktivität noch nicht so stark war wie heute, so gab es doch Ende am 1. und 2. September einen großen Ausbruch, durch den in den USA und in Europa die Telegrafenverbindungen unterbrochen wurden, wodurch zahlreiche Feuer ausbrachen und Polarlichter sogar in Rom oder Havanna gesehen wurden. Da es damals noch Strom- und Kommunikationsnetze sowie Satellitenverbindungen gab, die hätten ausfallen können, war die Auswirkung noch relativ harmlos zu den Problemen, die heue bei einem vergleichbaren Sonnensturm geschehen würden.

Nach Bruce Tsuratani von der Nasa sind zwar schon weit stärkere Sonnenausbrüche beobachtet worden, aber deren Auswirkungen auf die Erde seien weitaus geringer gewesen. Die Kombination mehrerer Ereignisse habe zur "stärksten Störung der Ionosphäre der Erde in der dokumentierten Geschichte geführt. Sie haben den perfekten Sonnensturm erzeugt." Aus Magnetfeldmessungen, die kürzlich im Colaba-Observatorium in Indien gefunden wurden, sowie aus anderen Beobachtungen konnten Tsuratani und seine Kollegen Rückschlüsse auf den Sonnensturm aus dem Jahr 1859 ziehen.

Der Sonnenfleck 486 (in der Mitte unten) am 28. 10. . Bild

Die Energie, die die Sonne abgibt, ist nicht konstant. Hin und wieder entsteht durch eine Veränderung der Magnetfelder ein "Flare" oder ein koronaler Massenauswurf. Man geht davon aus, dass alle 11 Jahre die Eruptionen auf der Sonne stärker werden und der Sonnenwind in einen Sturm übergeht. Ein Sonnensturm führte 1989 zum Zusammenbruch der Elektrizitätsversorgung in der kanadischen Provinz Quebec. Stürme können Kurzschlüsse verursachen, Telefon-, TV- oder GPS-Signale stören oder auch die Bahn von Satelliten verändern bzw. gar zum Absturz bringen. 1859 hatten Astronomen am 28. August die Bildung mehrerer Sonnenflecken beobachten können, woraus am 1. September eine gigantische große "Fackel" entstanden ist, die eine riesige Plasmawolke, einen koronalen Massenauswurf, Richtung Erde Schickte.

Normalerweise, so Tsuratani, würde der Ausbruch um die Sonne verteilt geschehen, so dass nicht alles auf die Erde kommt. Während ein Sonnensturm gewöhnlich einige Tage benötigt, um zur Erde gekommen, waren es bei diesem Ausbruch nur 17 Stunden und 40 Minuten. Zudem waren die magnetischen Felder des Sonnensturms denen der Erde entgegen gesetzt, so dass die schützende Magnetosphäre überwunden wurde und Partikel in die obere Atmosphäre eindringen konnten. Tsurani ist der Meinung, dass solch ein "perfekter Sonnensturm" wieder entstehen und auch noch weitaus stärker werden könnte - mit möglicherweise verheerenden Auswirkungen für die Technik.

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