"Ich fürchte nur, wir haben nicht mehr viel Zeit"

29.12.2003

Ein Gespräch mit einem Piloten der israelischen Luftwaffe, der sich zusammen mit anderen weigert, an "gezielten Tötungen" von Palästinensern teilzunehmen

Yonatan Sh, 31 (aus rechtlichen Gründen darf weder sein voller Name genannt, noch ein Foto von ihm gezeigt werden), war einer von 25 Unterzeichnern eines Offenen Briefs der israelischen Luftwaffe, der sich gegen die Illegalität israelischer Tötungsaktionen gegen Palästinenser/Hamasaktivisten aussprach ("Sie sollten wenigstens zuhören"). Zusammen mit seinen Kollegen kämpft er darum, auch weiterhin als Pilot der Armee zu dienen und weigert sich, von der Armee als "Verräter" tituliert zu werden: "Wir sind die größten Patrioten von allen. Wir machen nichts anderes, als zu versuchen, unser Land zu retten."

Nach einer Umfrage Mitte Dezember betrachten 30 Prozent der israelischen Jugendlichen die Kriegsdienstverweigerung in den besetzten Gebieten als legitim. Am 23. Dezember ging der Prozess gegen fünf Verweigerer unter Prostesten von Demonstranten weiter. Der Staatsanwalt fordert hohe Strafen zur Abschreckung und bezeichnete sie als die schlimmsten Verbrecher, weil sie nicht nur Gesetze brechen, sondern auch "idealistische Leute" seien, die leicht Anhänger finden können.

Erst vor ein Tagen haben 13 Soldaten einer Eliteeinheit in einem Brief an Ministerpräsident Scharon bekannt gegeben, dass sie sich weigern, weiter Dienst in den besetzten Gebieten zu leisten: "Wir haben schon lange die Grenze überschritten zwischen Soldaten, die für eine gerechte Sache kämpfen, und solchen, die andere Menschen unterdrücken." Die Soldaten schlossen sich damit einer wachsenden kritischen Bewegung im Militär an, zu der nicht nur die 27 Piloten, sondern auch einige frühere hohe Offiziere und über 500 Reservisten der Armee gehören.

Sh. Lebt in Tel Aviv und arbeitet als ziviler Hubschrauberpilot. Das Gespräch mit ihm fand am 5. 12. in Jerusalem statt.

Erst waren es einfache Soldaten, die so genannten Refuseniks, die sich weigerten, in den besetzten Gebieten ihren Militärdienst zuleisten und dann kam Ihr Offener Brief, der Protest der Piloten, der Stolz der israelischen Armee, der die gezielten Tötungsaktionen Israels als unmoralisch anprangerte. Wie war die Reaktion?

Yonatan Sh.: Wir wurden heftig attackiert und beschimpft, bis die Menschen anfingen, sich mit dem Inhalt unseres Briefes auseinander zu setzen.

Sie sind im ganzen Land unterwegs, sprechen vor Professoren, Studenten, mit Schülern und ausländischen Medien. Was erzählen Sie ihnen?

Yonatan Sh.: Wir versuchen zu erklären, warum wir diesen Schritt in die Öffentlichkeit gewagt haben - der uns übrigens nicht leicht gefallen ist - und bemühen uns um eine neue Art und Richtung öffentlicher Diskussion über Moral und Unmoral israelischer Militärpolitik.

Verstecken sich israelische Soldaten gerne hinter der scheinbaren Absolution von "Ich folge nur einem Befehl"?

Yonatan Sh.: Ich habe den Eindruck, dass sich viele Soldaten mehr denn je ernsthafte Gedanken darüber machen, inwieweit sie persönlich Verantwortung für das übernehmen müssen, was von oben angeordnet wird. Die neue Welle der Refuseniks und unser Appell sind bei diesen Überlegungen sicherlich hilfreich. Jeder Soldat, Offizier und Pilot hat die Wahl, sich einem unrechten militärischen Befehl zu verweigern und damit einem moralischen Imperativ zu gehorchen.

Moral geht immer vor Befehl?

Yonatan Sh.: Ich weiß nicht, was in den Statuten anderer Armeen steht, aber die IDF [Israeli Defense Force] vertritt ganz eindeutig den Standpunkt, dass illegalen Befehlen nicht Folge zu leisten ist. Und da politisch motivierte Morde unvereinbar mit israelischem Gesetz sind, ist unser Fall eindeutig. Was den einfachen Soldaten angeht: Da wird es schon komplizierter. Denn was in den besetzten Gebieten passiert, geschieht häufig in einer Grauzone, die ein eindeutiges Schwarz-Weiß kaum zulässt.

