20 Jahre Chaos, Kommunikation und Hackermythen

29.12.2003

Das Jubiläum des Chaos Communication Congress, der sich zum traditionellen Stelldichein der europäischen Hackerszene entwickelt hat, wirft Fragen zur gesellschaftspolitischen Gestaltungsfunktion des Chaos Computer Clubs auf

Von Anbeginn vor 22 Jahren an sah sich der Chaos Computer Club (CCC) als "galaktische Gemeinschaft von Lebewesen", die weit über den Tellerrand der reinen Technikfaszination hinausschaute. Seine Gründer verpassten dem Hackerverein einen gesellschaftspolitischen Anspruch mit der Hochhaltung von Werten wie Informations- und Meinungsfreiheit oder dem Datenschutz, der sich seit Dezember 1984 vor allem auf den Jahrestreffen der Hacker artikulierte. Was hat der Club in den vergangenen 20 Jahren erreicht und welchen Herausforderungen muss er sich heute stellen?

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"Ein ganz klein wenig verstehen wir uns als Robin Data", steht in der "doppeldatenschleuder 5+6=84" geschrieben. Mit der Sommerausgabe des Vereinsorgans wollte der CCC insbesondere auf seinen anstehenden Chaos Communication Congress aufmerksam machen, der - schon zum Stammtermin zwischen den Jahren - Ende Dezember 1984 erstmals im Bürgerhaus Eidelstedt im Nordwesten Hamburgs stattfinden sollte. Gemäß der Philosophie und der Hackerethik des vor zweieinhalb Jahren viel zu früh verstorbenen (vgl. Hacken als Form der Gesellschaftskritik) CCC-Alterspräsidenten Wau Holland, wollte der Club mit dem allen Interessierten offen stehenden Congress raus aus der "kriminellen Ecke", in die sich die Hacker angesichts schon damals absurder Medien- und Technikgesetze wie dem Btx-Staatsvertrag der Bundesländer und einer mangelnden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der aufkommenden Computertechnik gedrängt fühlten.

Damals ging es den Hackern - neben dem pragmatischen Bedürfnissen folgenden Austausch von Seriennummern für proprietäre Software - vor allem darum, das "Datenreisen" im sich hauptsächlich in Großrechnern von Regierungsstellen, Konzernen und Forschungsstätten abspielenden Internet zu ermöglichen und der Allgemeinheit die im Netz gespeicherten Informationen zugänglich zu machen. "Das Telefonsystem ist die grösste jederzeit greifbare Form der Völkerverständigung", umschreibt die bereits zitierte Datenschleuder einen der frühen Mythen vom emanzipativen Medium Internet, der sich historisch nahtlos in die hoffnungsvollen Beschreibungen weiterer "neuer" Medien wie des Telegrafen, des Radios oder des Fernsehens einreiht.

Gäbe es den CCC nicht, müsste man ihn erfinden

20 Jahre später "haben wir viel erreicht", sind sich der CCC-Veteran Steffen Wernéry und der 1990 zum Club gestoßene "Nachwuchshacker" Andreas Bogk einig. Das Recht zum Surfen und zum Online-Informations- und Datenaustausch, für das Wernéry in den 1980ern noch zwei Monate in einen französischen Knast wanderte, steht heute jedem mit einem Computer ausgerüsteten Bürger offen. "Gäbe es den CCC nicht, müsste man ihn erfinden", spart Wernéry, der sich seit sieben Jahren auf das Lockpicking, das "Hacken" von Schlössern, verlegt hat, nicht mit Lob für die Hackergemeinde.

Auch der "Haecksenraum" der weiblichen Rechnerfreundinnen gehört inzwischen zum Congress dazu wie das obligatorische Chaos am Beginn und die schlechte Luft im männlich dominierten Hackerzentrum (alias Tigerkäfig). Doch die Bedrohungen durch eine falsche Technikeuphorie in Wirtschaft und Gesellschaft und eine überzogene und gefährliche Technikregulierung durch die Politik kommen nach wie vor von allen Seiten, wie auch auf dem Jubiläumskongress in einer Vielzahl von Veranstaltungen deutlich wurde.

Die Bildschirmtext-Staatsverträge von damals sind die Jugendmedienschutz-Staatsverträge (vgl. Kommt die "totale elektronische Verkehrsüberwachung"?), die überarbeiteten (vgl. Gesetzbuch zu ... und alle Fragen offen) und sicher bald weiter verschärften (vgl. Ächzen und Stöhnen im System des "geistigen Eigentums") Urheberrechtsgesetze oder die Verordnungen und Planungen zur lückenlosen Überwachung der Telekommunikation von heute - um nur einen kleinen Teil der auch unter Rot-Grün ständig weiter vorangebrachten "Reformwerke" im Computer-, Fernkommunikations- und Medienbereich zu nennen. Auch den Hackern am Herzen liegende staatliche Vorgaben wie das rot-grüne Unterfangen "Informationsfreiheitsgesetz" sind aber gänzlich ins Stocken geraten. Dagegen gehen Unternehmen und die amerikanisch-europäische Überwachungsunion spätestens nach dem 11. September immer unverfrorener auf Datenjagd.

