Die provozierten Pannen der amerikanischen Musikindustrie

08.12.2003

Futter für nachrichtenhungrige Medien

Der Verband der US-amerikanischen Musikindustrie RIAA hat im Kampf gegen die Musikpiraterie eine weitere Klagerunde eingeleitet und kürzlich erneut 41 angebliche Nutzer von Musiktauschbörsen vor den Kadi gezerrt. Doch der Neuigkeitswert solcher Meldungen nutzt sich ebenso ab wie die abschreckende Wirkung, die die RIAA mit ihren Klagen anstrebt - wohlwissend, dass sie nicht zig Millionen amerikanische Tauschbörsennutzer verklagen kann. Der große Medienrummel wäre diesmal also ausgeblieben, wäre dem Verband bei seinen Klagen nicht wieder eine schlagzeilenträchtige Panne unterlaufen - eine von den PR-Strategen der RIAA offenbar wohl kalkulierte Panne, wie Tim Renner, Chef von Universal-Music Deutschland, jüngst in einem Interview mit der Welt am Sonntag bestätigte.

Wie die RIAA in ihren Statements immer wieder gern verlauten lässt, sind ihre Anwälte bemüht, nur die großen Fische anzuklagen, die auf ihren PCs jeweils um die 1.000 Songs und mehr zum Download anbieten. Indem hauptsächlich Großanbieter von illegalen MP3s verklagt werden, möchte man das Downloadangebot reduzieren, so die offizielle Strategie der RIAA. Darüber hinaus setzt der Verband auf die abschreckende Wirkung seiner Klagen. Die erwischten Tauschbörsianer mussten Schadensersatzsummen in Höhe von 2.500 bis 7.500 Dollar auf den Tisch der RIAA blättern - Summen, die kaum einer aus der Portokasse zahlen kann.

Während der ersten Klagewelle war diese Strategie zunächst auch aufgegangen. Die Medien spielten weltweit gerne mit. Jedes Provinzblatt hatte Artikel über Musikpiraterie im Angebot, und USA Today, nicht nur in der Auflage mit der deutschen Bildzeitung zu vergleichen, stellte den aufgescheuchten Eltern minderjähriger Tauschbörsenkiddies flugs eine umfangreiche FAQ-Liste mit "Facts about filesharing" zur Verfügung. Eltern könnten für die Filesharing-Abenteuer ihres Nachwuchses haftbar gemacht werden, hieß es darin, wobei natürlich nicht vergessen wurde, auf die Größenordnungen hinzuweisen: Es ginge um 750 bis astronomische 150.000 Dollar pro urheberrechtlich geschütztem Song, wusste USA Today und erwischte Amerikas Eltern dort, wo es sie besonders schmerzt: am Geldbeutel.

Dass sich im Zuge dieser Kampagne das sowieso schon arg lädierte Image der Musikindustriellen noch weiter verschlechterte, war den RIAA-Chefs offenbar nicht nur völlig egal, sondern wurde von ihnen auch gern in Kauf genommen, wie Universal-Music-Deutschland-Chef Tim Renner nun freimütig bekannte: Kaufhausdetektive und Sicherheitsetiketten an den Waren seien auch keine Sympathieträger, erklärte er. Sie seien aber "überlebensnotwendig". Denn "was Diebstahl ist, muss auch bestraft werden."

Nachrichtenwert hat sich abgenutzt

"Who wants yesterday's papers", fragten schon die Rolling Stones rhetorisch auf ihrer 1967 veröffentlichten LP "Between the buttons". Auch den Musikindustriellen ist offenbar klar, dass die Zeitung von gestern mit ihren Meldungen von Vorgestern allenfalls bei Fischverkäufern noch beliebt ist, um ihre Ware einzuwickeln. Leser kann man damit nicht mehr locken. Der Medienkonsument verlangt nach immer neuem, nach aktuellem Stoff, am besten gut gewürzt mit einer dicken Prise human touch.