Wie das?

Yonatan Sh.: Ein Beispiel: Ich stehe an einem Kontrollpunkt irgendwo in der Westbank. Ich habe gesicherte Informationen, dass ein potenzieller Selbstmordattentäter irgendwann an diesem Tag hier vorbeikommen soll. Und während ich alle Leute penibel überprüfe, laufe ich zwangsläufig Gefahr, Menschen dabei Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ob ich will oder nicht.

Einige Journalisten haben Ihnen vorgeworfen, dass die Art und Weise, wie Sie Ihren Brief lanciert haben, eher an die Vorstellung einer neuen CD einer Boy Group erinnert als an verantwortungsbewusste Männer, die eine politische Botschaft unter das Volk bringen wollen.

Yonatan Sh.: Wir sind alle keine Medienprofis. Und vielleicht sitzen wir in zehn Jahren zusammen und denken: Das hätten wir anders machen sollen. Aber das ändert nichts an der Richtigkeit dessen, was wir zu sagen hatten.

Besonders die Tatsache, dass Sie einen Exklusivvertrag mit der auflagenstarken Zeitung Yedioth Acharonot und dem zweiten Fernsehkanal geschlossen haben, hat viele ihre Kritiker erzürnt.

Yonatan Sh.: Wir wollten so viele Menschen wie nur möglich erreichen. Die Zeitung und den Fernsehsehsender, die Sie gerade erwähnten, werden nun mal von den meisten Israelis gelesen und gesehen. Und was die journalistischen Kritiker angeht: Die sind nur frustriert, weil sie den Scoop - und das waren wir nun mal - nicht bekommen haben.

Kann man in Israel politisch-moralische Themen nur mehr mittels Sensation verkaufen?

Yonatan Sh.: Hätten wir ein Buch über Moral und Unmoral des israelischem Militärgebarens geschrieben, es hätte keiner gelesen. Ariel Scharon hätte uns keine zwei Minuten zugehört. Aber ich glaube nicht, dass Israel da ein besonderer Fall ist. Heutzutage muss man überall auf der Welt die Öffentlichkeit schockieren, damit sie aus ihrer Lethargie erwacht.

Israel befindet sich meiner Meinung nach auf einem rasanten Sturzflug abwärts. Und da gibt es nur zwei Möglichkeiten sich zu retten: Entweder katapultiert man sich mit dem Schleudersitz nach draußen oder man versucht, mit aller Gewalt das Steuer rumzureißen. Wir haben uns für letzteres entschieden. Was übrigens unser gutes Recht als israelische Bürger ist. Das einzige, was man uns vorwerfen kann, dass wir die IDF vorher nicht um Erlaubnis gefragt haben.

Drohen Ihnen legale Konsequenzen?

Yonatan Sh.: Ehrlich gesagt würde ich mir die wünschen. Aber die Armee weiß, dass sie dann mehr Probleme hätte als wir. Politische Morde werden schon seit einiger Zeit vom Obersten Gerichtshof behandelt und auf die lange Bank geschoben, weil es ein so heikles Thema ist.

Vor ein paar Wochen haben vier ehemalige Direktoren des Shin Bet [Äußere Sicherheitsbehörde] vor den Konsequenzen israelischer Politik gewarnt, und am letzten Wochenende haben sich Fallschirmjägeroffiziere für die Evakuierung der Siedlungen im Gazastreifen ausgesprochen. Wird sich was ändern?

Yonatan Sh.: Ich glaube schon. Aber ich bin ein äußerst vorsichtiger Optimist. Ich fürchte nur, wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich liebe mein Land und habe Angst, dass wir uns nicht nur am Abgrund befinden, sondern schon ein Stück darüber hängen.

Einer ihrer Kritiker befand, dass nur einige wenige unter Ihnen aktiv an den staatlich sanktionierten Mordaufträgen mitgewirkt haben.

Yonatan Sh.: Na und? Auch wenn nicht jeder von uns Blut an seinen Händen hat, ist das noch lange kein Grund, unsere Ernsthaftigkeit in Frage zu stellen. Ganz im Gegenteil: Wir übernehmen nicht nur Verantwortung für uns, sondern auch für unsere Kameraden und damit letztendlich für unser Land. Außerdem: Muss Blut an meinen Händen kleben, damit ich weiß, dass Morden Unrecht ist?

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