"Sie schimpfen uns Nazi-Huren"

26.12.2003

Christliche Friedensaktivisten in Hebron

Mary Lawrence wird auf den Straßen der Altstadt Hebrons freundlich gegrüßt. Ab und zu bleibt die Frau mit der roten Kappe stehen, um mit Ladenbesitzern und Passanten in der größten palästinensischen Stadt zu reden. Dabei geht es meist um nichts Gutes. "Wir halten den Druck nicht mehr aus", klagt eine ältere Palästinenserin. "Sie haben schon die Leute aus der Wohnung über uns vertrieben, jetzt drangsalieren sie uns." Sie meint die jüdischen Siedler. Lawrence schreibt mit und will einen Anwalt verständigen. Hoffnung kommt jedoch nicht auf, denn der juristische Weg war kaum einmal von Erfolg gezeichnet.

Mary Lawrence in CPT-Outfit in der Altstadt Hebrons. Alle Fotos

Die 64-jährige Lawrence ist Teil des Christian Peacemaker Teams (CPT), den Christlichen Friedensstiftern, in Hebron. Die Gruppe pflegt bereits seit acht Jahren eine dauerhafte Präsenz in der Stadt. Eigentlich ist die engagierte Amerikanerin Dekanin in einem kleinen Ort an der Ostküste der USA. Sie erhält von ihrer Gemeinde aber den Rückhalt für ihre schwierige Mission, auch finanziell. Für sie die praktische Umsetzung von Christentum.

Andere Version der Geschichte

Ihr Kollege Gary Brooks, selbst Pfarrer, kam zunächst auf ausgetretenen Pilgerpfaden ins Land. In konservativen christlichen Kreisen der USA ist die Unterstützung für Israel sehr stark verbreitet. Der Aufbau des Judenstaates soll die Wiederkehr des Messias beschleunigen.

Aber als ich mich hier umsah, merkte ich schnell, dass es noch eine andere Version der mir bekannten Geschichte gibt. Diese ist bei uns zu Hause allerdings nicht bekannt. Palästinenser werden dort nur im Zusammenhang mit Selbstmordanschlägen oder anderen entsetzlichen Dingen bekannt, auf die Israel dann stets nur reagiert.

Brooks blieb länger und sah sich das Leben der Palästinenser unter der Besatzung an. 1998, drei Jahre nach der Gründung der lokalen Gruppe, schloss sich der 55-Jährige CPT an und kommt seither regelmäßig für vier Wochen im Jahr nach Hebron. "Ich begleite Mädchen zu ihrer Schule, die direkt gegenüber einem Siedlerhaus liegt", sagt Brooks. "Auf ihrem Schulweg müssen die Kleinen an mehreren Militärposten vorbei, werden dort teilweise nicht durchgelassen oder von Siedlern attackiert." Der Pfarrer mit der Seebärstatur stellt sich den Angreifern dann in den Weg. Oder er versucht, die Soldaten davon zu überzeugen, die Schülerinnen durchzulassen.

Bald nach der Eroberung Hebrons im Krieg von 1967 besetzten jüdische Extremisten Häuser in der Altstadt. Die Siedler erobern sich seither Wohnung um Wohnung. Zudem verhängt die Armee immer wieder kollektive Ausgangssperren über die etwa 35.000 palästinensischen Einwohner des unmittelbaren Stadtzentrums, um die Bewegungsfreiheit der heute 450 Siedler zu gewährleisten. Die Machtlosigkeit gegenüber der ständigen Gewalt und die Unmöglichkeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen, sorgen für große Verzweiflung und Not in Hebron. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem wurden auf diese Weise bereits über 40 Prozent der Palästinenser aus dem ehemaligen Markt- und Geschäftszentrum vertrieben. Dagegen unternehme die israelische Armee wenig, sondern schütze die Siedler.

