Willkommen in der Normalität eines entzauberten Mediums

Falk Lüke 14.11.2003

Vorbei die Zeiten des Elitennetzwerkes: Das Internet ist als "vierte Kulturtechnik" im Status 'Normalität' angekommen und zum Werkzeug degradiert worden

10 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web ist das Internet in einer Normalität angekommen. Von der elitären Schar auf Kostenloskultur getrimmter, technikbegeisterter Wissenschaftler und Studenten akademischen Umfeldes ist nur noch wenig zu sehen. Verbittert betrachten sie, wie Kommerzialisierung und Allgemeinverfügbarkeit das einstige Werkzeug intellektueller Kreise zu einem gigantomanischen Shoppingcenter mit Einbahnstraßenstruktur verändern. Ihre übertriebenen Utopien vom Weltfrieden durch Netzwerke und den Futurehype der Webromantiker hat die Netzelite vergangener Tage in kulturpessimistische Betrachtungen der ehedem virtuellen Realität eingetauscht.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Lesen, Schreiben, Rechnen - und der Umgang mit Rechenmaschinen, das sind im dritten Jahrtausend die Techniken, mit denen sich der aufrecht gehende Mensch als Teil der Moderne beweisen kann. Die vierte, die neueste dieser Kulturtechniken, hat den Wechsel vom Status der besseren Schreibmaschine zum schnellen Kommunikationsmedium in radikaler Weise binnen kurzer Zeit vollzogen. Etwa ein Jahrzehnt brauchte die Etablierung der Heimcomputer in den Heimstätten des Abendlandes, ein weiteres die inzwischen allgegenwärtige Vernetzung derselben.

Fast seit den Ursprüngen dessen, was heute unter 'Internet' firmiert, beschäftigen sich Medien- und Kulturphilosophen mit dem Netz und Netzwerken. Das Umfeld der die Netzwerke zuerst im großen Stil nutzenden Universitäten ließ Theorien, Grundsätze und Begrifflichkeiten wie Weibels 'Teletechnologie' oder das Manifest des Technorealismus sprießen. Kulturkritische Standpunkte haben in der Überzeugung vieler Netizens alter Prägung mit der wachsenden Kommerzialisierung ihren Einfluss auf die Internetbewegung verloren. Nicht nur, dass für viele Nutzer das Internet gleichbedeutend mit dem WWW zu sein scheint - die weit fortgeschrittene Kommerzialisierung, vor der viele Mitglieder der Scientific Community sich im Internet sicher glaubten, hat dem Netz seinen Stempel aufgedrückt.

Mit Mosaic kamen die Bilder, mit den Bildern die Werbung. Und diese ist - entsprechend der Zugangsmöglichkeiten zum Internet - mittlerweile fast allgegenwärtig. Und auch die Versuche zur Übertragung weltlicher Regularien auf den Cyberspace nehmen nicht nur in Diktaturen im Zuge praktischer Verzahnung von realen und virtuellen Welten weiter zu. Mit der neuen Freiheit, die das Netz einst zu bieten versprach, hat dies wenig mehr zu tun.

Die 'Normalisierung' des Netzes geht mit einer deutlichen Veränderung der Nutzerstruktur einher. Der Trend weg von einer elitären Netzgesellschaft hin zu einem Netz für alle, von einer Telepolis ähnlich denkender Netzaktivisten hin zu einer Transskription bestehender Verhältnisse auf den ehemaligen Cyberspace ist deutlich. Die Gesellschaft beeinflusst das Web stärker als das von den Nutzern vorgefundene Web die Gesellschaften - anders als von vielen Netzkritikern erhofft. Und die technologiekritischen Cyberspacepioniere haben sich selbst ins Abseits gestellt:

Statt aktuelle Extreme in Richtung des von Nationalstaaten kontrollierten und von wenigen Monopolisten vom Schlage Microsofts, EBays und Amazons dominierten Bezahlwebs als Verlust an Qualität des Mediums zu brandmarken, wird der Niedergang beklagt und sich nach alten Zeiten zurückgesehnt, in denen das Netz eine kleine, weitgehend unbekannte und abgeschlossene Welt für sich war. Und in der noch fast jeder ungestört tun und lassen konnte, was er wollte - sofern er die technischen und intellektuellen Fähigkeiten denn zur Verfügung hatte.

Anders gesagt: Das Netz ist nicht mehr, was es mal war. Früher war alles zumindest anders.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16073/1.html
Kommentare lesen (40 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS