Der Ernst der Lage

Wir Science Fiction-Autoren, die Ritter von der Alternative und der Utopie, haben uns in Ritter von der traurigen Gestalt verwandelt

Meine bevorzugte Sorte von Science Fiction ist in der Krise. Wer derzeit als Autor den Mut besitzt, Science Fiction-Literatur den Verlagen zum Kauf anzubieten, sollte einen langen Atem mitbringen - Publikationsmöglichkeiten sind verschwunden, die Leserschaft liest andere Bücher (oder gar keine), der Markt ist geschrumpft.

In Deutschland ist die literarische Science Fiction in den letzten Jahren hart von beiden Enden der Skala her angegriffen worden: Die Phantastische Bibliothek bei Suhrkamp existiert de facto nicht mehr, und bei Heyne wurde das Programm endgültig auf totale Massenkompatibilität zugeschnitten, was auch mit dem Hin- und Her-Verkauf des Verlags und dem Weggang von Wolfgang Jeschke zu tun hat. Sicher, es gibt Möglichkeiten. Man kann bei einer der Serienfabriken anheuern. Man kann Space Operas schreiben, die immer noch gehen, wenn sie mehr als 400 Seiten haben, von vornherein als Lego-Baustein geplant sind, und an das Heldenhafte und den unerlösten Sexus in im Seelenhaushalt von Sechzehnjährigen appellieren. Man kann danach streben, irgendwie zu der kleinen Gruppe von Stars aufzuschließen, die mit futuristischer Abenteuerliteratur gut im Geschäft sind. Literarische Science Fiction aber findet derzeit im Abseits des Literaturbetriebs und des Massenmarkts statt. Schlechte Karten, möchte man meinen.

Ein mattes "Ja"

Aber was ist der Grund dafür? Die heroisch-depressive Antwort geht so. Wir Science-Fiction-Autoren waren schon immer die letzten Hüter der Utopie gegen die normative Kraft des Faktischen - und wenn auch nur ex negativo, in der futuristischen Übersteigerung und damit der impliziten Ablehnung der unerträglichen Realität. Kurd Lasswitz bot einst eine realistische Alternative zum erdrückenden Militarismus und zur nationalen Hysterie in der Kaiserzeit an. Die Strugatzkis krochen mit der Schnecke am Hang gegen die Verknöcherungen des Sowjetsozialismus an. Thomas M. Disch verhängte über sich selbst Camp Concentration, als ihn der Wahnsinn des Vietnamkriegs peinigte. Und so weiter.

Jetzt ist Schluss mit lustig. Die Alternative scheint so weit weg, die Realität hat sich so undurchdringlich verdichtet, dass selbst ihre karikierte Verzeichnung keinen Sinn mehr macht, die Seelen sind einfach zu müde, zu utopiemüde geworden, man sagt nicht mehr "Ach!", wie in der Poesie, man sagt nicht mehr "Nein!" wie in der politischen Utopie, man haucht einfach ein mattes "Ja", oder freut sich an dem, was ist, so gut man sich eben belügen kann. Wir, die Science Fiction-Autoren, die Ritter von der Alternative und der Utopie, haben uns in Ritter von der traurigen Gestalt verwandelt, man hat uns nicht bestellt, und denkt gar nicht daran, uns abzuholen.

So etwa klingt die heroisch-depressive, die kulturkritische Erklärung für die Misere. Sie hat Einiges für sich. Man kann sie mit vielen Beispielen belegen, und eins der besten wäre wiederum der Niedergang der Phantastischen Bibliothek bei Suhrkamp. Allerdings krankt die Deszendenzthese auch an Katastrophismus, Selbstgefälligkeit und Selbstmitleid; außerdem an Arroganz, weil sie implizit die Leser für Idioten hält. Verdächtig, gelinde gesagt.

Hat die Realität uns eingeholt?

Es gibt eine andere Erklärung für das aktuell blasse Abschneiden der literarischen Science Fiction, und sie ist nicht so bequem für uns Autoren. In einer Welt, in der von Menschen gemachte Artefakte zum ersten Mal das Sonnensystem verlassen, Wearable Computing zu einem Fakt geworden ist, in der Kriege ohne orbitale Unterstützung eigentlich gar nicht mehr geführt werden können, in der Klonen praktiziert und Beamen ernsthaft beforscht wird - in einer Welt wie dieser, wer braucht da eigentlich Science Fiction? Kann es sein, dass unsere Phantasien entbehrlich geworden sind? Hat die Realität uns eingeholt? Gehören wir, schrecklicher Gedanke, zum alten Eisen? Florieren die Serien und die Abenteuer, weil sie sich ohnehin an Suchtleser richten, und verkümmert unsere Literatur, weil anspruchsvollere Leser mit Recht zum Sachbuch abwandern?

Man könnte jetzt einwenden, die Realität habe schon immer die unangenehme Eigenschaft gehabt, die Phantasten mit der Favorisierung des radikal Unwahrscheinlichen zu provozieren. Dass das Kaiserreich eines Tages Lenin zur Revolution kutschieren würde, wer hätte das zur Zeit der Sozialistengesetze geglaubt? Dass ein gescheiterter antisemitischer Kunstmaler die Welt schon bald in einen zweiten Weltkrieg führen würde, wer hätte das 1919 für möglich gehalten? Wer hätte während der Kubakrise viel darauf gewettet, dass die Welt den kalten Krieg überleben würde? Was die Technik angeht, so versuchen die Phantasten ihre Entwicklung zu übertrumpfen, mindestens seit es das Telefon gibt. Die Attacke der Realität auf die Phantastik ist also nicht wirklich neu.

