Briefschreiber aus dem Volk
FDP Hamburg animiert getarnte Leserbriefkampagne
"Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit" - so heißt es im Grundgesetz. Doch wieso sollte man das Volk bilden, wenn das eigene Parteivolk ausreicht? Ein Lehrbeispiel aus Hamburg.
Der Wahlkampf kam plötzlich und unerwartet über die Stadt - und für die FDP sieht es schlimm aus: In den Umfragen der vergangenen Woche schnitten die Freidemokraten noch schlechter ab als die Schill-Partei. Auch der aktuelle Absturz der Protestpartei brachte keine wesentliche Besserung: die FDP steht bei 4 Prozent. In einer Vorstandssitzung am Donnerstag beriet der Landesvorstand, wie man sich am besten für die anstehenden Wahlen positioniert. Ein Ergebnis der Klausurtagung: die Mitglieder sollen tüchtig Leserbriefe schreiben. Das ist kostenlos - und man muss ja nicht dazuschreiben, von wem die politische Botschaft kommt.
Am Donnerstagabend erreichte eine Mail die Hamburger FDP-Mitglieder. Angefügt war ein Brief des FDP-Landesgeschäftsführers Wolfhard Buchholz-Beckmann.
Liebe Parteifreunde,
der Wahlkampf hat überall heftig begonnen.
In den Zeitungen - , nicht nur in den Schlagzeilen und Artikeln, sondern auch in den Leserbriefen.
Auf unserer Klausurtagung wurde dringend dazu geraten, auch das Medium Leserbriefe intensiv zu nutzen, um die Vorstellungen der FDP in die Öffentlichkeit zu bringen.
Hier können wir kostenlos sowohl unseren nominierten Spitzenkandidaten, Herrn Senator Soltau als auch die FDP-Position in den anderen Politikfeldern unterstützen.
Bitte nutzen Sie diese Möglichkeit und motivieren auch andere Parteifreunde, öffentlich die FDP durch Leserbriefe zu unterstützen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Wolfhard Buchholz-Beckmann
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An sich kein skandalöses Vorhaben: Leserbriefe kann jeder schreiben. Parteimitglieder sind schließlich auch Bürger. Den Zeitungen steht es frei, welche Briefe sie in Ihre Ausgaben mit aufnehmen. Brisanter ist das Begleitschreiben des stellvertretenden FDP-Fraktionsvorsitzenden in der Hamburger Bürgerschaft Wieland Schinnenburg, der den Brief an die Mitglieder seines Bezirksverbands Wandsbeck weiterleitete.
Liebe Wandsbeker,
mit großer Sympathie gebe ich die Anregung unseres Landesgeschäftsführers weiter. Ich bin leider zu bekannt, so dass ich als "Leserbriefschreiber aus dem Volk" nicht geeignet bin..
Ich zähle auf Ihre Hilfe.
Die Formulierung ist klar: die Leserbriefschreiber sollen keine bekannten FDP-Mitglieder sein. Nein, die Briefe sollen erscheinen wie die Meinung eines gewöhnlichen Bürgers, der rein zufällig ihre Begeisterung für Senator Soltau entdeckt hat. Die vermeintlichen Stimmen aus dem Volk sind überzeugender als manche bezahlte Wahlwerbung.
Der FDP-Landesverband kann nichts dabei finden. "Letztlich ist es ein legitimes Mittel, wenn man seine Mitglieder auf das Mittel des Leserbriefs aufmerksam macht", sagt Pressesprecher Christian Sommer. Über den Begleitbrief von Schinneburg wollte er sich nicht äußern.
Da die anderen Parteien wohl nicht hinter der FDP zurückstecken wollen, werden die Hamburger Zeitungen in den nächsten Monaten keinen Mangel an Leserbriefen haben.
http://www.heise.de/tp/artikel/16/16320/1.html- Re: Doch anders (14.12.2003 23:54)
- Re: Überschrift (14.12.2003 22:35)
- Doch anders (14.12.2003 22:21)
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