Späte Rehabilitierung
59 Jahre nach der Hinrichtung prominenter Mitglieder sollen die "Edelweißpiraten" als Widerstandskämpfer anerkannt werden - der Kölner Regierungspräsident erklärt die Gründe
Sie hatten kein politisches Programm, keinen Dachverband und noch nicht einmal gemeinsame Vorstellungen über die nähere und fernere Zukunft. Trotzdem sahen die Nationalsozialisten in den "Edelweißpiraten", die insgesamt mehrere tausend Mitglieder zählten, eine immense Bedrohung. Um die Aktivitäten dieser und anderer "wilder Jugendgruppen" zu unterbinden, wurden noch 1944 "Richtlinien zur Bekämpfung jugendlicher Cliquen" erlassen, die einen Erfolg der skrupellosen Disziplinierungsmaßnahmen als "kriegswichtig" definierten.
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Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die "Edelweißpiraten", die vor allem im Ruhrgebiet und im Rheinland aktiv waren, ein widerstandsfähiges Blümchen als Erkennungszeichen trugen und den militärischen Drill, die einschlägige ideologische Ausrichtung, aber auch die strikte Geschlechtertrennung der Hitler-Jugend ablehnten, längst von historischen Vorbildern wie der Wandervogelbewegung gelöst.
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Sie lieferten sich Straßenkämpfe und Schießereien mit der verhassten Hitler-Jugend, hörten und verbreiteten die Informationen, die von alliierten Radiosendern übermittelt wurden, stahlen Lebensmittel und Waffen, versteckten Zwangsarbeiter, Häftlinge, Juden und Deserteure und verübten schließlich sogar Anschläge auf leitende NS-Funktionäre. Im Lagebericht des Kölner Generalstaatsanwalts vom 31. Januar 1945 wurde eine Gruppe in Köln-Ehrenfeld, die sich um den entflohenen KZ-Häftling Hans Steinbrink, genannt "Bombenhans", geschart hatte, als besonders gefährlich eingestuft:
In erster Linie ist hier die Großbande zu nennen, die seit August 1944 im Stadtteil Köln-Ehrenfeld ihr Unwesen trieb. Nach den Feststellungen der Staatspolizei zählte sie 128 Köpfe. Sie setzte sich in gleicher Weise aus Deutschen und Ausländern zusammen. Sie terrorisierte nicht nur die Zivilbevölkerung, sondern hatte es auch darauf abgesehen, politische Leiter der NSDAP zu beseitigen. In ihren Reihen befanden sich auch viele Jugendliche im Alter von 16 - 18 Jahren, ja sogar von 15 Jahren, (...). Unter den Ermordeten befinden sich 5 politische Leiter, 1 SA-Mann, 1 HJ-Angehöriger, 6 Polizeibeamte, darunter der Leiter der Staatspolizeistelle Köln 'SS-Sturmbannführer Reg.Rat. Hofman' - und zwei weitere Beamte der geheimen Staatspolizei.
Die genannte Gruppe war zu diesem Zeitpunkt bereits zerschlagen. Im Oktober hatte die Gestapo insgesamt 13 Menschen festgenommen, unter ihnen den erst 16jährigen Edelweißpiraten Bartholomäus Schink. Sie wurden im Gestapo-Hauptquartier verhört, gefoltert und schließlich am 10. November 1944 in Köln-Ehrenfeld ohne Gerichtsverfahren öffentlich gehängt.
Sämtliche Versuche, die Edelweißpiraten oder einzelne Mitglieder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu rehabilitieren, blieben erfolglos. Dass sich in den 50er Jahren kein deutsches Gericht durchringen konnte, in dem proletarischen Zusammenschluss etwas anderes zu sehen als eine Ansammlung krimineller Elemente, kann niemanden überraschen. Aber auch Ende der 70er Jahre, als der Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes den Fall neu aufrollen ließ, kam der beamtete Sachverstand zu keinem anderen Ergebnis. Selbst nachdem Schink in der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter der Völker" geehrt wurde, resümierte ein im Auftrag des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Schnoor erstelltes Gutachten, dass es sich bei den Aktionen der Edelweißpiraten nicht um einen "aus politischem Verantwortungsbewusstsein gewachsenen Widerstand" gehandelt habe.
Doch bevor sich der Jahrestag der Hinrichtung zum 59. Mal jährt, hat der aktuelle Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters eine Kehrtwende angekündigt. In der vergangenen Woche gab er im "Express" zu Protokoll, dass die Edelweißpiraten und auch die Ehrenfelder Gruppe in Zukunft als politisch Verfolgte und Widerstandskämpfer anerkannt werden sollen. Im Gespräch mit Telepolis erklärt der Regierungspräsident:
Es ging darum, ein deutliches Signal zu setzen. Auch Menschen, denen die Kompetenz, politische Ziele zu formulieren, aufgrund ihrer proletarischen Herkunft oder ihrer eingeschränkten Artikulationsmöglichkeiten, abgesprochen wurde, haben Widerstand geleistet. Für die Edelweißpiraten gilt das in jedem Fall. Sie haben sich bewusst und gezielt gegen die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten zur Wehr gesetzt.
Roters war früher der persönliche Referent von Innenminister Schnoor und kennt also auch die Argumente, die gegen eine Rehabilitation der Edelweißpiraten in die Diskussion eingebracht wurden, zur Genüge. Heute glaubt der Regierungspräsident, dass bei der Erstellung des Gutachtens "manche Zeugenaussagen nicht so gewertet wurden, wie es nötig gewesen wäre. Ich habe selbst mit Überlebenden gesprochen, und auch das autobiografische Buch von Jean Jülich vermittelt einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Ich glaube, dass früher viel zu wenig differenziert wurde und schon der Verdacht, kriminelle Handlungen begangen zu haben, ausreichte, um jemandem die Fähigkeit zum politischen Widerstand abzusprechen."
Entschädigungszahlungen seien mit der Rehabilitierung aber nicht verbunden, betont Roters: "Darum ging es auch den Überlebenden nicht. Sie wollten endlich öffentliche Anerkennung, und die sollen sie nun auch bekommen."
Der persönliche Einsatz des Regierungspräsidenten, der auch einen Trakt des Kölner Regierungspräsidiums nach den Edelweißpiraten benennen will, bleibt erfreulicherweise nicht die einzige Geste. Ein Spielfilm über die Edelweißpiraten, in dem "Ärzte"-Mitglied Bela B. den ebenfalls ermordeten Hans Steinbrink verkörpert, ist bereits abgedreht, außerdem wird am 9. November eine Gedenktafel in Köln-Ehrenfeld in der Nähe der Hinrichtungsstätte eingeweiht.
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