.SU alive!

06.12.2003

Webadressen der Domain .SU sind wieder zur Registrierung freigegeben - Die virtuelle Sowjet-Zone als Teil der Geschichte des russischen Internet

"Meine Adresse hat keine Straße und keine Nummer, meine Adresse ist die Sowjetunion"463 heißt es in einem populären sowjetischen Schlager aus dem Jahr 1972. Seit kurzem ist das im Internet wieder möglich: die Registrierung von Webadressen der Top-Level-Domain .SU ist am 27. Juni 2003 wieder aufgenommen worden. Für schlappe 100 $ im Jahr kann sich jeder seine Parzelle in der virtuellen Sowjet-Zone sichern. Anlässlich des Jahrestags der Sozialistischen Oktoberrevolution am 07. November - heute in Russland als "Tag der Eintracht und Versöhnung" gefeiert - verspricht die Firma RU-CENTER, der die Verwaltung der Domäne obliegt, jedem der neu eingebürgerten SU-USer sogar ein SU-Venir464

"Die Domain SU ist auch ein Teil unserer Geschichte", heißt es auf dem Werbeplakat von RU-CENTER, das stil- und geschichtsbewusst in der Tradition der sowjetischen Agitationsplakats gestaltet ist - einer Geschichte allerdings, an die sich der überwiegende Teil der zumeist jugendlichen NutzerInnen des russischen Internet (Runet) wohl kaum aus eigener Anschauung erinnern dürfte. Denn pikanterweise kollidierte die Entstehung der Domain mit dem Ende des Großreichs, symbolisiert in gewisser Hinsicht sogar dessen Niedergang. Denn als geschlossene Gesellschaft totalitären Typs scheiterte die Sowjetunion nicht zuletzt an den Herausforderungen der Informationsgesellschaft und der damit einhergehenden Globalisierung, meint der Internetforscher Manuel Castells.465

Reliable communications statt real communism - erste Netzwerke in der Sowjetunion

Tatsächlich waren es die in der Zeit der Perestrojka vorgenommenen Lockerungen im Bereich der Politik, und der Wirtschaft, die es den sowjetischen Wissenschaftlern ermöglichten, an die weltweiten Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologien anzuknüpfen.466 "Kreative Kollektive" bildeten sich heraus, bald gefolgt von den ersten privaten Kooperativen, die sich nicht minder kreativ um den Vertrieb der erfolgreichen ‚Programmlinien' kümmerten.467 Es waren die Goldenen Zeiten der sowjetischen Programmierer, die ihr Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen konnten, anstatt zu hacken oder Piroshki zu verkaufen, so Wadim Maslow, einer der Protagonisten dieser Entwicklung. Zu den Errungenschaften dieser neuen Form der sozialistischen Volkswirtschaft gehörte die Russifizierung des Betriebssystems UNIX, seine Anpassung an das "harte Eisen der russischen Computerhardware". UNAS lautete zunächst das Kürzel für diese Erfindung - ein besonders hübscher Zufall, denn lässt sich UNIX im Russischen mit etwas Phantasie als "bei ihnen" dechiffrieren, bedeutet UNAS buchstäblich "bei uns" (Maslow).

Mit dieser Gegenüberstellung sollte es in Kürze vorbei sein. Mit Hilfe von "UNAS", das bald in "DEMOS" umbenannt wurde, schuf die gleichnamige Kooperative 1990 das erste Computernetzwerk auf noch sowjetischem Boden. Relcom, von russian electronic communications oder reliable electronic communications, gehörten bald über dreißig - vor allen Dingen wissenschaftliche - Institutionen von Dubna bis Nowosibirsk an. Damit war der Grundstein für den Anschluss an das weltweite Netz gelegt. Mitarbeiter der Kooperative Demos waren es dann auch, die am 19. September 1990 die Domain SU. registrierten.468 Reliable communications statt real communism.

