Wenn ein Ball geflogen kommt...

verhalten sich reale Spieler genau wie die virtuellen

Wissenschaftler sitzen nicht nur im Elfenbeinturm und denken über den Sinn des Lebens und die Gesetze der Natur nach. Ab und zu wenden sie sich auch ganz praktischen Alltagsfragen zu, zum Beispiel der Frage, wie es ein Spieler schafft, einen Ball im richtigen Moment zu erwischen.

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Viele Dinge oder Vorgänge sind im alltäglichen Leben ganz selbstverständlich und scheinbar sehr einfach. Wenn Wissenschaftler ihren forschenden Blick darauf werfen, erweisen sie sich aber oft als sehr komplex und aufwändig zu beschreiben. Physiker haben schon ergründet, in welchem Winkel und mit welcher Geschwindigkeit man am besten einen flachen Stein aufs Wasser wirft, damit er möglichst oft hüpft (vgl. Die unerträgliche Leichtigkeit des Steins) oder warum die dicken Nüsse in der Müslischachtel immer nach oben wandern (Dicke Nüsse liegen obenauf).

Zu den Mysterien der Wissenschaft gehört auch das Zusammenspiel von Wahrnehmung und Handlung beim Sport und speziell beim Ballspielen. Wenn ein Ball geflogen kommt, berechnen wir aufgrund unserer Erfahrung ganz automatisch wo er wahrscheinlich aufkommen wird, und wie wir uns bewegen müssen, um ihn im Flug abzufangen. Die genaue Beschreibung dieser Parallelität und Zusammenarbeit von visueller Wahrnehmung und Bewegungskoordination ist in der Sprache der Wissenschaft schwieriger, als sie uns aus unserer Alltagserfahrung erscheint. Psychologen setzen sich damit schon seit Jahren auseinander, ob nun mit der Reaktionsgeschwindigkeit (vgl. Unbewusst weiß die Hand, wie sie greifen muss) oder mit der höheren aufmerksamkeitsbedingten Hirnaktivität von Leistungssportlern (vgl. Nehmen Volleyballspieler einen Ball früher wahr als Nicht-Athleten?).

Jetzt veröffentlichen Peter McLeod und Nick Reed von der University of Oxford sowie Zoltan Dienes von der University of Sussex im Wissenschaftsjournal Nature ihre Erkenntnisse darüber, wie ein Verteidigungsspieler beim Baseball am besten den Ball abfangen kann. Die britischen Psychologen haben sich des amerikanischen Nationalsports Baseball angenommen, der sich auch in Europa wachsender Beliebtheit erfreut. Die genauen Regeln kann jeder, den es interessiert, ausführlich nachlesen (vgl. Baseball Fan's). Hier genügt anzumerken, dass es im Interesse der Verteidigungsspieler (englisch: Fielder, vgl. The Baseball Catching Simulation) liegt, den Ball abzufangen, weil das ihrer Mannschaft hilft. Der Verteidiger versucht also, dreidimensional die Flugbahn abzuschätzen und gleichzeitig sich ihr entsprechend zu bewegen, um den näher kommenden Ball zu bekommen.

Es gilt, die Bahn des Geschosses möglichst schnell voraus zu berechnen und den eigenen Lauf anzupassen. Dabei sollten vor allem zwei Bewegungswinkel berücksichtigt werden: Einmal der vertikale Anstiegswinkel des Balls, zum anderen der horizontale Winkel zum Ball, relativ zum Ausgangspunkt des Spielers. Wenn der Fielder losläuft, nimmt der erste Winkel mit abnehmender, der zweite mit konstanter Geschwindigkeit zu. Dabei muss er sich am Anfang noch nicht für eine genaue Laufrichtung entscheiden und kann seine Geschwindigkeit anpassen. Wenn der Spieler die Winkel ständig entsprechend im Auge behält, kann er sich mit minimalem Beschleunigungsaufwand so positionieren, dass er den Ball am Ende der Flugkurve mit Leichtigkeit fängt.

Schemata des Ballwurfes und der potenziellen Wahrnehmung der Position des Balls durch den Verteidiger beim Baseballspiel. a

Das Forscher-Team erstellte Simulationen, wie ein Baseballspieler die Aufgabe nach diesen Maßgaben optimal lösen wurde und entdeckte, dass reale Spieler sich genau so verhalten wie die virtuellen. Wahrscheinlich lernen sie das schon im Kindesalter - ganz praktisch aus Erfolg und Versagen beim Fangen von Bällen. Die Erinnerungen an die Treffer werden gespeichert und später immer wieder abgerufen. "Sportarten sind so gestaltet, dass sie das System bis zu seiner Grenze treiben. Wenn man die Grenzen studieren will, ist es ein möglicher Weg, sich mit Sport zu beschäftigen", meint der Hauptautor Peter McLeod, der sich vor der aktuellen Studie bereits mit der optimalen Informationsverarbeitung für Kricket-Spieler beschäftigt hat.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16161/1.html
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