Große Männer, roter Teppich

Rüdiger Suchsland 11.12.2003

Geschichtsgefühl: "Der Herr der Ringe III: Die Rückkehr des Königs" feiert Europapremiere im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Mal wieder ein großer Aufmarsch in Deutschlands Hauptstadt: Für eine Nacht lag Mittelerde an der Spree, und endlich kehrte ein König nach Berlin zurück - wenn schon der Wiederaufbau des Preußenschlosses dank kleingeistiger Republikaner immer noch auf sich warten lässt. Und irgendwie hätte man auch keinen passenderen Ort als das Deutsche Historische Museum finden können, um die Premiere des dritten Teils der Verfilmung von J.J.R. Tolkiens Roman-Epos "Der Herr der Ringe" zu feiern.

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Andy Serkis als Gollum in "Der Herr der Ringe III

Der Bau ist in Gestalt und Programm der deutlichste Ausdruck der Kanzlerschaft Helmut Kohls geworden. Ihm lagen auch die großen Männer, die Versöhnung mit der Vergangenheit und eine moderate, wie man so sagt, "gesunde" Skepsis gegenüber der Moderne am Herzen. Und man könnte sich ihn eigentlich ganz gut als König irgendeines Mittelerde-Volkes vorstellen, rotbäckig Saumagen essend und dabei über große "Gechichte" [SIC!] räsonierend. Zu dieser gehört er jetzt selbst, doch die Menschen, die während seiner Regierungszeit geboren und aufgewachsen sind und jetzt in Heerscharen ins Kino gehen, suchen dort genau seinen Geist, die Gnade der späten Geburt nachzuempfinden.

Schon schade, dass Tolkien ein Brite war und Mittelerde nun wirklich nicht zwischen deutschen Wäldern liegt. Zu gut hätte dies nach "Luther", "Dem Wunder von Bern", "Rosenstrasse" und - nicht zu vergessen - "Good Bye Lenin!" dem neuen deutschen Kino-"Geschichtsgefühl" (Martin Walser) die Krone aufgesetzt.

Doch immerhin: "Keinen besseren Ort", lobte Regisseur Peter Jackson wohlerzogen und huldvoll vom Balkon herab, "hätte es für das Ende dieser Kinoreise geben können als Berlin." Und Viggo Mortensen, Darsteller des Aragorn ergänzte: "Thank you for not attacking Iraq" - zum Jubel der Massen. Denn fast hätte man's nach dreieinhalbstündigem Schlachtgetümmel, das nicht wenige der 26.000 Statisten die Filmexistenz kostete, vergessen können: "Der Herr der Ringe" ist neben vielem anderen ja auch friedensstiftendes, menschheitsverbesserndes Werk. Schade eigentlich, dass offenbar George W. Bush und Saddam Hussein die drei fetten Bände nicht gelesen haben. Was wäre der Welt erspart geblieben...

Doch am Mittwochabend war kein Platz für weiterführende Gedanken. Leicht erschöpft, aber irgendwie auch erleichtert, drängelten sich schon Stunden vorher die Fans, vom Berliner "Herr der Ringe-Stammtisch" bis zum durchgehend weiblich besetzten Oberhausener "Viggo-Mortensen-Fanclub", um die besten Plätze am Roten Teppich im Sony Center am Potsdamer Platz. Eine Stunde lang dauerte der Parcours der Stars, und vor allem Peter Jackson genoss das Bad in der Fanmenge sichtlich, schrieb Autogramme und ließ sich am Bart zupfen. Nur Bürgermeister Klaus Wowereit wurde ausgebuht, offenbar sind viele Tolkinisten auch streikende Studenten.

Danach feierte man im Museum zwischen Originalfilmrequisiten und deutscher Prominenz: Wowereit sagte nichts, Minh-Khai Panh-Thi beichtete, sie habe "viel geweint", und zwar nicht weil der Film so schlecht sei, sondern weil es "um Liebe und Freundschaft" geht. Liv Tyler, die in diesem dritten Teil tatsächlich mitspielt und nicht nur auf dem Plakat zu sehen ist, lobte die "tolle Party". Ihr Vater, vor zwei Wochen bei der Weltpremiere in Neuseeland für mehrere Stunden eingeschlafen, war diesmal zuhause im Bett geblieben. Und auch für die vielen Neuseeländer, die nach Ende der aufwendigen Dreharbeiten arbeitslos geworden sind, wieder ihre Tage mit Schafehüten verbringen mussten oder für ein Trinkgeld die Tolkien-Touristen aus den Industrieländern durch die lieblich Gegend führen, besteht neue Hoffnung. Peter Jackson kann sich, wie er in Berlin verkündete, vom Tolkien-Business einfach nicht trennen. Als nächstes will er "Der kleine Hobbit" verfilmen.

Eine Rezension von "Der Herr der Ringe III: Die Rückkehr des Königs" gibt es Anfang der nächsten Woche.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16307/1.html
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