Rot und Schwarz

Anarchosyndikalismus - Eine totgeglaubte Bewegung ist wieder aktiv

Die Aktivisten waren wohl selbst überrascht: An der Demonstration gegen Sozialabbau vom 2.11.03 in Berlin nahm ein ungewöhnlich starker Block von Anarchosyndikalistinnen teil und machte mit schwarzroten Fahnen und großer Lautstärke auf sich aufmerksam.

Die Mehrzahl der Demonstrationsteilnehmer dürfte zum ersten Mal überhaupt mit der Strömung in Kontakt gekommen sein, genauso wie die Mehrzahl der Zuschauer. Dabei hat der Anarchosyndikalismus in Deutschland eine lange Tradition, die bis zur innersozialdemokratischen und -gewerkschaftlichen Opposition am Ende des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Zwar hat er hier nie die Bedeutung gewonnen wie in Italien oder gar in Spanien, wo er ab 1936 zum bestimmenden Element einer echten Revolution wurde, aber zwischen 1919 und 1923 war die Organisationslage sehr gut (vor allem in Nordrhein-Westfalen), die anarchosyndikalistisch geprägte Internationale Arbeiterassoziation (als Gegenentwurf zur Komintern, der kommunistischen III. Internationale) wurde 1923 in Berlin gegründet und hatte dort auch bis 1933 ihr internationales Sekretariat.

Die FAUD/AS, das organisatorische Sammelzentrum der Bewegung in Deutschland, hatte zeitweise über hunderttausend Mitglieder. Mit ihrer Ablehnung der zunehmend stalinistischen Ausrichtung des deutschen Kommunismus, ihrer Betonung der Praxis und der direkten Aktion boten sie sowohl eine Alternative zur KPD als auch zu der reformistischen Verwaschenheit der SPD. Der Anspruch, ohne bürokratischen Apparat, ohne Personenkult und viel theoretisches Gerede die eigenen Interessen direkt zu vertreten, diese linksradikale Form des "Empowerments" wirkte auf viele Arbeiter und Angestellte anziehend, beeinflusste aber auch Intellektuelle (wie z.B. B. Traven, Franz Jung und sogar Franz Kafka).

Auch das damals sehr zahlreiche Subproletariat wurde nicht vergessen - es kam durchaus in dieser Zeit zu Hausbesetzungen durch anarchosyndikalistisch inspirierte Obdachloseninitiativen. Die gegen Ende der Weimarer Republik bereits stark geschwächte Bewegung wurde von den Nazis zermalmt.

Nach dem Krieg kam sie nur schwer wieder auf die Füße, die Strömung war mehrere Jahrzehnte inexistent - für die DDR versteht sich das von selbst, aber auch in der BRD wurde erst 1977 eine Nachfolgeorganisation, die FAU gegründet.

Sie ist als solche sehr schwach (von 200 Mitgliedern bundesweit ist die Rede), aber es ist unübersehbar, dass die Zahl der Ortsgruppen, Lokalföderationen und Syndikate (so nennen sich die lokalen und themenbezogenen Zusammenschlüsse der Mitglieder) im Wachsen begriffen ist. Derzeit ist die FAU an über zwanzig Orten in der Republik vertreten, 1997 wurde eine fachbezogene Teilgewerkschaft "Naturkost-Landwirtschaft-Lebensmittelindustrie" (GNLL) innerhalb der FAU gegründet, verschiedene andere themenbezogene "Syndikate" entstehen ad hoc, wenn sie gebraucht werden und seit April 2003 gibt es nach 70 Jahren wieder ein eigenständiges anarchosyndikalistisches Gewerkschaftslokal in Berlin.

Die Aktionen reichen von den klassischen Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit (Demonstrationen, Flugblätter, Websites) bis zu militanteren Aktionen (Streiks, Walk-Ins, Besetzungen). Dabei sind es vor allem die kleinen Erfolge, die die Aktiven ermutigen: eine zurückgenommene Kündigung, ein ausbezahlter Lohn, der zurückgehalten werden sollte, und anderes. Mittlerweile begegnet ihnen nicht nur bloßes Unverständnis und Gelächter, sondern auch hier und da bereits manifeste Gewalt:

Misserfolge blieben allerdings nicht aus. Vor zwei Jahren hätten spanische Genossen eine Baustelle in Prenzlauer Berg besetzt, berichten die Aktivisten. Der Grund

Ein Subunternehmer hat ausstehende Löhne nicht ausgezahlt. Am Ende gaben die streikenden Bauarbeiter aber auf. Die Geschichte klingt wie ein moderner Wildwestschinken

Drohungen dieser Art sind der Strömung immer begegnet, wo sie aufgetreten ist, ob in Spanien, den USA oder in Deutschland.

Wie eh und je stellt sich der Anarchosyndikalismus heute also als Gemisch aus Arbeiterselbsthilfe, radikaler Gewerkschaftsarbeit und kulturrevolutionärer Aufklärungsanstrengung dar. Und seiner langen Geschichte verpflichtet, schleppt er auch einige der typischen Fehler in das neue Jahrtausend mit: einen drolligen Arbeiterbewegungstraditionalismus, der es mit der ideologischen Verstaubtheit vieler K-Gruppen spielend aufnehmen kann, eine Theorieschwäche, die unmittelbar aus der Überbetonung der direkten Aktion resultiert, den Hang zu Sozialromantik, auf sentimentalen Annahmen über die "Natur des Menschen" fußend, und eine chronische Organisationsschwäche, die sich dem Misstrauen gegen jede Bürokratisierung und jedes Berufspolitikertum verdankt.

Daran gibt es also viel zu kritisieren - aber ganz abgesehen davon, dass jede dieser Schwächen unter bestimmten Bedingungen auch eine Stärke darstellen kann, ist doch immerhin beachtlich, dass die Bewegung überhaupt existiert.

Sollte sich der Trend behaupten oder gar verstärken, bedeutet das nämlich, dass die Arbeitsgesellschaft keineswegs am Ende ist, jedenfalls nicht auf die Art, wie das Soziologen und Politologen noch bis vor kurzem meinten. Im Zuge der laufenden "Reformen", sprich, der großflächigen Aufgabe des Klassenkompromisses, der die alte BRD bestimmte, scheint sich eine Form der Fundamentalopposition zurückzumelden, die auf den ersten Blick anachronistisch wirkt und sich auch einer anachronistischen Ästhetik bedient, die aber ohne Umschweife ein Bedürfnis nach Protest und Widerstand links von den Gewerkschaften artikuliert. Totgeglaubte leben länger. Vor allem, wenn die Verhältnisse ihr Fortleben logisch erscheinen lassen.

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