Die Fahne hoch!

Olaf Meyer 09.11.2003

Auch der "Jungen Freiheit" gab der Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche mit deutlichen Worten Auskunft

"Wer ist Herr Nitzsche?", soll CSU-Fraktionsgeschäftsführer Peter Ramsauer nach dem Bekanntwerden rassistischer Äußerungen gegenüber Muslimen des Bundestagsabgeordneten Henry Nitzsche (CDU) gefragt haben. Nitzsche hatte gesagt, in Deutschland könne "der letzte Ali aus der letzten Moschee Zuflucht nehmen". Im DS-Magazin meinte er, dass einem Muslim eher "die Hand abfaulen" werde, als dass er die CDU wählt. Für die möglicherweise missverständliche "Wortwahl" hat sich der Bundestagsabgeordnete mittlerweile entschuldigt. Vielleicht kennt Ramsauer den sächsischen Hinterbänkler wirklich nicht, bei dessen Affinität zur bayrischen CSU allerdings schwer vorstellbar.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Bekannter ist Nitzsche da schon bei der rechtsextremen Zeitschrift "Junge Freiheit". Im März 2003 gab er als "CDU-Bundestagsabgeordneter" und "Mitbegründer des Demokratischen Aufbruch" dem rechten Periodikum unter dem Titel "Die deutsche Fahne schwenken" ein Interview. Das Gespräch in der rechtsextremen Postille firmierte unter der Headline "Der CDU-Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche widersetzt sich in der Irak-Frage seiner Fraktion und fordert nationales Selbstbewußtsein statt 'Dank für die Befreiung'".

Angesprochen auf seine bekannte Haltung zum Mangel an deutscher Souveränität, antwortete Nitzsche "dass viele Menschen in den alten Bundesländern offenbar vergessen haben, wie die deutsche Fahne aussieht!" Er weiß es und habe sie natürlich auch geschwenkt, betont Nitzsche, und zwar "nicht nur für die Einheit unseres Vaterlandes, sondern auch für die Freiheit und den 'aufrechten Gang'". Seine Begründung für Schwarz-Rot-Gold ist so simpel wie politisch eindeutig:

"Für viele Deutsche hier war sie ein Zeichen, endlich das sagen zu dürfen, was man denkt und seinem Gewissen folgen zu können, statt tun zu müssen, was man uns im Namen der angeblichen 'Lehren aus der Vergangenheit', - damals war das der Antifaschismus, heute ist es die 'Vergangenheitsbewältigung' und der 'Dank für die Befreiung' - aufzwingen will."

Zudem sieht das Ex-DSU-Mitglied Nitzsche die deutsche Vergangenheit in für ihn ganz eigenem Licht:

"Wir sollten nicht vergessen, daß weder Amerika noch die 'Vergangenheitsbewältigung' unser Souverän ist, sondern das deutsche Volk."

Ein frei gewählter CDU-Bundestagsabgeordneter ist Nitzsche also, der nach 1989 nun endlich sagen darf, was er denkt. Ein Politiker, der Vergangenheitsbewältigung auf ganz eigene Art betreibt.

Nitzsche führt in der "Jungen Freiheit" außerdem an, er habe seinen damaligen "Protest" gegen den Irak-Krieg satzungsgemäß der Fraktionsführung vorher informativ zur Kenntnis gegeben. Kann man also davon ausgehen, die CDU/CSU-Fraktionsspitze sei nicht unbedingt so uniformiert über Nitzsches aktuelle rassistische Ausfälle gewesen?

Ebenfalls in der "Jungen Freiheit" versuchte Nitzsche bereits im November 2002 mit einer politischen Verbal-Attacke über die von "Rot-Grüne angestrebte Zuwanderung und damit Veränderung des Deutschen Volkes" braun punkten zu wollen. Der Ort solcher Veröffentlichungen spricht, wie Nitzsche selbst, eine deutliche Sprache.

Nitzsche wurde im Wahlkreis Kamenz-Hoyerswerda direkt in den Bundestag gewählt. Bei der geografischen Heimat sei zumindest die Nachfrage erlaubt, wo Herr Nitzsche, vormals auch Abgeordneter des Sächsischen Landtages, eigentlich im September 1991 während des rund einwöchigen Pogroms gegen vietnamesische und mosambikanische Arbeiter und ein Flüchtlingswohnheim in Hoyerswerda war? Aber vielleicht ist das ja alles, auch Nitzsches ausländer- und demokratiefeindlich zu interpretierenden Ausführungen vor der Dresdner Burschenschaft Cheruscia, nur "eine Erfindung des Jusos", wie ein CSU-Mann die "Nitzsche-Affäre" gegenüber den Medien einstufte.

Auf der Homepage von Nitzsche sind derzeit, aus welchen Gründen auch immer, Gästebuch und Linksammlung nicht auffindbar. Immerhin erreicht man Nitzsches Website noch unter power-cdu. Wem das nicht Kraft für Taten gibt?

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16047/1.html
Kommentare lesen (371 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Der nächste Hohmann kommt bestimmt

Hohmann und der Antisemitismus in den deutschen Medien

Ideologische Wiederbewaffnung

Der Fall Günzel wirft Grundsatzfragen über den Mangel demokratischer Tradition in der Bundeswehr auf. Welche Rolle spielt die Geschichte der deutschen Armee noch?

"Gerechtigkeit für Deutschland"

Die Äußerungen des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann zum Nationalfeiertag

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS