Fast immer läuft der Fernseher
Nach einer Umfrage in den USA hat schon ein Drittel der unter Zweijährigen eine Glotze im Kinderzimmer
Nach einer Umfrage unter Eltern in den USA haben 36 Prozent aller amerikanischen Kinder unter zwei Jahren einen Fernsehapparat im Zimmer stehen (27 Prozent einen Video- oder DVD-Player, 10 Prozent eine Spielkonsole, 7 Prozent einen Computer). Zwei Drittel der Kinder in diesem Alter nutzen zudem Bildschirmmedien wie Fernsehen, DVD oder Computer um die zwei Stunden durchschnittlich am Tag. Das könnte man eine systematische Indoktrination nennen, eine Umerziehungskampagne, bei der Schrift und Lesen weit in den Hintergrund rutschen.
Über 1.000 Eltern wurden im Rahmen von "Zero to Six: Electronic Media in the Lives of Infants, Toddlers and Preschoolers" im Auftrag der Kaiser Stiftung nach den Mediengewohnheiten ihrer Kinder bis zum Alter von sechs Jahren befragt. Die Ergebnisse sind nicht ganz überraschend, zeigen aber doch erneut, in welchem Ausmaß die Kinder mit den Medien und in Medienumgebungen aufwachsen und so einen Teil ihrer Erfahrungen beziehen, die vermutlich auf irgendeine Weise ihre Wahrnehmung der Welt und von sich selbst beeinflussen. Wenn man so will, handelt es sich um ein groß angelegtes Experiment der Prägung, wenn schon unter Zweijährige täglich stundenlang dem Fernsehen ausgesetzt werden. Die Vier- bis Sechsjährigen verbringen drei Mal mehr Zeit vor den Bildschirmen als vor etwas Schriftlichem, einschließlich der Zeit, in denen ihnen etwas vorgelesen wird.
Aber die Kinder müssen keinen eigenen Fernseher im Zimmer haben, um dauerhaft davon "massiert" zu werden. 65 Prozent der Kinder leben in einem Haushalt, in dem der Fernseher mindestens die Hälfte des Tages läuft, bei 36 Prozent läuft er praktisch immer und ist sozusagen ein unbeweglicher Mitbewohner. 68 Prozent der Kinder unter zwei Jahren sitzen täglich um die zwei Stunden vor einem Bildschirmmedium, bei den unter Sechsjährigen sind dies immer noch insgesamt 51 Prozent.
Während frühere Generationen den Medienzugang über Print erhielten, ist der Weg der heutigen Generation elektronisch.
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Ein Drittel der Kinder unter drei Jahren hat auch Computer benutzt, 9 Prozent sollen täglich Computerspiele spielen. Bei den unter Sechsjährigen ist das bereits die Hälfte. Der Markt für Kinder ist groß, die Eltern haben wenig Zeit oder auch keine Lust, kaufen Medien und "kindgerechte" Produkte, damit die Kinder beschäftigt (und Zuhause gleichzeitig in Sicherheit) sind und womöglich noch etwas lernen. Man tut also etwas Gutes. Angeblich gibt es bei 90 Prozent der befragten Eltern Regeln, was die Kinder und bei 69 Prozent, wie lange sie glotzen können. Aber das kann man wohl nicht wirklich ernst nehmen, auch wenn nach der Befragung die Kinder, die nur eine beschränkte Zeit glotzen dürfen, durchschnittlich eine halbe Stunde weniger täglich vor dem Fernseher sitzen.
72 Prozent der befragten Eltern denken denn auch, dass die Computerprogramme für Kinder diesen helfen, etwas zu lernen und sich künftige Wettbewerbschancen zu eröffnen. Fernsehsendungen, die bilden sollen, betrachten 58 Prozent der Eltern als "sehr wichtig" für ihre Kinder. Gleichzeitig sagt fast die (ehrlichere) Hälfte der Eltern, dass sie Fernsehen einsetzen, um ihre Kinder zu beschäftigen, wenn sie etwas anderes tun müssen. Nur 27 Prozent der Eltern meinen, dass Fernsehen dem Lernen nicht unbedingt förderlich ist.
Außerdem geht den Kindern, die in Haushalten leben, in denen der Fernseher immer läuft oder die selbst ein Gerät im Zimmer haben, die Zeit für andere Aktivitäten ab. Kinder, die einen Fernseher im Zimmer haben, benutzen den auch eher und schauen durchschnittlich 22 Minuten täglich mehr in die Glotze als die anderen. Und sie lesen natürlich auch weniger. Ob tatsächlich noch 80 Prozent der Kinder täglich (50 Minuten) etwas lesen oder ihnen vorgelesen wird, ist bei all den anderen Aussagen wohl eher eine Glaubensfrage.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15964/1.html- Hirn lügt sich was vor! (31.10.2003 18:37)
- noch viel früher (31.10.2003 7:34)
- und mal 'n Blick auf die Programmstruktur der Privaten werfen (30.10.2003 17:46)
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