Glasnet - Glasnost & Network

Neben dieser eigenständigen Entwicklung des Internet im Lande selbst lässt sich eine nicht minder charakteristische "äußere" Entwicklungslinie konstatieren, nämlich die Förderung durch ausländische, vorrangig amerikanische Organisationen. Die gemeinnützige Vereinigung Glasnet, eine besonders hübsche Wortschöpfung aus Glasnost und Network, beginnt 1990 unterstützt und finanziert von der Association for progressive communications mit dem Aufbau eines Computernetzwerks, dessen Nutzung insbesondere den marginalen gesellschaftlichen Gruppen als Mediatoren eines technisch-gesellschaftlichen Fortschritts nach westlichem Muster Zugang zu den globalen Netzwerken schaffen sollte. Im Rahmen von Glasnet erhielten Organisationen, die im Bereich der Menschenrechte, des Umweltschutzes oder der Bildung tätig waren, kostenlosen Zugang zum World Wide Web.469Bisweilen mit einer bedenklichen Faszination für extremistische Inhalte, wie in den End of The World News des Mathematikers und Netzaktivisten Michail Werbitzki. Transparenz durch Vernetzung, Bürgergesellschaft über das Internet - eine noch ganz der Anfangseuphorie der Netzwelt geschuldete Philosophie.

Die Enkel des "Gebenden Gottes" - die technische Intelligenz in der Emigration

Und noch ein anderer, nicht weniger wichtiger und charakteristischer Impuls zum Aufbau des russischsprachigen Internet ging vom Ausland aus, und zwar von der emigrierten technischen Intelligenz, die in den Jahren der Repression und des Gesellschaftsumbruchs die Sowjetunion in Richtung Westen verlassen hatte. Die ersten russischsprachigen Web-Ressourcen wurden vorrangig von russischen Wissenschaftlern aus den Vereinigten Staaten betrieben. Dabei handelte es sich bisweilen um echte Kuriosa8, wie etwa die Seite des Astrophysikers Sergei Naumow Die Enkel des Gebenden Gottes 1992), die der heidnischen Frühgeschichte Russlands gewidmet war. Der Grund für die Entstehung solcher Ressourcen war "ein ganz einfacher - Nostalgie", wie Naumow im Interview mit Dmitri Popow zu Protokoll gibt. Das Netz stellte die lang ersehnte Möglichkeit dar, die abgerissenen Kommunikationsfäden wieder anzuknüpfen. Weitere dieser frühen russischsprachigen Seiten im Netz, die zunächst aus dem Ausland betrieben wurden, waren das Sowinformbjuro des Programmierers Wadim Maslow sowie die bis heute alle Popularitätsratings anführende Seite Anekdoten aus Russland von Dmitri Werner, seines Zeichens gleichfalls Astrophysiker. In den Usenet-Foren wurden - bisweilen recht derbe - poetische Wettstreite und regelrechte flame-wars geführt, die zur Grundlage des bis heute populären Literaturwettbewerbs Tenjota unter seinem "Präsidenten", dem Geophysiker Leonid Delitzyn, wurden. Der "Gebende Gott" hatte seine Enkel im Netz mit reichen Gaben gesegnet.

Internet "made in russia" - Happy birthday to .ru

Während die Sowjetunion gute 70 Jahre existierte, war ihrer virtuellen Repräsentanz - wie es zunächst schien - eine wesentlich kürzere Lebenszeit beschieden. Im Jahr 1991 kollabierte das Imperium und die Russische Föderation trat die Rechtsnachfolge der Sowjetunion an. Ungeachtet des politischen Zusammenbruchs entwickelte sich das Internet - sozusagen im außerstaatlichen Raum - munter weiter, spielte sogar eine wichtige Rolle bei der Bündelung der oppositionellen Gruppen gegen den Putsch reaktionärer Kräfte im August 1991. Entscheidend war dieses Jahr jedoch noch in ganz anderer Hinsicht, denn am 01.Mai, dem symbolträchtigen Tag der Arbeit, übertraf der innerrussische Datenverkehr erstmalig den Austausch mit dem Ausland. Das Internet in Russland wird ein im wahrsten Sinne des Wortes "russländisches", sozusagen "made in Russia". Am 17. März 1994 schließlich erfolgte die offizielle Registrierung der Domain .ru. Bereits zwei Jahre vorher waren die nationalen Domaines von Estland .ee, Litauen .lt, Georgien .ge und der Ukraine .ua angemeldet worden. Die Ära der sowjetischen "Domainanz" war vorüber.

Save our Souls - .SU alive!