Die abschreckende Wirkung der Klagen und die Angst vor hohen Schadensersatzsummen, die einen Teil der Kazaa-Fangemeinde anfangs arg verunsicherte, nutzten sich offenbar schneller ab, als die Strategen der Musikindustrie erwartet hatten. Die Zahl der eifrigen Tauschbörsianer, die sich bei Kazaa und Co kostenlos bedienen, hat nach einem kurzzeitigen Rückgang mittlerweile wieder zugenommen und beinahe jenen Stand erreicht, den sie vor der ersten RIAA-Klagewelle hatte.

Durch ihre Klagen kann die RIAA die Kazaa-Fangemeinde nur dann effektiv abschrecken, wenn die Medien auf breiter Front mitziehen und die Verfahren nebst ihren monetären Konsequenzen öffentlichkeitswirksam breittreten. Doch Nachrichten von gestern wie "RIAA verklagt Tauschbörsennutzer" verlieren ihren Neuigkeitswert zu schnell. Der klagefreudige Musikantenverband musste schon während der ersten Klagewelle feststellen, dass solche Meldungen bald keinen mehr vom Hocker rissen und medienunwirksam verpufften. Die gewünschte Abschreckung fand offenbar nicht mehr statt. Da traf es sich bestens, dass die RIAA mit ihren Klagen zuweilen offenbar die Falschen traf.

Provozierte Pannen als Futter für die Medien

Im September hatten die RIAA-Anwälte die zwölfjährige Brianna LaHara aus New York verklagt und das Verfahren erst nach Zahlung von 2.000 Dollar Schadensersatz und einem Schuldeingeständnis eingestellt. Fälschlicherweise angeklagt wurde auch die 65-jährige Sarah Ward, die über die Musiktauschbörse Kazaa ca. 2.000 Musiktitel zum Tausch angeboten haben sollte. Die Klage wurde zurückgezogen, da die Dame einen Apple-Computer besaß, auf dem die Kazaa-Software bekanntermaßen nicht läuft. In einem weiteren Fall glaubte die RIAA einem Kalifornier nachweisen zu können, er habe hunderte lateinamerikanische Songs per Kazaa zum Tauschen angeboten. Der Beklagte wehrte sich und konnte glaubhaft machen, dass er zum Zeitpunkt der behaupteten Kazaa-Nutzung diese Software auf seinem PC überhaupt nicht installiert hatte.

Eine ähnliche "Panne" ereignete sich auch bei der jüngst angelaufenen dritten RIAA-Klagewelle. Verklagt wurde der 79-jährige Rentner Ernest Brenot, der insgesamt 774 Musiktitel von Linkin Park, Creed, U2 oder Guns'n'Roses zum Tausch angeboten haben soll. Peinlich für die RIAA und ein gefundenes Fressen für die Medien: Der angebliche Hardrock-Rentner besitzt weder einen eigenen PC noch einen Internetanschluss. Wenn überhaupt jemand über seinen Kabelanschluss illegal Musiktitel angeboten habe, wurde der erboste Rentner öffentlichkeitswirksam in allen Medien gern zitiert, dann könne das nur sein Schwiegersohn gewesen sein. Der habe vorübergehend in seinem Haus gewohnt und beim Kabelfernsehanbieter des Rentners einen zweiten Account unterhalten. Dieser Account sei nicht separat, sondern über den Anschluss des verklagten Rentners abgerechnet worden.

Alles peinliche Pleiten und ungewollte Pannen für die amerikanische Musikindustrie? Weit gefehlt, wie der deutsche Universal-Music-Chef Tim Renner nun freimütig bekannte. "Ich halte es für richtig, wie die amerikanische Musikindustrie vorgegangen ist", erklärte er in einem Interview der Welt am Sonntag die Strategie der RIAA. Man habe sich "besonders spektakuläre Fälle herausgesucht und gezielt einen Zwölfjährigen und einen Mann von 71 Jahren mit Geldstrafen belegt. Dass die Presse darüber berichtet, kann uns nur helfen. So erfahren die User von der Kriminalität ihres Tuns."

PR-Kampagnen ohne Rücksicht auf "Verluste"? Der Zweck heiligt jedes Mittel? Man darf gespannt sein, was den umtriebigen PR-Strategen von der RIAA zukünftig noch alles einfällt.

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