Auf den Spuren von Lenins Vermächtnis

15.11.2003

Russische Internetcomics zwischen Kult, Kunst und Kommerz

Auf den Spuren von Lenins Vermächtnis begeben sich die "6 1/2" Helden des gleichnamigen russischen Internetcomics auf einen Wochenendausflug ins russische Hinterland und befinden - der Kommunismus ist eine ernsthafte Sache. In einem Anfall von melancholischem Spleen verfiel die Riege der sieben Freunde - der eine ist so klein, dass er nur als halbe Portion gezählt werden kann - auf die rettende Idee eines weekend auf dem real-existierenden russischen Dorf, der unvermeidlichen Datscha mit Kleingarten und Ziehbrunnen.

Doch die Datscha liegt nicht nur am 101.-Kilometer-von-Moskau-aus-gezählt, dem Mindestabstand, den das sowjetische Regime den politischen Verbannten und "Volksfeinden" verordnete, sondern direkt in der Nähe der Kolchose "Lenins Vermächtnis"449. Und dem haben sich auch unsere Helden, mit Rasta-Locken und cooler Sonnenbrille bestens ausgerüstet, zu stellen. Ungeachtet aller gemeinsamer Arbeitsanstrengungen und der Abwehr gefährlicher Bedrohungen in Form so gar nicht virtueller Wespenstiche und wütender Nachbarn bleibt das Resultat unbefriedigend - das Bier geht aus und auch die Gründung einer Kommune mit !free love! und anderen Schikanen geht daneben. Der Wochenendausflug in den Kommunismus, mit freiwilliger Arbeit für alle und unfreiwilligen Partisaneneinsätzen auf der Suche nach dem für die Heimkehr benötigten Diesel, bleibt Episode.

Wie der Chef-Designer des Internet-Studios mult.ru, Oleg Kuwajew, zum Start der neuen Serie im Oktober 2003 auf einer Pressekonferenz zu Protokoll gibt, ist das intendierte Publikum des Flash-Comics (Regisseurin Marija Stepanowa) die russische Internet-Jugend. Nicht von ungefähr handelt es sich bei den "6 1/2" Freunden um hippe Teenager, die jeunesse dorée des aufstrebenden, sich technisierenden und vernetzenden Russlands. Gehörte es zu den Bauernweisheiten der kommunistischen Führungsriege, dass eine jede Kolchos-Köchin den sozialistischen Staat führen könne, fällt die junge Internet-Elite heute beim Anblick eines Kuh-Euters - wie obszön! - in Ohnmacht. Nicht nur die verstörend reale Gegenwart, auch die kommunistische Vergangenheit taucht als modischer Schlagwortkatalog auf, aus dem sich nach Art der Werbung und des Marketings Life-style und Lebensphilosophien generieren lassen. Als Tattoo mit dem berühmten "Label ????" im Nacken. Negativ gesehen lässt sich das als Ent-Politisierung verstehen, positiv als Ent-Ideologisierung. Oder sogar als Projekt der Bewahrung historischen Gedächtnisses via Popkultur - nicht von ungefähr heißt es in der Einleitung zu "Lenins Vermächtnis": "Wer nicht weiß, was eine Kolchose ist, hat selbst Schuld."

Jenseits all der Stereotypen, die in den ersten beiden Folgen der neuen Comic-Serie aus dem Haus der Kult-Kreativen in höchster Perfektion abgespielt werden, dokumentiert das Mini-Sujet um "Lenins Vermächtnis" den Zusammenprall der globalisierten Großstadt-Elite mit den real-existierenden Zuständen im eigenen Land. Tatsächlich könnte der Kontrast zwischen dem "Planeten Moskau" und dem Rest des Landes - inklusive der zweiten Hauptstadt St. Petersburg, der auch Kuwajew entstammt - kaum größer sein. Nicht von ungefähr sind die Stadt- und Wohnlandschaften des "Multik", so die russische Bezeichnung für "Comic", derart abstrakt gestaltet, dass sie global einsetzbar und übertragbar sind. Selbst die Plattenbauten sind in postmoderner Ästhetik so veredelt, dass sie auch am Potsdamer Platz stehen könnten. Auch das Design der Apartments ist das, was man im Neu-Russischen so schön "Eurodesign" nennt.

Gleiches gilt für das komplett durchgestylte Outfit der sieben Stadtneurotiker Chaplin, JD, Johny Katastrophe, Loki, Max, Mel und Pooh, die sich im Unterschied zu ihren amerikanischen Friends-Serien-Kollegen allerdings erfrischend non-political-correct geben: Exzessiver Konsum von Musik und anderen Rauschmitteln gehören zum städtischen Alltag, dankenswerter Weise jedoch ohne jegliche buchstäbliche Anspielung auf den sonst so allgegenwärtigen Wodka. Überhaupt spielt Sprache - zumindest in quantitativer Hinsicht - eine vergleichsweise geringe Rolle, was die Comics auch für ein des Russischen nicht mächtiges Publikum interessant macht.

