Mikrokosmos vs. Makrokosmos

Eine entspanntere ICANN gerät in ein spannungsgeladenes Umfeld

Die vor anderthalb Jahren eingeleitete Reform der "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers" (ICANN) beginnt langsam zu greifen (Von "Cyberdemocracy" zu "Cybersecurity"). Die jüngste ICANN-Tagung Ende Oktober 2003 in Tunis demonstrierte, dass sich ICANN mehr und mehr von "ideologischen Glaubenskriegen" befreit und sich erfolgreich auf ihr technisches Kerngeschäft konzentriert. Gleichzeitig aber spitzt sich bei der Vorbereitung des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS) die Frage zu (Kollaps beim Endspurt), ob die private ICANN tatsächlich das richtige Organisationsmodell für die globale Verwaltung der Kernressourcen des Internet ist, oder ob man dies nicht einer zwischenstaatlichen UN-Organisation übertragen sollte.

ICANN bekommt langsam Ordnung in seinen Mikrokosmos. Unter dem vor Jahresfrist angetreten neuen CEO, dem Australier Paul Twomey, hat die "Internet Corporation" erheblich an Professionalität gewonnen. Die neue Organisationsstruktur beginnt zu funktionieren. Sachfragen rücken in den Vordergrund. Mehr und mehr widmet sich ICANN ihren eigentlichen Aufgaben: den Problemen, die im Zusammenhang mit dem Management von Domännamen, Internetadressen, IP-Protokollen und Root-Servern entstehen.

Neue Organisationsstruktur beginnt zu funktionieren

In ICANNs neuem Direktorium - von den 18 stimm- und nicht-stimmberechtigten ICANN-Direktoren sind lediglich noch vier an Bord, die im März 2002 den Reformprozess eingeleitet haben - weht ein frischer Wind. Der sogenannte "Politikentwicklungsprozess von unten" (Bottom up Policy Development Process/PDP), der den Unterorganisationen (Supporting Organisations/SOs) und ihren Gemeinschaften (Constituencies) eine höhere Verantwortung zuschiebt, wird offensichtlich tatsächlich ernst genommen. Das System der "Verbindungsoffiziere" (Liaisons) - nicht-stimmberechtigte Repräsentanten von Beratungsausschüssen im Direktorium - funktioniert besser, als viele erwartet hatten.

Das Direktorium vermeidet es, sich in auf das Glatteins neuer politischer Streitthemen zu begeben. Und es hat offensichtlich gelernt, Kritik von "außen" oder "unten" ernst zu nehmen. "Wir hören zu", sagte ICANN-Chair Vint Cerf bei der Direktoriumssitzung in Tunis und setzte damit ein klares Orientierungssignal für die neue Generation von ICANN-Direktoren, darunter den ehemaligen Deutschen Telekom Manager Hagen Hultzsch.

Auch bei den "Supporting Organisations" spürt man den neuen Stil. Die GNSO (Generic Name Supporting Organisation) hat mit ihren sechs Untergruppen für die Registries, die Registrare, die ISPs, die Trademarkholders sowie die kommerziellen und nicht-kommerziellen "Domain Name Holder" wieder Tritt gefasst. Die vier Internet-Adresseverwaltungen, die "Regional Internet Registries" (RIRs) haben am Vorabend der Tunis-Tagung zunächst eine eigene "Number Ressource Organisation" (NRO) gegründet, die nun mit ICANN über eine neue "Address Supporting Organisation" (ASO) verhandelt. Die Ampel wurde "von Gelb auf Grün" gestellt, hört man von den RIRs, die noch vor Ende 2004 die afrikanische RIR auf die Beine bringen wollen.

Auch die "Supporting Organisation" der Länder-Codes (CNSO) beginnt sich zu formieren. Zwar haben erst 30 der rund 200 weltweit agierenden ccTLD Manager erklärt, dass sie Mitglied der neuen ICANN Unterorganisation werden wollen. Vor allem die europäischen "big player" wie NOMINET in Großbritannien und DENIC in Deutschland haben noch erhebliche Bedenken, sich in eine CNSO einzugliedern. Sie fürchten eine unangemessene Bevormundung von ICANN und den Verlust eigener Handlungsoptionen. Dennoch schein auch der CNSO-Zug abgefahren zu sein.

Professionalisiert hat sich weiterhin die Arbeit der Beratungsausschüsse. Das "Governmental Advisory Committee" (GAC) diskutiert weniger grundsätzliche Konzepte, als vielmehr die politischen Implikationen technischer Entwicklungen. Die GAC-Arbeitsgruppen werden immer mehr zu Fachausschüssen, die dann wiederum auf Nicht-Regierungsexperten zurückgreifen. Die GAC-Workshops zu "WHOIS" in Montreal (Juni 2003) oder zu "IPv6" jetzt in Tunis sind gute Beispiele für "Public-Private Partnerschaften" bei der Suche nach Antworten auf die Herausforderungen der nächsten Internet Generation.

