Cafetisch-Liebhaber können aufatmen

09.12.2003

eBay schafft den Wortfilter ab

Endlich ist er weg, der hauseigene 'Wortfilter' von eBay.de. Dieser Unsicherheitsfaktor, der nicht zuletzt Cafetisch-Liebhaber und Jude-Law-Verehrerinnen zur Verzweiflung brachte. Mal fanden sie bei eBay.de, wonach sie suchten, mal nicht. Und das obwohl bei eBay angeblich alles zu haben ist. Schuld war nicht unbedingt die Marktlage, sondern vielmehr der 'Wortfilter', der sämtliche Auktionen nach verdächtigen Begriffen durchforstete. Tauchte auch nur ein verbotenes Wort - wie zum Beispiel 'Fetisch' (versteckt in 'Cafetisch') oder 'Jude' (versteckt in 'Jude Law') - in Text oder Titel auf, war die Auktion gleichsam unsichtbar. Weil sie via Stichwortsuche nicht zu finden war. Zugegeben: in der Kategorie wurde die Auktion gelistet. Doch nur die wenigsten Käufer plagen sich durch endlos vollgestopfte Kategorien. Zumal den wenigsten bewusst war, dass die Stichwortsuche keinen Rückschluss auf das real existierende Angebot zuließ. Wie sollten sie auch - schließlich machte eBay selbst kein Aufhebens um die Zensurmaßnahme.

Genauso wenig Aufhebens macht eBay um die Abschaffung des Wortfilters. Weil das Angebot bei eBay nach wie vor zensiert wird. Wie das vonstatten geht, möchte eBay-Sprecher Joachim Guentert allerdings nicht verraten. Weil jedes Wort ein Hinweis darauf sein könnte, wie die Maßnahme zu umgehen ist. Nur soviel ist herauszubekommen: eBay löse das Problem der unerwünschten Auktionen "organisatorisch jetzt anders und besser". Man habe personell erheblich aufgestockt und könne sich deshalb vom Wortfilter verabschieden. Klingt wie eine Rückkehr zur manuellen Löschung - wobei die Zukunft zeigen wird, welche Kriterien zur Anwendung kommen. Wie bereits beim Wortfilter geht um die Einhaltung der so genannten eBay-Regeln, die jeder nachlesen kann. Wobei Regeln jeder Art mehr oder weniger eng ausgelegt werden können.

Genau aus diesem Grund hatten selbst Eingeweihte ihre liebe Not mit dem nun deaktivierten Wortfilter. Denn es war durchaus nicht klar, welche Begriffe tabu waren. Erstens wurden die Negativlisten von eBay nicht publiziert und zweitens ständig geändert - auf diese Weise konnten Auktionen von heute auf morgen von der Such-Oberfläche verschwinden und genauso plötzlich wieder auftauchen. Am 26. November 2003 zum Beispiel führte die Suche nach 'Hitler' bei eBay.de zu Null Treffern, die Suche nach 'Hitlers' jedoch brachte 115 (Suche nur in der Artikelbezeichnung) beziehungsweise 460 Ergebnisse (Suche in Artikelbezeichnung und Beschreibung). Was nicht bedeutet, dass es am 26. November 2003 keine Auktionen bei eBay.de gab, die in Artikelbezeichnung oder Beschreibung das Wort 'Hitler' enthielten; sie wurden bloß nicht angezeigt. Das Gemeine daran: herausgefiltert wurden auch Hitler-kritische Bücher und Filme; wobei weder Käufer noch Verkäufer bei eBay.de explizit über den verborgenen Filter informiert wurden. (Kleine Einschränkung: 2003 wurden Suchfragen nach 'Hitler' ein paar Wochen lang mit der Info quittiert, dass Artikel zu 'Hitler' bei eBay unerwünscht sind und deshalb nicht angezeigt werden - die Verkäufer selbst wurden nicht aufgeklärt.)

Wer Bescheid wusste, inserierte seine Hitler-Biographie von Joachim C. Fest oder Ian Kershaw, ohne den Namen 'Hitler' in dieser Form zu nennen und behalf sich stattdessen mit 'Adolf H.' oder 'Hilter' oder 'H*****'. Die Unwissenden wunderten sich, warum ihre Hitler-Monographie keine Gebote bekam, obwohl sie Hitlers Namen korrekt geschrieben hatten. Unkundige Kaufwillige dagegen begriffen nicht, warum sie partout keine 'Hitler-Biographie' fanden - und warum die DAF-Platte 'Der Mussolini' nie bei eBay.de angeboten wurde. Dabei hätten sie nur mal via eBay.com suchen müssen. Viele Verkäufer merkten nicht, was los war - bis sie eine Mail von Axel Gronen, dem Betreiber der Website www.wortfilter.de bekamen. Darin erfuhren sie, dass ihr Artikel einen 'verbotenen' Begriff enthält und deshalb via Stichwortsuche nicht gefunden werden kann. Die Folge: weniger Besucher auf der Seite, damit weniger Gebote und letztlich geringere Erlöse. Einziger Ausweg: die 'verbotenen' Begriffe rauslöschen oder Auktion vorzeitig beenden und die Einstellgebühr von eBay zurückfordern.