Von der ästhetischen Gestaltung und der technischen Umsetzung her ist der Comic - perfekt gezeichnet, liebevoll animiert und in allen Details auf Linie gebracht - ein absoluter Hingucker. Ob seine HeldInnen jedoch auch die Herzen des Publikums erobern können - und damit ihre primäre Funktion als Werbeträger erfüllen - ist eine andere Frage. "6 1/2" ist ein reines Marketing-Produkt, Teil einer Werbekampagne der Mobilfunkfirma Maksus für ihre Internetzentren Swjaznoj, die über die Comics ihre Klientel an sich binden wollen. Zwei bis drei Folgen sollen pro Monat erscheinen. Erste Kommentare in den Diskussionsforen fallen wenig euphorisch aus und offenbaren ihrerseits eine Spaltung der russischen Cyberszene in die passionierten Hacker und bekennenden underdogs der älteren Generation und die "tumben Teenager" der verwöhnten Moskauer Jugend.

Schließlich treten die "6 1/2" Freunde ja auch eine schwere Nachfolge an, schufen doch Kuwajew und seine Mannschaft bereits mit der Kult-Comicfigur Masjanja den absoluten Liebling und Star der russischen Internetszene. Die rotzfreche Göre, angesiedelt im lebensecht dargestellten Petersburg, errang mit ihrer Schnodderigkeit sowie ihrer laxen Haltung zu Sex, Drugs & Rock'n Roll (oder besser Pooogooo450 ) die Sympathien aller russischen NetzbewohnerInnen und eroberte sich - und ihrem Schöpfer Kuwajew - gar internationale Popularität in den amerikanischen 451, aber auch den deutschen Medien.

Was als privater Spaß unter Freunden gedacht war, rief bald geradezu hysterische Reaktionen hervor: an Montagen, wenn die jeweils neue Folge ins Netz ging, brach der Server der Site regelmäßig zusammen, sank die Produktivität in den Büros der russischen Metropolen auf einen absoluten Nullpunkt. Spindeldürr und spinnenbeinig, mit Wasserkopf und Kaulquappenschnauze provozierte die rassige Schöne aus dem kühlen Norden jedoch auch politische Proteste und Begehrlichkeiten. Wandten sich auf der einen Seite Politiker jeglicher Couleur gegen die sittenwidrige Verführerin Masjanja, die mit ihrer Nichtsnutzigkeit die Jugend verderbe - ein Vorwurf, der zu Sowjetzeiten standardmäßig gegen unbotmäßige SchriftstellerInnen und KünstlerInnen erhoben wurde, so versuchten andere Parteien Masjanja für ihre Werbekampagnen zu nutzen.

Zum Opfer fiel die virtuelle Krawallnudel, die zunächst als Inbegriff eines altruistischen Web-Projekts gestartet war, jedoch den zunehmenden Kommerzialisierungstendenzen, die auch im russischen Internet um sich greifen, konkret dem Streit um die Autorenrechte zwischen Künstler Kuwajew und Produzenten Zorin. In letzter Konsequenz wurde die Produktion neuer Folgen der Serie sogar eingestellt. Die Seite www.mult.ru ist zur Zeit eingefroren (under construction), die juristischen Auseinandersetzungen um die Nutzungsrechte gehen weiter. Das Studio ist zwischenzeitlich - ohne Masjanja - unter der Adresse www.multz.com zu erreichen. Kuwajew selbst gibt sich, angesichts der Unwägbarkeiten der russischen Rechtsprechung, bezüglich der Chancen eines Sieges vor Gericht eher verhalten.

Der Fall Masjanja ist also ein besonders trauriges Lehrstück der Kommerzialisierung der russischen Internetkultur, in dem Kuwajew als Opfer seines eigenen Erfolgs zwischen den Fronten der unverbesserlichen Netz-Idealisten und skrupellosen Geschäftemacher aufgerieben wurde. Aus dem Spaß wurde bitterer Ernst und die Moral von der Geschicht' ist eine doppelte: Wurden angesichts der (auch finanziellen) Erfolge Masjanjas schnell Vorwürfe der "Käuflichkeit" gegenüber Kuwajew laut, der sein künstlerisches Projekt verraten habe, so beschimpft man heute den Produzenten, der den Autor seines Urheberrechts an der Figur beraubt habe. Dabei gilt die Institution des Copyright und der Autorenrechte weiten Teilen der russischen Internetelite selbst bis heute als Konstrukt westlichen Denkens.

Die "rein" kommerzielle Produktion der "6 1/2" Freunde für die Telekommunikationsfirma "Maksus" erscheint manchen Kritikern denn auch als zweite Niederlage Kuwajews, der sich nun endgültig an die zahlkräftigen Kunden verdinge, fasst der Redakteur der Internet-Zeitschrift Runet Wiktor Zachartschenko die Stimmungslage zusammen. Der Fall Masjanja beleuchtet also nicht nur die oft und zu Recht beklagte uneindeutige Rechtslage in Russland, sondern auch die moralische Doppelbödigkeit der Cyberszene selbst, die zwischen dem Zwang des Geldverdienens und den Idealen der Geschenkökonomie gefangen ist. Auf der Suche nach praktikablen Lösungen für die Herausforderungen des kapitalistischen Alltags hilft eben auch das Vermächtnis Lenins nicht weiter. Trost verspricht hingegen eine Weisheit aus dem ewigen Schatz sozialistischen Liedguts, die im Abspann der "6 1/2" Freunde zitiert wird: "Morgen wird es besser sein".452 P.S.: Der neue "Mult" von 6 1/2 ist gerade erschienen!

Mails an die Autorin: Henrike Schmidt@ruhr-uni-bochum.de

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