Rechte Aufbruchstimmung

20.11.2003

Eine aktuelle Forsa-Studie kommt zu dem Ergebnis: Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Derweil laden die Republikaner Martin Hohmann zum Parteitag ein

Wenn ein Hinterbänkler des Deutschen Bundestages antisemitische Reden schwingt, haarsträubende Geschichtsklitterung als politisches Programm verkauft ("Gerechtigkeit für Deutschland") und dafür auch noch öffentlich Beifall bekommt, ist das schlimm genug. Noch beunruhigender wäre es freilich, wenn die Rechtsaußen stationierten Hobbyhistoriker in der Hoffnung bestärkt würden, dass die Mehrheit des deutschen Volkes oder doch zumindest ein beträchtlicher Teil desselben ihre kruden Ansichten teilt (Stimme der Mehrheit?). Eine aktuelle Forsa-Studie, die im Auftrag des Magazins Stern durchgeführt wurde, scheint nun genau diese Befürchtung zu bestätigen.

Forsa befragte am Freitag und Samstag vergangener Woche 1.301 Bundesbürger und kam zu dem Schluss, dass der Anteil der Deutschen mit "latent antisemitischen" Einstellungen seit 1998 von 20 auf 23 Prozent gestiegen ist. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten bei ihren Antworten auf unterschiedliche Fragen zwischen den Skalenwerten 1 ("trifft überhaupt nicht zu") bis 7 ("trifft voll zu") wählen, wobei die Werte 5-7 von den Forsa-Mitarbeitern als "latent antisemitisch" eingestuft wurden.

Die Ergebnisse sprechen für sich. 36% der Befragten waren der Ansicht, dass Juden versuchen, aus der nationalsozialistischen Vergangenheit Vorteile zu ziehen und die Deutschen für ihre historische Schuld zahlen zu lassen. Außerdem unterstützten 28% die Behauptung, Juden hätten auf der Welt zu viel Einfluss. 61% waren schließlich der Meinung, dass nicht mehr so viel über Judenverfolgung und Holocaust geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden soll.

Ob es angesichts dieser Resultate noch angemessen ist, von "latentem" Antisemitismus zu sprechen, sei einmal dahingestellt (Der nächste Hohmann kommt bestimmt). In jedem Fall scheint die Rechnung von Hohmann & Co. aufzugehen. Frei nach dem Motto, das Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schon vor über 50 Jahren zu den "Elementen des Antisemitismus" zählten:

Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv.

2003 stoßen in Deutschland aber nicht nur antisemitische Ressentiments auf breite Zustimmung. In ihrem Schlepptau wagen sich obligatorische Begleiterscheinungen wie Ausländerfeindlichkeit, Intoleranz und Nationalismus ermutigt an die Öffentlichkeit. Kein Wunder also, dass Rolf Schlierer, seines Zeichens Bundesvorsitzender der Republikaner, die Gunst der Stunde nutzen will. "Die Parteichefs Merkel und Stoiber haben vor der veröffentlichten Meinung kapituliert und mit der politischen Hinrichtung Hohmanns klargemacht, daß Konservative in CDU und CSU nicht mehr willkommen sind," erklärte Schlierer. Doch das ist im Grunde kein Problem, denn: "Die Republikaner bieten allen konservativ Gesinnten, die in CDU und CSU heimatlos geworden sind, eine neue politische Heimat."

Schlierers Bereitschaft, Martin Hohmann und seinen Gesinnungsgenossen politisches Asyl zu gewähren, ging so weit, dass er den ausrangierten Ex-CDU-Abgeordneten zum Parteitag der Republikaner nach Münster einlud. Vorerst ohne Erfolg, aber wenn der Verehrte auch nicht persönlich anwesend war, so schwebte doch sein Geist über der Veranstaltung: "Man darf im vorgeblich freiesten Staat, der je auf deutschem Boden bestanden hat, nicht alles aussprechen", beklagte der Parteivorsitzende, der übrigens erst 48 Jahre alt ist. In Deutschland herrsche "eine Gesinnungsdiktatur, eine Diktatur der Gutmenschen, der wir uns mit allen Kräften widersetzen müssen."

Im Gästebuch der Partei, welche die "politische und geistige Souveränität Deutschlands wiederherstellen" will, werden freilich noch ganz andere Töne angeschlagen. Ein "Volker" sagt:

Wir setzen uns hier ein für ein christliches Deutschland und unterstützen klar die Haltung des 'Arbeitskreises konservativer Christen' u. die Meinung Martin Hohmanns. Wie man in der undemokratischen CDU versucht überzeugte, niveauvolle und christliche Deutsche fertigzumachen, ist eine Schande für unser Land. Die Leute sollten sich hier, anstatt dumme Sprüche zu machen, lieber für ein christliches und wertebezogenes Vaterland und gegen Islamisten, Abtreibung u. Homo-Ehe einsetzen!

Und ein "Gert" meint:

Es ist eine Schande wie sich die Ausländer in unserm DEUTSCHLAND benehmen. Es gibt sicher auch solche die Arbeiten wie wir, aber das ist leider die Ausnahme.

Wohingegen ein "Markus" fragt:

Habt ihr am Sonntag 'Christiansen' gesehen? Da spricht ein Christlicher aus Hamburg mit homosexuellen Neigungen, ein Liberaler, der vergeblich versucht in seiner Partei Chef zu sein und ein Freund der jüdischen Glaubensgemeinschaft, der mehr über Huren und Kokain weiß als über seine frau über Deutschlands Zukunft. Es ist weit gekommen, warum lasst ihr das zu? Sie zerstören unseren Staat, unsere Kultur!!

Vor wenigen Tagen nahm diese Haltung parlamentarische Formen an. Im Düsseldorfer Stadtrat kommentierte der einzige Republikaner Jürgen Krüger den Vorschlag, die Geschichte der Juden-Deportationen um das Schlachthofgelände und den Derendorfer Güterbahnhof aufzuarbeiten, folgendermaßen:

Wenn das so weitergeht, haben wir irgendwann mehr Mahn- und Gedenkstätten als ermordete Juden. Davon werden die auch nicht mehr lebendig.

Eine unglaubliche, aber offenbar gezielte Entgleisung, denn der "Express" zitiert Krüger überdies mit den Worten: "Im Gegensatz zu Hohmann bei der CDU habe ich bei meinen Republikanern keinen Rausschmiss zu befürchten."

Die zuständige Staatsanwaltschaft hat mittlerweile ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung eingeleitet, aber nach den Ereignissen der letzten Wochen und der aktuellen Forsa-Umfrage kann leider niemand mehr davon ausgehen, dass "Volker", "Gerd", "Markus" oder Jürgen Krüger Einzelmeinungen vertreten. Im Moment kann man sie vermutlich nicht einmal dem äußersten rechten Rand zuordnen.

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