Geldknappheit im Kapital-Ismus

16.12.2003

Über Widersprüche des herrschenden Wirtschaftssystems und in den Taten seiner Erfüllungsgehilfen

Widersprüche gibt es nur im Denken, nicht in der Wirklichkeit. Deshalb ist es möglich, dass die in diesem Artikel aufgeführten Widersprüche unseres Wirtschaftssystems nur im Kopf des Autors und nicht in der Realität existieren.

Ich will den Kapitalismus lieben, weil so viel für ihn spricht,
ich will den Kapitalismus lieben, aber ich schaff' es einfach nicht

Für viele Menschen ist das derzeitige Wirtschaftssystem einfach der Urzustand, somit das natürlichste aller Wirtschaftssysteme. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise ist demnach nur durch die Unfähigkeit der Lenker der Nationen und unglückliche Umstände zustande gekommen, das System als solches trifft keine Schuld.

Jedoch gibt es gewisse "Anomalien", welche im Kapitalismus, der oft fälschlicherweise mit Marktwirtschaft gleichgesetzt wird, ihre Blüten treiben. Diese Anomalien äußern sich in scheinbar seltsamen Widersprüchen. Es ist anhand der Widersprüche selbst nicht auszumachen, ob sie auf einer Fehlerhaftigkeit des Wirtschaftssystems oder einfach an der Unfähigkeit seiner Betreiber beruhen.

Warum opimiert das System Millionen Arbeiter auf die Straße?

Dass Wirtschaftswachstum etwas extrem Wichtiges ist, ohne das wir nicht mal unseren Wohlstand halten können, wiederholt die Presse gern, wenn es Politiker und Wirtschaftsexperten von sich geben. Doch wenn im Kapitalismus Wirtschaftswachstum so wichtig ist, warum optimiert das System dann Millionen Arbeiter auf die Straße?

Um wie viel mehr könnten die Volkswirtschaften wohl wachsen, wenn die heutigen Arbeitslosen beim Wachsen helfen dürften? Stellt das System sich an dieser Stelle nicht selbst ein Bein?

Es müßte noch mal wie 89 sein
17 nicht 19, aber weltweit
Religionen verboten, Politiker enthirnt
Vernunft und Vertrauen, ach Janie du spinnst

Man stelle sich einen Ameisen-Haufen vor, in dem einem Fünftel der wuselnden Bewohner verboten wird, mitzuhelfen. Nicht, dass die Hilfe nicht erwünscht wäre, schließlich schafft jede zusätzlich arbeitende Ameise neuen Wohlstand, indem mehr Nahrung angehäuft und mehr Unterkünfte erbaut werden. Aber "irgendetwas" sorgt dafür, dass ihre Hilfe nicht mehr erwünscht ist. Genau nach diesem Schema läuft die derzeitige Wirtschaft ab: Millionen Menschen sitzen arbeits- und perspektivlos zuhause, haben zwar Bedarf nach Leistungen der Gesellschaft und möchten (meist) auch gern mit ihrer Arbeit etwas für die Gesellschaft leisten, aber sie dürfen nicht. Sind Ameisen etwa doch intelligenter als Menschen?

Menschen scheinen ein weiterer Widerspruch im System zu sein. Obwohl naive Geister annehmen könnten, das System habe dem Menschen zu dienen, so scheint sich diese Herrscher-Diener-Verbindung umgekehrt zu haben. Nicht mehr der Mensch bestimmt, wie das System sich zu entwickeln hat, sondern das System bestimmt, welche Menschen "gebraucht" werden und welche "überflüssig" sind. Genutzt wird die menschliche Arbeitskraft natürlich trotzdem gern - aufgrund der Notlagen der vielen arbeitslosen aber bedürftigen Familienväter dürfte vor allem billige Arbeitskraft künftig in großen Mengen vorhanden sein.

Besteuerung von Ressourcen?