Doch .SU will nicht sterben. Zunächst wurde die Domain aus Rücksichtnahme auf die registrierten User nicht aus dem Netzverkehr gezogen, aufgrund anstehender "Umkodierungen" und der damit verbundenen technischen Schwierigkeiten von der ICANN jedoch eine baldige "Liquidation" in Aussicht gestellt, ohne dass ein konkreter Zeitpunkt genannt wurde. Die Registrierung neuer Adressen wird hingegen gestoppt. Unbeirrt von den geschichtlichen Ereignissen und als Folge informellen Wildwuchses stieg die Anzahl der SU.-Webadressen jedoch weiter, zwischenzeitlich auf bis zu 35.000. Das Institut zur Förderung gesellschaftlicher Netzwerke RosNIIROS, dem die Verwaltung der Domains in Russland von der ICANN übertragen ist, und die Stiftung für die Entwicklung des Internet FRI, gegründet von Demos und Relcom, ergriffen in der Konsequenz die Initiative zu einer offiziellen Wiederbelebung von .SU. Erstaunliche 15.000 $ sollte eine solche Adresse zunächst kosten, angeblich um Websquotting, den illegalen Handel mit Webadressen, zu unterbinden. Die Einkünfte aus diesem lukrativen Business mit der virtuellen Erbmasse der Sowjetunion soll(t)en im Rahmen der Stiftung für wohltätige Zwecke im Bereich der Erforschung und Popularisierung des Internet in Russland verwendet werden.

SU - Kein Schritt zurück.

Die Initiative und der von ihr ausgehende kommerzielle Reiz riefen Begehrlichkeiten wie Proteste hervor. Der Verdacht wird laut, die Initiatoren wollten den gesellschaftlichen Raum der .SU-Domaine "privatisieren". So jedenfalls beklagen es die Vertreter des Offenen Forums der Internetprovider, die im Jahr 2001 einen offenen Brief an die ICANN schreiben und um klare Aussagen bezüglich der endgültigen Liquidation der Domain bitten. Auf der anderen Seite der Barrikaden werden der Schutz der Interessen alteingesessener SU-User und die Erweiterung des Domain-Spielraums in die Diskussion gebracht. Der Widerstand gegen die bei der ICANN geforderte Schließung formiert sich auf den verschiedensten formellen und informellen Ebenen, zum Teil mit bemerkenswerter Kreativität. Die Kampagne "Save our SoUls" legt auf ihrer Homepage Unterschriftenlisten aus, sammelt Umfrageergebnisse der Unterstützer und inszeniert ein Bannersystem gegen den Bann der .SU-Domain:

Wir bewahren die Zone .SU

MicroSUft SUrfing & andere SUper-Erfolge

Mit Erfolg: Die Befürworter der .SU-Zone gewinnen die Auseinandersetzung. Seit Dezember 2002 ist die Domaie von der ICANN wieder freigegeben. Bis Mitte des Jahres 2003 wurden prioritär geschützte Firmennamen und Markenzeichen registriert. Gebrauch machten davon unter anderem die Firmen Microsoft, McDonalds und Rolex, aber auch Greenpeace, die nun über .SU surfen. Seit dem 27. Juni 2003 ist die Registrierung auch für Jedermänner freigegeben. Um die 2000 Adressen sind nach Aussagen des Pressesprechers von RU-CENTER, Andrei Worobjow, seitdem zugelassen worden. Nachdem zunächst vor allem bereits existierende Sites dupliziert worden seien, mache sich nun allmählich ein Trend zu unikalen Adressen bemerkbar. Damit erfülle sich das primäre Ziel der Initiative mehr Freiräume für die Gestaltung und Verteilung von Webadressen zu gewinnen. Zumal sich das Kürzel .SU zunehmend als Werbeträger etabliert, wie ja nicht zuletzt das Plakat von RU-CENTER selbst anschaulich belegt.

Russifizierung des Runet - Internationalized Domain Names

Dabei gerät der Markt im Bereich der Vergabe von Webadressen aufgrund der Zulassung nationaler Alphabete (Internationalized Domaine Names IDN) ganz allgemein in Bewegung. Sind es im deutschsprachigen Netz jedoch im Wesentlichen die Pünktchen auf den a's und o's, die nun Eingang in die URLs finden, eröffnen sich im russischsprachigen Netz durch die Nutzung des kyrillischen Alphabets weitere Spielräume. Zusätzlich zu der sich neu eröffnenden "sowjetischen Dimension" wird denn auch eifrig an der Realisierung von kyrillischen Webadressen in den Domains .com und .net gefeilt. Erstmals könnten dann lateinische und kyrillische Schriftzeichen in einer Adresse kombiniert werden. Babylonisches Sprachendurcheinander oder gesteigerte Nutzerfreundlichkeit? Insbesondere für den stetig größer werdenden Anteil an russischen Usern, die des Englischen nicht mächtig sind, könnte eine solche nationale Adressierung Vorteile mit sich bringen. In dem Maße wie sich das russische Internetbusiness - im Zuge der stetigen wirtschaftlichen Stabilisierung - immer mehr auf diese inländische Klientel konzentriert, würden gerade solche russischsprachigen Domains stärker nachgefragt, so der stellvertretende Direktor von RosNIIROS Aleksei Lesnikow auf einer Pressekonferenz am 13. November 2003 in Moskau.