Das ehemals sehr belebte Geschäftszentrums in der Altstadt Hebrons wird seit etwa zwei Jahren von Siedlern genutzt

Vor zehn Jahren drang einer von ihnen in die größte Moschee Hebrons ein und schoss in die Menge. 29 Betende starben, Dutzende wurden verwundet. Damals entschloss sich CPT zur Anmietung eines Hauses in der Stadt. Die Gruppe selbst wurde bereits 1984 von Christen gegründet, vor allem von Mennoniten, Quäkern und anderen praxisorientierten Glaubensrichtungen mit tief verwurzelten pazifistischen Prinzipien. "Wir widmen gewaltfreien Friedensmaßnahmen dieselbe Disziplin und Opferbereitschaft wie Armeen im Krieg", erklärt Gary Brooks. Mit dieser Haltung sind CPT-Teams in vielen Konfliktgebieten weltweit im Einsatz.

Schusswaffen mit 16

Im CPT-Haus herrscht momentan schlechte Stimmung. Ein jüngerer Aktivist ist sehr schweigsam.

Weil unsere direkten Nachbarn vor ein paar Tagen ausgezogen sind. Die Stirnseite ihres Hauses liegt an der Schuhada-Straße, die nun von Palästinensern überhaupt nicht mehr benutzt werden darf. Die Siedler warfen ihnen ständig Steine ins Fenster und wollten ins Haus eindringen. Das haben die Leute einfach nicht mehr ausgehalten.

Und das belaste eben auch das Team. Auf dem Dach ihres Hauses zeigt sie auf die wenigen Gebäude in der direkten Nachbarschaft, die noch bewohnt sind. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Siedler die Wohnungen übernehmen." Auf mehreren Häusern hat die Armee bereits Stellung bezogen.

Bourke Kennedy auf dem Dach des CPT-Hauses in der Altstadt Hebrons

Auch Kennedy widmet ihrem Friedensdienst in Hebron einen Monat im Jahr. "Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin", so die Unitaristin, "die Soldaten daran zu erinnern, dass sie ihre Verhaltensweise wählen können." Viele der jungen Wehrpflichtigen lachten sie schlicht aus, sagt sie. Aber andere kommen doch ins Grübeln und lassen den Palästinenser, den sie seit zwei Stunden grundlos im Regen stehen ließen, wieder gehen. "Vor den Soldaten fürchte ich mich nicht", meint Kennedy, die zu Hause ein kleines Theater leitet. Aber vor den Siedlern hat sie große Angst. "Besonders vor deren Kindern, die mit 16 Jahren schon Schusswaffen tragen dürfen und damit durch die Straßen ziehen."

Vorübergehend festgehaltener Mann an einem Checkpoint in der Altstadt Hebrons

CPT-Mitglieder stehen oft bei Militärkontrollen, wo sie versuchen, besonders brutale Soldaten zu mäßigen. Zudem gehen sie auf Nachtpatrouillen durch die Altstadt, deren Bewohner den Siedlerattacken besonders ausgesetzt sind.

Oft rufen uns auch Leute an, die Angst haben, alleine auf die Straße zu gehen. Die begleiten wir dann. Oder wir übernachten bei Leuten, deren Haus die Armee sprengen will.

CPT organisiert Patenschaften der betroffenen Familien mit christlichen oder jüdischen Gemeinden in den USA. Die Gruppe arbeitet auch eng mit israelischen Friedensgruppen zusammen und bietet Trainings zu gewaltfreien Aktionen an.

Die Aktivisten dokumentieren die in Hebron beobachteten Menschenrechtsverstöße. Von ihren Erlebnissen berichten sie in den USA und Kanada, die Herkunftsländer der meisten CPTler. Dabei sind auch die persönlichen Anfeindungen Thema.

Die Siedler schimpfen uns Nazi-Huren. Sie haben auch schon versucht, uns mit dem Auto zu überfahren.

Das einzig richtige Verhalten, so die Pazifistin, sei, die Aggressoren einfach zu ignorieren. "Wir lassen uns nicht provozieren." Aber die Fronten sind klar. Die Siedler hassen die streitbaren Christen und werfen ihnen einseitige Parteinahme vor. Kennedy weist dies zurück:

Das stimmt nicht. Wir schützen auch die Siedler, wenn sie angegriffen werden. Aber die meiste Gewalt und vor allem ihre Ursache geht eben nicht von den Palästinensern aus.

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