Das "Security and Stability Advisory Commitee" (SSAC) spielte eine wesentliche konstruktive Rolle in der Auseinandersetzung um das trickige SiteFinder Projekt von VeriSign und wird unter Leitung von Steve Crocker seiner Rolle als "Watchdog" für die Sicherheit und Stabilität des Internet zunehmend gerecht. Das "Root Server System Advisory Committee" (RSSAC) hat sich auf den Weg der weiteren Diversifizierung des Root begeben. Zwar fängt die weltweite Spiegelung von einzelnen Root-Servern nicht die grundsätzliche Kritik an dem jetzigen System ab, aber es ist erstmals seit Jahren eine Bewegung spürbar. Die "Technical Liaison Group" (TLG) schließlich, die ehemalige "Protocol Supporting Organisation" (POS), ist mit Internetguru John Klensin als "Liaison" im ICANN-Direktorat vertreten und hat wesentlich beigetragen zu Fortschritten bei der Einführung von internationalisierten Domain Namen.

Lediglich der "Beratende Nutzerausschuss", das "At Large Advisory Committee" (ALAC) unter Leitung von Vittorio Bertola, tut sich noch etwas schwer, sich dem neuen Tempo anzupassen. Zwar sitzen ALAC Vertreter jetzt im ICANN-Direktorium und in allen ICANN-Councils als nicht-stimmberechtigte Liaisons und einzelne ALAC-Mitglieder geben auch vernünftige Stellungnahmen zu strittigen Themen wie WHOIS oder SiteFinder ab, allein die Untersetzung des "von oben" eingesetzten Ausschusses mit realen Nutzern und ihren regionalen Organisationen (RALOs) kommt nur schleppend voran. Das bislang ohne einem regulären Budget ausgestattet ALAC ist insofern noch eine Art "Potemkinsches Dorf".

Last but not least hat Twomey auch sein eigenes Sekretariat in Marina del Rey grundsätzlich umgekrempelt. Frische dynamische Leute wie Jon Jeffrey als "General Counsel" und Kurt Pritz als "Vizepräsident für Business Operations" geben ICANN ein neues Gesicht. Von strategischer Bedeutung ist auch, dass ICANN mit der Eröffnung eines regionalen Büros in Brüssel ein deutliches Zeichen setzt, das es ernst machen will mit seinem Anspruch, die globale Internet Gemeinschaft zu repräsentieren. Paul Verhoef, ein mit vielen EU-Politikwassern gewaschener ICT-Profi, wird als 2. ICANN-Vizepräsident zuständig sein für "Policy" und die "Supporting Organisations"

Konzentration auf Sachfragen

Bei den Sachthemen steht die Erweiterung des Namensraums für Internet Top Level Domains (TLDs) an oberster Stelle. In Tunis wurden die Weichen gestellt für eine öffentliche Ausschreibung für eine begrenzte Zahl von "sponsored Top Level Domains" (sTLDs). Die soll bereits am 15. Dezember 2003 veröffentlicht werden. Im Jahr 2004 soll dann eine Studie klären, wie man einen langfristig ausgerichteten Prozess zur Einführung weiterer gTLDs ausgestaltet.

Thema Nummer zwei sind die internationalisierten Domännamen. Auf der Basis der jüngsten Empfehlungen der IETF bewegt sich ICANN schrittweise vorwärts. Mit den sogenannten "Sprachtabellen" für Sprachen wie japanisch, koreanisch, chinesisch, arabisch, persisch, russisch etc. - bei denen die Zahl von in Domännamen verwendbarer Buchstaben und Zeichen auf ein handhabbares Maß reduziert wird - wird die von John Klensin einst beschworene "kosmische Konfusion" möglicherweise vermeidbar werden und Millionen von Internetnutzern erhalten die Chance, ihre eigene Sprache bei Internet-Domännamen zu verwenden.

Ein weiteres Dauerthema ist der Umgang mit den WHOIS-Daten, d.h. den Kontaktdetails der Registranten von Domain Namen. Der wachsenden Missbrauch dieser offenen Dateien für Spammer und Marketingaktionen aller Art zwingt ICANN zum Handeln. Dabei soll weder die Offenheit des Internets, noch unnötigerweise die Privatsphäre der einzelnen Registranten leiden, wobei legitime Zugangsinteressen von Strafverfolgungsbehörden oder anderen Gruppen berücksichtigt werden müssen.