Seltsam ist wiederum, dass "billige Arbeitskraft" zugleich "niedrige Löhne" und damit "geringe Kaufkraft" bedeutet. An wen will das System die entstehenden Produkte zu ordentlichen Preisen absetzen, wenn die potentiellen Käufer mit Billiglöhnen abgespeist werden? Der Kapitalismus hat somit zugleich ein Interesse an hohen Löhnen, da diese hohe Umsätze versprechen aber zugleich an niedrigen Löhnen, da diese geringe Kosten verursachen.

Du rennst herum, mit deiner Wahrheit
und niemand will sie hören.
Nicht weil sie falsch ist. Nein!
Niemand sagt

Das ist falsch!
Nein, es ist richtig, aber wir wissen das alle
und wir können es nicht mehr hören.
Weil, es macht keinen Spass!
Fehler is King! Halbheit Rules!

An diesen Löhnen setzen die derzeitigen Vorschläge zu Steuerreformen an, die diesen Namen bislang kaum verdient haben. Diese Pläne setzen wie bisher auf eine Besteuerung der Löhne - und damit der Arbeitskraft. Warum wird nicht darüber nachgedacht, eine reine Besteuerung von Ressourcen und ihrem Verbrauch durchzuführen?

Dies würde die Verteuerung der Arbeitskraft durch Steuern beenden (Arbeitskraft wird im Vergleich zu Ressourcen billiger) und zugleich Druck auf die Hersteller ausüben, Ressourcen sparend zu produzieren und die Produkte langlebiger zu gestalten. Leider scheint die derzeitige Wirtschaftspolitik von kurzsichtiger und eindimensionaler Sichtweise geprägt sein. Es wird ignoriert, dass die Wirtschaft ein vernetztes Gebilde ist, in dem eine Entscheidung mehrere Auswirkungen hat.

Besonders deutlich wird die Missachtung der Vernetzung an den Aktivitäten des bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Gequält von der derzeitigen "angespannten Kassenlage der öffentlichen Hand" hat Stoiber beschlossen, 12.600 Angestellte des öffentlichen Dienstes "einzusparen" und die "gesparten" Gelder zur Haushaltssanierung zu nutzen. In der derzeitigen eindimensionalen Wirtschaftspolitik übersieht der bayrische Landesfürst jedoch, dass die Entlassenen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, die Löhne also nicht vollständig als Ersparnis anfallen.

Weiterhin wirkt die geringere Kaufkraft der neuen Arbeitslosen sich natürlich auf die Unternehmen in Bayern aus, weshalb nicht nur weitere Arbeitsplätze gefährdet werden, sondern auch Steuerausfälle wieder auf den Staat zurückwirken. Die Einsparungen liegen zum Schluss im vernachlässigbaren Bereich, dafür müssen die Arbeit der 12.600 ihre Kollegen zusätzlich tun. Oder saßen die in München bislang etwas sinnlos rum? Willkommen im ehemaligen Land der Dichter und Denker...

Das Geld der Zukunft

Die deutsche Nation oder überhaupt unser Volk war früher mal ein unheimliches - wie man so schön sagte - Volk der Dichter und Denker. Zur Zeit beschäftigt mich die Frage

Wer ist das heute? Wer sind die absoluten Köpfe? Wer?
Das ist die Frage, die mich im letzten Text beschäftigt. Da geht es um einen Eisberg ohne Spitze, so ein typisches Synonym... [...] Stell dir vor du bist Alfred Nobel und sollst deinen Preis verkünden, jetzt wähle mal, du mußt es aber auch begründen. Wen würdest du wählen oder würdest du ihn vielleicht selber nehmen? Wegen der Kohle oder wegen dem Ruhm, was würdest du tun? [...] Who are the heroes today?

Egal wo man hinschaut, überall fehlt das Geld. So vermodern zum Beispiel 14.000 Brücken im Land. Weiterhin muss damit gerechnet werden, dass 30% der Betten in Krankenhäuser und damit über 200 Krankenhäuser selbst "eingespart" werden müssen. Die Kommunen bauen Sozialarbeit ab und demontieren die Kultur und wie an der derzeitigen Protestkultur zu sehen ist, wird auch an der Bildung hemmungslos gespart.

