Die Informationsgesellschaften in den osteuropäischen EU-Beitrittsländern

13.12.2003

Trotz vieler Fortschritte gibt es noch zahlreiche Probleme

Nach der Europäischen Kommission sind die osteuropäischen Beitrittsländer, was das Erreichen der Lissabon-Ziele zur Informationsgesellschaft betrifft, bereits volle EU-Mitglieder. Trotzdem wird betont, dass diese Länder neue Technologien und Praktiken aufgreifen und mehr Menschen in den IuK-Technologien ausbilden müssen, wenn die EU ihr Ziel erreichen will, bis 2010 die fortgeschrittenste wissensbasierte Gesellschaft zu sein. Doch die Entwicklung einer "Informationsgesellschaft" ist in diesen Länden alles andere als einheitlich.

Die Computersierung hat zweifellos die Produktions- und Verwaltungsprozesse in den Ländern des ehemaligen Ostblicks schnell verändert. Sie hatten einen Vorteil gegenüber den westlichen Ländern, da sie den Evolutionsprozess der technologischen Entwicklung in einem Maße durch einen Sprung abkürzen konnten, dass sie in einigen Gebieten sogar weiter sind als die alten EU-Länder. Aber trotzdem gibt es in vielen Bereichen noch viel zu tun.

Nach einem kürzlich veröffentlichten EU-Bericht hat die Existenz von in der Informationstechnologie ausgebildeten Experten, Forschern und Ingenieuren den osteuropäischen Ländern geholfen, ihre Wirtschaftssysteme zu verändern, Investitionen anzuziehen und eine beträchtliche Zahl von Arbeitsplätzen vornehmlich im Bereich von Software, Internet, E-Commerce und Telekommunikation zu schaffen. Auf der anderen Seite ist die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in der Telekommunikationsbranche in Ungarn, Polen oder den baltischen Ländern zurück gegangen, da die abgebauten Arbeitsplätze bei den Telefonfirmen noch nicht durch solche in der Mobiltelefonbranche ersetzt wurden.

Dasselbe trifft auf den Bereich der Computerherstellung zu. In Bulgarien, Rumänien und Litauen ging die Zahl der Arbeitsplätze in der IT-Herstellung zurück, während es in Ungarn, in der Tschechischen Republik und in Estland neue Jobs in der Industrie gibt, Radios, Fernseher oder Telekommunikationsgeräte herstellt. Ungarn ist das einzige Land in der Region, das hohe Wachstumsraten in der Computerherstellung aufweist, und einzig in der Türkei arbeiten mehr als die Hälfte der IuK-Angestellten in der Telekommunikationsbranche.

Die IuK-Technologien stellen durchschnittlich in den Beitrittsländern einen viel geringeren Anteil an den Gesamtarbeitsplätzen als in den Mitgliedsländern. Allerdings haben die "fortgeschrittensten" osteuropäischen Länder - Ungarn und die Tschechische Republik - eine höhere Beschäftigungsrate in der IuK-Branche als die am weitesten zurückgebliebenen in der EU: Griechenland und Portugal.

Obwohl die meisten Beitrittsländer auf der Produktionsseite der Informationsgesellschaft Rückschläge erleiden, sieht es im Hinblick auf die Dienstleistungen schon anders aus. Wachsende Nachfrage nach Kompetenz und technologische Entwicklung haben zu Engpässen bei IuK-Experten in Osteuropa geführt. Stellenangebote kann man auf allen Ebenen finden, aber es gibt eine besondere Nachfrage nach Programmierkenntnissen. Und die Nachfrage nach diesen Kenntnissen wird nach Vorhersagen schnell wachsen, wie dies in Griechenland, Portugal und Spanien geschehen ist.

Um dieser Nachfrage zu begegnen, haben die Beitrittsländer das Konzept des "e-learning" aufgegriffen und IuK nach den EU-Initiativen zur Entwicklung der Informationsgesellschaft als Technologie anerkannt, die alle Bürger benötigen. Das ist zumindest die Theorie. Die Umsetzung dieser Konzepte und Initiativen in die Praxis war schwieriger und normalerweise konzentriert auf größere Städte. Ländlichen Gebieten fehlt weiterhin die politische und wirtschaftliche Unterstützung.

Trotz dieser Hindernisse legen die relativ hohen Schulstandards in Bereichen wie Mathematik, Wissenschaft und IT es nahe, dass in Zukunft viele Menschen die erforderliche Ausbildung besitzen. Das hat einige Experten vermuten lassen, dass die Beitrittsländer im Unterschied zu den Mitgliedsländern eine große Zahl an IuK-Studenten besitzen. Aber sie geben zu, dass dafür ein Preis gezahlt werden muss. Die Zunahme der Studenten im Bereich der IuK und der Wirtschaft steht ein Rückgang der Studentenzahlen in den Ingenieurswissenschaften gegenüber, und dieser Mangel lockt viele Studenten von der Universität weg zu Arbeitsplätzen, die keine Universitätsausbildung voraussetzen.

Das sind ernste Probleme für die Entwicklung einer sogenannten "Informationsgesellschaft" in Osteuropa und für die Ausrichtung der Politik in diesem Feld. Das Ausmaß der Nichtübereinstimmung zwischen Nachfrage nach und Angebot von IuK-Kompetenzen ist nicht bekannt, und es werden auch mehr Informationen benötigt, um bestimmen zu können, ob die vorhandenen Kompetenzen von guter Qualität sind. Die kritische Masse an ausgebildeten IuK-Arbeitskräften aber steht noch aus und trägt zum Verlust solcher Kompetenzen in der Universitätslehre bei. Da sie nicht auf dem neuesten Stand ist, gehen die Studenten lieber auf an ausländische Universitäten.

Leider fehlt ein umfassender Ansatz zur Lösung dieser Schwächen. Die trüben Aussichten der Wirtschaftsentwicklung in der Region, die voraussichtlich mit dem EU-Beitritt noch schlechter werden, ermutigen ausgewanderte Experten nicht, wieder zurück zu kommen. Gleichzeitig werden die hohen Kosten des Zugangs und die geringe "computer literacy" in der breiten Bevölkerung weiterhin dafür sorgen, dass die Informationsgesellschaft das Reservor der Wohlhabenderen und gut Vernetzten bleibt. Das passt nicht gut zur Entwicklung einer "Informationsgesellschaft für alle", sondern sieht eher so aus, als würde die Ausbildung einer Zwei-Klassen-Informationsgesellschaft gestärkt werden, was die EU unbedingt vermeiden wollte.

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