Da ist etwa der Druck der Industrie zur Einführung "vertrauenswürdiger Computer" oder zum Einbau verräterischer Mini-Funkchips in so gut wie alle Gebrauchsgegenstände, die den Chaosjüngern die Sorgenfalten in die Stirn treiben. Durchnummerieren und maschinell erkennbar machen wollen die Hacker aber höchstens ihre Hunde und Autos, nicht jedoch die gesamte Menschheit. Da sind die Überwachungspotenziale, die das unsägliche Mautprojekt unter der Führung des Konsortiums Toll Collect mit sich zu bringen droht (vgl. Kommt die "totale elektronische Verkehrsüberwachung"?). Oder die Ansprüche der USA, ihre Grenzen zum Schutz der "inneren Sicherheit" virtuell auf ganz Europa und den Rest der Welt auszudehnen, die sich in der durch das Einlenken der EU-Kommission verschärften und den von dieser selbst erlassenen Datenschutzrichtlinien Hohn sprechenden Flugdatenaffäre (vgl. Chaos bei Flugdaten-Übermittlung an die USA) Bahn schaffen. Oder in der systematischen Einführung biometrischer Merkmale zur Gesichts-, Finger- und nur noch durch Patentansprüche blockierten Iriserkennung Bahn schaffen.

Die Spuren des Überwachungsstaats

Derlei Prozesse laufen immer auf dieselbe, letztlich vom technischen Geheimdienst der USA, der NSA, koordinierten Weise ab, hat der österreichische Bürgerrechtlicher und Journalist Erich Moechel rekonstruiert. An Echelon, Enfopol, Cybercrime-Konvention (vgl. Europarat verabschiedet Cybercrime-Abkommen) oder der Verwandlung des Telekommunikationsnetzes in eine einzige Überwachungslandschaft anhand der Einführung entsprechender Standards hat Moechel immer wieder kehrende Muster festgestellt, die nun bei der Biometrie in den Pässen oder bei dem gerade anstehenden Einbau von Abhörmöglichkeiten in die Voice-over-IP-Netz für die Internet-Telefonie wieder greifen.

Um die Geheimdienste und die ihnen zuarbeitenden Politiker und Wirtschaftsfunktionäre zumindest nervös zu machen, ist der Aktivist gerade dabei, sämtliche ihm in die Hände gefallenen und künftig noch ihm zugespielten Arbeitsdokumente auf dem Quintessenz-Server in einer gesonderten Datenbank zu veröffentlichen und in eine Zeitschiene zu bringen. Damit sollen die Hintergründe der Überwachungsmaschinerie, ihre Akteure und Geldgeber durchsichtig werden.

Der CCC selbst bemühte sich zwar redlich, den ausufernden Gesetzgebungsprozess und die Auswüchse des "Kampfs gegen den Terror" oder des Regimes des geistigen Eigentums zusammen mit "befreundeten" Nichtregierungsorganisationen zu begleiten und eine Lobby für die Nutzer zu bilden. Doch dies gelang in den letzten Jahren mehr schlecht als recht: Politisch aktive CCC-Mitglieder gründeten aus Zwecken des Broterwerbs oder auch vielleicht verlockt durch die Verheißungen der "New Economy" Startups oder verausgabten sich in religiös anmutenden, theoretischen Grundsatzdebatten im ewigen Streit zwischen Microsoft und Linux.

Der durchaus mediengewandte Frontmann Andy Müller-Maguhn stand da häufig nur noch allein im Rampenlicht - ohne auf aktuelle Prozesse eingehenden inhaltlichen Unterbau und erschöpft durch das Tragen verschiedener Hüte wie den eines Direktors der "Netzverwaltung" ICANN. Eines der medialen "Highlights" im CCC-Tätigkeitsbericht 2003, den der Sprecher des Clubs am Samstagabend auf dem Congress vortrug, war denn auch ein Interview mit Tagesschau.de, das zumindest ein wenig Hackerphilosophie in eine größere Öffentlichkeit transportierte - auch wenn die Redakteure in dem schrecklich zusammen gekürzten Gespräch wohl einiges missverstanden hätten.

Wiedergeburt regionaler Chaotentreffs

Im kommenden Jahr soll einiges anders werden. Dafür soll laut Bogk etwa die Wiederbelebung der ERFA-Kreise ("Erfahrungsaustausch") sorgen. 13 regionale Chaotentreffs sind momentan in Städten wie Düsseldorf, Hamburg, Köln oder Ulm am Start. Sie sollen helfen, aus Skript-Kiddies, die natürlich auch wieder auf dem Jubiläumscongress ihr Graffiti auf anderer Leute Webserver hinterlassen, gestandene, "kritisch-schöpferische" Hacker zu machen. Trouble gab es allerdings bereits mit dem Frankfurter Zirkel, der nicht mehr zu den offiziellen CCC-Ablegern zählt. Eine genuine Aufgabe zum "Brückenschlagen" zwischen der Welt da draußen und den Datenreisenden - sprich: dem Lobbying im Interesse der Netzbürger - hat sich auch die gerade offiziell anerkannte Wau Holland Stiftung ins Stammbuch geschrieben.

Doch bis es soweit ist, bleibt den weit über 1000 Hackern im ­ zu ihrer Sicherheit natürlich videoüberwachten ­ Congress Center am Alex noch bis Montagnacht Zeit, um sich über den Sinn und Unsinn teurer Apple-Powerbooks oder billigerer Linux- und Windows-Notebooks auszusprechen. Oder über die Frage zu diskutieren, ob es in dem neu beziehungsweise wieder bezogenen Schmuckstück der sozialistischen Architektur Hermann Henselmanns mit seinem imposanten, allerdings nicht ganz vor Glasscheibenbruch gefeihten Kuppelsaal, in dem der CCC bereits seine in den Nachwehen des 11. September weit gehend untergegangene Ausstellung zum 20-jährigen Clubjubiläum 2001 zelebrierte, "kuscheliger" ist als das zuvor jahrelang als Unterschlupf dienende, mit einer nicht weniger sozialistisch angehauchten Plüschsessel-Aula aufwartende Haus am Köllnischen Park.

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