Der GNSO-Council hat jetzt in Tunis drei Arbeitsgruppen eingesetzt, die die Details untersuchen und Empfehlungen ausarbeiten sollen, die noch im Sommer 2004 dem ICANN Direktorium zur Entscheidung vorgelegt werden. Bei der Diskussion des Mandats für die drei Arbeitsgruppen zeigte sich der GNSO-Council, dem bislang eine einseitig auf wirtschaftliche Interessen ausgerichtete Politik vorgeworfen wurde, sehr aufgeschlossen für die Argumente der Gruppe der nicht-kommerziellen Domain Name Holder, Datenschutzregeln und spezifischen Interessen individueller Nutzer nach Anonymität mit zu beachten, Es wird abzuwarten sein, ob dies sich auch in den Empfehlungen der "GNSO WHOIS Task Forces" widerspiegeln wird, In jedem Fall wird dieser Prozess ein weiterer Test dafür sei, wie ernst es die neue ICANN mit ihrer Politik des "Zuhörens" und des "Bottom up Policy Development Process" meint.

Alternative UNO?

Während ICANN sich nach innen mehr und mehr entspannt, wird der von außen kommende Druck auf ICANN größer. Im Rahmen des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS) fordern mehr und mehr Regierungen, die Kontrolle über die Kernressourcen des Internet einer zwischenstaatlichen Organisation zu unterstellen. Noch während der ICANN-Tagung in Tunis kursierte das neueste Non-Paper von WSIS-Präsident Adama Samassekou für die WSIS-Abschlussdeklaration, in dem abermals der Vorschlag einer zwischenstaatlichen Regierungsorganisation für "Internet Governance" erwähnt wird und die "souveränen Rechte" der Regierungen in diesem Bereich betont werden. Die Regierungen von China, Brasilien, Indien und Südafrika, Wortführer der "Etatisten", sind von ICANNs Reform nicht allzu sehr beeindruckt und werden ihre Forderungen nicht ohne weiteres fallen lassen.

Die kreative Interpretation, dass ICANNs "Beratender Regierungsaussschuss", das GAC, de facto ja so etwas wie eine zwischenstaatliche Regierungsorganisation ist, wird z.B. von der chinesischen Regierung mit dem Gegenargument abgebürstet, dass erstens das GAC ein Beratungsorgan ist und keine eigene Entscheidungskompetenz hat, dass zweitens im GAC allenfalls 30 bis 40 Regierungen regelmäßig und aktiv mitarbeiten und es insofern gesehen nicht repräsentativ genug ist, und dass drittens Taiwan im GAC vertreten ist was für die "Ein-China-Politik" Pekings eine inakzeptable Konstellation ist. ICANN stehen also schwere WSIS-Stürme aus dem Makrokosmos ins Haus.

Interessant ist dabei, dass die im WSIS-Prozess erhobenen Vorwurf an die Adresse der USA, sie würde mit der Kontrolle über die A-Root-Server (Wer ist für das Internet verantwortlich?) eine privilegierte Stellung einnehmen, von US-Regierungsvertretern in letzter Zeit auffällig heruntergespielt wird. Die Verantwortung für den A-Root-Server sei ein historisches Erbstück und für die USA eher ein Ballast denn ein Privileg. Früher oder später möchte man diese Verantwortung an ein stabiles und repräsentatives Gremium abgeben, das langfristig die Stabilität des Internet und damit auch des Root Server Systems, garantiert, hört man gelegentlich aus dem US-Wirtschaftsministerium.

Paul Twomey, der neue CEO von ICANN, der zuvor drei Jahre Präsident des GAC war, betonte in Tunis öffentlich mehrmals, dass er keinen einzigen Fall seit 1998 kenne, wo die US-Regierung ein außenpolitisches Motiv bei Entscheidungen in diesem Bereich hat einfließen lassen (s.a. Auch Terroristen könnten wählen). Wenn ICANN das jetzt um drei Jahre verlängerte Memorandum of Understanding mit dem US-Handelsministerium erfüllt und sich in diesem Zeitraum als stabile Organisation am Markt und in der Politik etabliert, könnte ICANN dann eventuell auch die volle Verantwortung über das Root Server System übernehmen. Dies wird zwar so noch nicht offen und direkt gesagt, aber zunehmend ist von einer "Roadmap" in Richtung auf eine "Internationalisierung des Root" die Rede.

Interessant daran ist, dass der neue Vertrag zwischen ICANN und dem Department of Commerce erst im September 2006 endet. Damit muss sich nicht nur eine neue US-Regierung in Washington mit dieser Frage beschäftigen, dieses Datum liegt auch ein reichliches Jahr nach der 2. Phase des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS), die für November 2005 in Tunis geplant ist.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Vergiftete Beziehungen

Männer oder Frauen: Wer hat recht?

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.