Diese Beispiele zeigen: Filtern ist Zensur und kommt einer Entmündigung gleich; vor allem, wenn es still und heimlich geschieht. Außerdem stellt sich die Frage, ob es Unternehmen wie eBay überlassen sein sollte, über die Kriterien der Zensur zu entscheiden. Schließlich sind die Hitler-Biographien von Fest und Kershaw, die bei eBay bislang automatisch ausgefiltert wurden, wenn 'Hitler' im Text vorkam, hierzulande nicht verboten - im Gegensatz zur unkommentierten Ausgabe von Hitlers Buch 'Mein Kampf', das dank Genitiv durchs Suchraster fiel und von der 'Marktplatzpolizei' nur manuell entfernt werden konnte. Das Beispiel zeigt aber auch: wer sich ein klein wenig auskannte, konnte die Filter-Maßnahmen von eBay.de leicht umgehen.

Genau deshalb möchte eBay-Sprecher Joachim Guentert durchaus nicht verraten, wie eBay in Zukunft vorgeht. Wie bisher findet jedoch keine Vorauswahl statt. Das heißt: jede Auktion kann erst mal online gehen. Allerdings sollen unerwünschte Angebote schneller aufgespürt und aus dem Verkehr gezogen werden. Um bei den bereits bekannten Beispielen zu bleiben: Aktuell bringt die Suche nach 'Hitler' 261 (Suche nur in der Artikelbezeichnung) beziehungsweise 864 (Suche in Artikelbezeichnung und Beschreibung) Ergebnisse; 'Mussolini' bringt 19 beziehungsweise 84 Treffer. Welche und wieviele Auktionen von eBay aktuell für ungültig erklärt werden, ist unbekannt. Im Falle von 'Mein Kampf' bleiben die kommentierten und gekürzten - und in Deutschland legal erhältlichen - Fassungen von Werner Maser oder Christian Zentner verschont, ebenso der Film von Erwin Leiser; die unkommentierten und ungekürzten Originalausgaben jedoch fallen raus - vereinzelt tauchen sie noch in der Trefferliste auf, klickt man den Artikel 'Adolf Hitler, Mein Kampf von 1935' jedoch an, erhält man die für 'Ungültige Artikel' typische Fehlermeldung.

Auslöser für die Einführung des eBay-Wortfilters vor knapp zwei Jahren war ein Beitrag des ZDF-Magazins Frontal21 vom 15. Januar 2002. Der Redaktion war aufgefallen, dass bei eBay.de nicht nur Kuschelrock, sondern auch Musik von rechtsextremen Bands sowie Objekte mit Nazi-Appeal zu ersteigern waren. Auch der Verfassungsschutz war alarmiert und drohte mit rechtlichen Schritten. Den Verantwortlichen bei eBay Deutschland war klar: Eine Lösung muss her, und zwar schnell. Heraus kam der Wortfilter, der im Laufe der Zeit mehrmals überarbeitet wurde. Weil die Filtermaßnahmen zu den absonderlichsten Ergebnissen führten. (vgl. Kein "Jude" bei eBay)

Inzwischen ist eBay zur beliebtesten Marke Deutschlands aufgestiegen und legt großen Wert auf sein Image als familienfreundliche Plattform. Ganz bewusst verzichte man laut Joachim Guentert deshalb nicht zuletzt auf den durchaus lukrativen 'Adult-Bereich'. Was nicht bedeutet, dass bei eBay kein Schweinkram zu finden ist: immer mehr Künstler und Galerien entdecken eBay für sich und versteigern quadratmeterweise Nackte in Öl. Das Kunst-Angebot bei eBay hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass ein passionierter Beobachter seine Gedanken zum Thema als Auktion inseriert hat. Kommerzielle Interessen verfolge er keine, vielmehr wolle er die Diskussion genau dort anstoßen, wo sie ihren Ursprung hat: auf eBay selbst. Wenn diese Art der Kommunikation Schule macht, ist nicht auszuschließen, dass man in Deutschlands beliebtestem Online-Kaufhaus früher oder später auch den ein oder anderen Gedanken über Zensurmaßnahmen findet.

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