Es war einmal in Amerika

Thomas Pany 24.12.2003

Der Mythos vom "Pursuit of Happiness" wird mehr und mehr zum exklusiven Vergnügen der Begüterten

Eines Frühjahrtages im 19. Jahrhundert ließ sich ein sanfter, etwas weltfremder junger Mann aus Boston in einem möblierten Zimmer in New York nieder, um ein neues Leben zu beginnen. Sein Name war Horatio Alger, junior. Er sollte bald berühmt werden: als Verfasser von Erzählungen, in denen arme Schuhputzer oder Streichholzverkäufer dank Ausdauer, Ehrlichkeit und etwas Glück zu Wohlstand und Ansehen kommen. Horatio Alger gab dem amerikanischen Traum, demzufolge jeder zu Reichtum und Happiness gelangen kann, einen Namen.

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Etwas mehr als hundert Jahre nach seinem Tod (1899) ist Horatio Alger noch mal gestorben, symbolisch natürlich, als Mythos vom möglichen Aufstieg, schreibt Amerikas Nestbeschmutzer in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten, Paul Krugman (offiziell/inoffiziell), in einem Essay der letzten Ausgabe von The Nation:

Amerika sieht mehr und mehr nach einer von Klassengegensätzen beherrschten Gesellschaft aus. Und raten Sie mal! Unsere politischen Führer tun alles, was sie können, um die Klassengegensätze zu betonieren, während sie jeden, der sich darüber beklagt - oder nur darauf hinweist, was passiert - als Praktiker des "Klassenkampfes" denunzieren.

Böse, diskordante Worte zum Fest der Nächstenliebe, die der New York Times-Kolumnist mit einigen Fakten erhärtet. Während noch vor einer Generation die großen Unterschiede in den Einkommen der wirtschaftlich finsteren 20er Jahre Geschichte waren, düstere Erinnerungen, sind sie jetzt wieder top-aktuell. Wie jüngste Untersuchungen der Wirtschafts-Professoren Thomas Picketty und Emmanuel Saez ergaben - und die Daten wurden laut Krugmann vom Budget-Büro des Kongresses bestätigt - ist das Einkommen der "unteren" 90 % der amerikanischen Steuerzahler von 1973 bis 2000 um 7 Prozent gesunken. Das Einkommen der oberen happy 1 Prozent ist in diesem Zeitraum um 148 % gestiegen.

Noch glücklicher sind die obersten 0,1 Prozent der Reichen: Ihr Einkommen ist um 343 % gestiegen. Und überirdisch clever und glücklich darf sich die Elite der Reichen, 0,01 % der Bestverdiener, schätzen. Deren Einkommen stieg um beinahe 600 Prozent - Kapitalgewinne ausgeschlossen, damit die "Börsenblase" die Zahlen nicht künstlich hoch schwindelt.

Der Schluss, den Krugman aus diesen und anderen Zahlen zieht: Amerika hat sich zu einer Kasten-Gesellschaft entwickelt - trotz der gegenläufigen "Expertisen" von Think Tanks, wie etwa der Heritage Foundation.

Ganz im Gegensatz zum Mythos der Aufstiegsmöglichkeiten in Amerika und zur Realität früherer Tage können es heute nur mehr wenige Kinder aus den unteren Klassen zu bescheidenem Wohlstand bringen. Während eine Untersuchung in den späten 70erJahren noch konstatieren konnte, dass 23 % der Söhne, dessen Väter zum untersten Viertel der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rangstufe gehörten, es zum obersten Viertel schaffen konnten - und damit der Mythos von den Aufstiegchancen echte Erfahrung für viele war -, sind es heute nach einem kürzlich veröffentlichten Bericht nur mehr 10 Prozent:

Im modernen Amerika ist es sehr wahrscheinlich, dass man in der sozialen und ökonomischen Klasse bleibt, in die man hinein geboren wurde.

Und als politisches Rezept für alle, die großes Interesse daran haben, dass ihre "vermögenden, aber untalentierten Nachkommen" (Thomas Piketti) große Teile der Wirtschaft kontrollieren und "arme, aber talentierte Kinder nicht damit konkurrieren können", gibt Krugman folgende Maximen aus:

Die Erbschaftssteuer unbedingt senken, damit große Vermögen zur nächsten Generation übergehen können; dazu die Steuern auf Unternehmensprofite, Dividenden und Kapitalgewinne. Wie überhaupt die hohen Einkommen steuerlich geschützt werden müssen und die Last auf Leute mit geringerem Einkommen übertragen werden sollte. Zusammen mit der Kürzung von Gesundheitsleistungen für Arme, der Qualitätsminderung von staatlichen Bildungsangeboten und der Minimierung der finanziellen Unterstützung für höhere Bildung käme man dem Ziel, dass die unteren Einkommens-Klassen die nötigen Voraussetzungen für einen Aufstieg nicht erwerben können, schon sehr viel näher.

Um auch die restlichen Wege nach Oben abzuschneiden, bräuchte man nur alles Mögliche tun, um die Macht der Gewerkschaften zu brechen und möglichst viele gut bezahlte Angestellte des öffentlichen Dienstes durch schlechter bezahlte private Dienstleister zu ersetzen. Klingt irgendwie bekannt Den Ärmsten nehmen, den Reichsten schenken: Dranbleiben Gerd!...

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16396/1.html
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