Und doch, und doch, etwas ist anders. Man hat den Eindruck, dass sich der technologische Fortschritt irgendwann seit der Erfindung des Transistors auf eine neue Ebene gemogelt hat. Er scheint jetzt ganz woanders hin zu zielen als zu Zeiten der Dieselmotors und der Dampfturbine. Vor allem hat man den Eindruck, die technisch orientierte Phantastik habe verloren, seitdem man von der inneren Mongolei aus jeden Telefonteilnehmer weltweit erreichen kann und "Liveaufnahmen" von fröhlich herumfahrenden Forschungsrobotern auf dem Mars eigentlich schon wieder langweilen. Endgültig verloren. Was ein Zusammenschließen von Bio-, Nano-, und Computertechnologie für gesellschaftliche Folgen haben könnte, ist so unklar, dass die Phantasie erschöpft und beängstigt die Waffen streckt.

Unsere Sehnsucht nach Geschichten

Aber da ist immer noch unsere Sehnsucht nach Geschichten. Unsere Verpflichtung, sie zu erzählen. Was können wir tun, dass sie etwas taugen? Nun, es gibt ja Parallelen. Zum Beispiel die derzeitige Krise der Musikindustrie. Vor zwanzig Jahren war die CD, war die musikalische Digitalisierung der Hoffnungsträger für die ganze Branche, stagnierende Verkaufszahlen und Gewinnspannen belebten sich, die Musikindustrie entwickelte sich zu der fetten, selbstgenügsamen Mastsau, die wir bis vor kurzem kannten. Bis vor kurzem, denn mittlerweile ist sie in Panik. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie von den Entwicklungen, die sie selbst angestoßen hat, geschlachtet wird, einfach so. Und das hysterische Durchboxen neuer Gesetze gegen "Piraterie" wird nichts ändern.

Was kümmert es mich, dass Britney Spears nicht einmal mehr privat kopiert werden darf, wenn ich völlig legal Songs von Bands wie "The Pavement", "Versus", "Kettcar" oder "Low" aus dem Netz herunterladen kann, um mir zu überlegen, ob ich sie mit einem CD-Kauf oder einem kostenpflichtigen Download belohne? Die Bertelsmann-Group, Time-Warner und Sony sind in dieser Hinsicht weniger wichtig, als ihre Aufsichtratsvorsitzenden denken mögen.

Von der Bühne vertrieben

Oder nehmen wir einen anderen Parallelfall. Es ist allgemein bekannt, dass die bildende Kunst, wie wir sie heute haben, der Fotografie geschuldet ist. Was sollte man auch machen als Maler oder Bildhauer, als diese widerlichen Silberplattenbelichter mit ihren grotesken Apparaten überall auftauchten? Man überlegte sich Sachen wie Impressionismus und war plötzlich in einem Universum, in dem auch art brut möglich war, monochrome Malerei à la Yves Klein und das Herstellen von Holzskulpturen mit Kettensägen. Man entdeckte, dass es außerhalb des Tanzsaals eine andere Welt gab, als man von der Bühne vertrieben worden war. Und vielleicht, vielleicht, widerfährt der Science Fiction etwas Ähnliches. Vielleicht muss sie sich auf eine Forschungsreise begeben. Möglicherweise handeln die Science Fiction-Romane der Zukunft von ganz anderen Dingen als die heutigen. Oder sie handeln gar nicht, im herkömmlichen Sinn. Möglicherweise werden die Schranken zwischen Science Fiction- und Mainstreamliteratur niedergerissen, und möglicherweise tritt zutage: sie haben nie viel Sinn gemacht. Möglicherweise findet Science Fiction-Literatur nicht mehr im herkömmlichen Buch statt (nein, das vorläufige Scheitern des E-Books ist kein grundsätzliches Argument dagegen).

Wer ganz kühn hoffen will, der kann auch auf eine Gesellschaft hoffen, die die Forschungsreisenden der Science-Fiction bei ihrem Abenteuer nicht verhungern lässt. Weil die Menschen, die in ihr vergesellschaftet sind, Geschichten darüber hören wollen, wer sie sind. Das ist eine nahezu hoffnungslose Hoffnung. Aber, wie schon gesagt, die Wirklichkeit neigt zu Überraschungen. Die Science Fiction ist tot. Es lebe die Science Fiction.

Vortrag, gehalten am 12.11.2003 bei der Töpfergesellschaft Solothurn.

Marcus Hammerschmitt wurde 1967 in Saarbrücken geboren. Seit 1994 ist er freier Schriftsteller. Er schreibt Lyrik, Erzählungen, Romane, Essays, Hörspiele, und ist als Journalist tätig (u.a. regelmäßig für Telepolis). Eine Auswahl aus seinen Veröffentlichungen: 1995 "Der Glasmensch" (Suhrkamp), 1998 "Target" (Suhrkamp), 1999 "Instant Nirwana" (Aufbau), 2002 "Polyplay" (Argument).

Thaddäus-Troll-Preis 1997, Essaypreis der Büchergilde Gutenberg 1998, Würth-Literaturpreis 1999, Digital Content-Award (MFG Baden-Württemberg) 2001. Zahlreiche Phantastik-Auszeichnungen.

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