Was fehlt sind aber nicht die Menschen, welche die nötigen Arbeiten durchführen könnten - davon sitzen hunderttausende enttäuscht zu Hause - es fehlt nur das Geld, sie zu bezahlen. Wie aber kann Geld fehlen? Was ist Geld anderes als bunt bedruckte Papierfetzen? Papier kann nicht fehlen, wir befreien täglich unsere Briefkästen von unerwünschtem Werbemüll. In der modernen Wirtschaft ist Geld sogar nicht einmal mehr an einen Stoff wie Papier gebunden, es ist nur noch in Form von Bits in Computern vorhanden. Geld ist also Information. Wie kann Information knapp sein?

Vielleicht liegt es ja an der Art der Geldschöpfung, wie die Zentralbanken der Welt sie betreiben und wie sie der ehemalige belgische Zentralbankier und Geburtshelfer des Euro Bernhard A. Lietaer in seinem Buch "Das Geld der Zukunft" in einer Geschichte beschreibt. In dieser Geschichte kommt ein gut gekleideter Fremder in den australischen Busch, in dem 10 Familien bislang ihre Hühner und Ernte direkt tauschten. Da die Menschen Probleme damit haben, geeignete Maßstäbe beim Tauschen ihrer Waren zu finden, macht er einen Vorschlag. Er lässt sich eine Kuhhaut bringen, schneidet sie in 100 Stücke und drückt jedem Lederstück einen Stempel auf. Jeder der Familien erhält 10 Lederstücke und fortan können sie die Waren mit diesem Geld viel einfacher tauschen. Nur einen Haken hat die Erfindung: Der Geldschöpfer verlangt, dass nach einem Jahr als "Wertschätzung für die technische Neuerung" ein elftes Lederstück (Zinsen) an ihn als Unterpfand abgegeben werden muss. Nur: Woher stammt das elfte Stück, wenn nur 10 Stück pro Familie hergestellt wurden?

Mit dieser Art der Geldschöpfung fehlen somit am Ende des Jahres 10% des Geldes, weshalb die Menschen um das fehlende - aber nie vorhandene - Geldstück konkurrieren, indem sie versuchen besser zu sein als der Nachbar um an dessen Lederstücke zu kommen. Doch selbst wenn sie es schaffen, ihre Produktion zu vervielfachen (Wachstum!), die Anzahl der vorhandenen Geldstücke bleibt immer gleich - und damit ist Geld immer knapp. Das Geldmonopol - in der Geschichte repräsentiert durch den Stempel auf dem Zahlungsmittel, in unserer Realität durch Gesetze etabliert - bewirkt somit eine Konkurrenz allein um das Geld, nicht um eine möglichst optimales Lebenssituation.

Alle Zeit der Welt ist Geld
Und ich hab keins und keinen
Zeitraum mehr nicht mal mehr meinen.
Macht Euch die Erde untertan, heißt, sich zu beeilen
Heißt kriegt sie klein, macht sie zu Geld und blank.
Ich denk an keinen Waffenstillstand
Keine Atempause mehr, Geschichte wird gemacht
(und macht mich krank)
Punk

Der daraus resultierende, inzwischen von verschiedener Seite kritisierte Wachstumszwang treibt jedoch ebenso widersprüchliche Blüten. So freut sich die breite Presselandschaft leidenschaftlich über den rosaroten Blick der so genannten "5 Wirtschaftsweisen", die für das kommende Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,7% prognostizieren. Die "Junge Welt" bemerkt verwundert, dass dabei keine neuen Jobs entstehen, obwohl Wachstum doch immer als das Hilfsmittel gegen Arbeitslosigkeit genannt wird. Ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 1,7% entspräche in 2004 einer zusätzlichen Produktion gegenüber 2003 von Gütern und Dienstleistungen im Wert von circa 34 Mrd. Euro. Wohin fließen diese 34 Milliarden, wenn dadurch keine neuen, bezahlten Jobs entstehen?

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Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

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