Technisch ist das Problem der Internationalized Domain Names (IDN) seit Jahresbeginn weitgehend gelöst. Die amerikanische Firma VeriSign entwickelte und vertreibt ein Programm um kyrillische Webadressen entziffern zu können. Dazu muss allerdings ein - kostenloser - Plugin vom User installiert werden. Zur Zeit verhandelt die Firma mit allen wichtigen Herstellern von Personal Computern und Programmsoftware, um eine standardmäßige Ausstattung aller PCs mit i-Nav zu erreichen. Dann wäre Russland nach China, Korea und Japan das vierte Land, das Webadressen in nationalen Schriftzeichen verwaltet und - gerade auf Grund der verhältnismäßig geringen informationstechnischen Sättigung des Lands - ein international interessanter Markt, wie Bart P. Mackay als Vertreter der Firma VeriSign auf genannter Konferenz ausführte.

Kulturelle (Um)Kodierungen

Die Folgen der Einführung nationaler Alphabete in Domaine-Names und Webadressen lassen sich unterschiedlich einschätzen: als Fortschritt im Kampf gegen die westliche Dominanz im Internet, als ein Schritt also in Richtung einer gerechteren Beteiligung der immerhin gut 40 % der Netzuser, die kein Englisch sprechen? Oder als verstärkte Segmentierung des Internet in einzelnen Enklaven, die kaum mehr miteinander interagieren?470 So vergleicht einer der Besucher im Forum der Internetzeitschrift Runet die Verbreitung russischsprachiger Domains mit der Einführung besonderer Schienenbreiten im russischen Eisenbahnnetz - dem "Verkehr" mit dem Ausland habe das wenig genutzt. Dass sich hinter Computercodes immer auch kulturelle Kodierungen verbergen und vermittels der Strukturierungen des Internet neue (Macht)Räume und Herrschaftsgebiete geschaffen werden, ist in der Internetforschung unter anderem von Saskia Sassen471 herausgearbeitet worden. So stellt beispielsweise der russische Geograph Juri Perfiljew in seiner Studie zur Entwicklung und Struktur des russischen Internet verschiedene Definitionen des Runet dar und referiert unter anderem eine Herangehensweise, die diesem auch die nationalen Domains der anderen Staaten der GUS, etwa der Ukraine oder Kazachstans, zuschlägt.472

An die Stelle der Theorien von der scheinbaren Raum- und Zeitlosigkeit des Cyberspace ist in der Internetforschung, insbesondere in der Virtuellen Ethnologie (Hine, Zurawski)473, ja schon seit einiger Zeit die Einsicht getreten, dass kulturelle Identitäten sich im Netz nicht unabhängig von Tradition und Geschichte formieren. Die Reaktionen auf die virtuelle Wiederbelebung der Sowjetunion fielen unter den russischen Usern in der Hochzeit der Save-our-souls-Kampagne denn auch höchst unterschiedlich aus. Während der Initiator der Kampagne, Andrei Wejalis, die Befürchtungen über eine Rehabilitierung des totalitären Systems im Netz als "Identitätsproblem" (ab)qualifiziert und die Bedenkenträger zum Psychoanalytiker schicken will, finden sich unter so aussagekräftigen Nicknames wie "communist" durchaus Kommentare, die auf eine politische Interpretation dieses scheinbar rein technischen Ereignisses abstellen. Eines macht die jüngste SUvenir-Werbung von RU-CENTER im russischen Internet in jedem Falle deutlich: das Internet ist alles andere als ein geschichtsfreier Raum, der nicht nur durch technische, sondern auch durch kulturelle (Um)Kodierungen geprägt ist. Eine solche schlägt auch Aleksei Schironin im Rahmen der kontroversen Diskussionen über den Sinn oder Unsinn einer wiederbelebten SU-Zone im Netz vor - und zwar in .su = "smart users".

henrike.schmidt@ruhr-uni-bochum.de

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