Blumen der Mudschahidin

30.12.2003

Saudi-Arabien: der Kampf gegen den Extremismus

Im Zuge der scharfen Maßnahmen gegen islamische Extremisten haben die saudischen Behörden mehr als 4000 "Eindringlinge" an der Grenze zum Jemen festgenommen, meldete Arab News vorgestern. Letzten Donnerstag ließen die saudischen Sicherheitsbehörden verbreiten, dass ihre Agenten große Anstrengungen unternehmen, um Terroristen zu verhaften, die zur Führung des Al-Qaida-Netzwerks in Saudi-Arabien gehören. Seit dem Wochenende tagt die "Konferenz für nationalen Dialog" in Mekka, um über Fragen zum Extremismus zu debattieren. Zum ausgewählten Kreis der Intellektuellen, Geistlichen und Wissenschaftlern gehören auch Frauen und zum ersten Mal Abgesandte der schiitischen Minderheit. "Winds of change" im Wüstenstaat?

Die große aktuelle Frage, so der ehemalige Herausgeber der Arab News, John R.Bradley, ist, ob es der regierenden Al-Saud-Familie gelingt, den Extremismus zu einem Randphänomen zu reduzieren. Nachdem auch die Herrscherfamilie von den Fanatikern deutlicher als Feind ins Visier genommen wird, wird sehr viel davon abhängen, für welche Seite sich die Jugend entscheidet. Die Blüte des Wohlfahrtsstaates ist vorüber, die Arbeitslosigkeit ein großes Problem. Man fürchtet das Phänomen der angry young men, die trotz guter Ausbildung - vor allem in islamischen Hochschulen - keinen geeigneten Arbeitsplatz finden. Sie könnten sich für die falsche Seite entscheiden, zumal die saudische Gesellschaftselite selbst gespalten ist.

Es gibt vier oder fünf Prinzen aus der Königsfamilie, die politisch mächtig sind. Und zwei stechen besonders hervor: der Kronprinz Abdullah und sein Halbbruder Najef. Während der erstere seit dem Schlaganfall des nominellen Herrschers, König Fahd,im Grunde die Regierungsgeschäfte führt und im Ausland bekannter ist, kennt man Najef Bin Abdal Aziz kaum. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung porträtiert ihn - mit dem üblichen Faible für elitäres "Savoir Vivre" - als "volksnahen, harten Arbeiter", der lieber ausgiebig der Falkenjagd frönen würde, als sich mit der "schwierigen Bekämpfung des Terrorismus" abzugeben. Etwas weniger harmlos stellt ihn der Verfasser eines beachtenswerten Essays in der neuesten Ausgabe des amerikanischen Magazins Foreign Affairs dar: während Prinz Abdullah im internationalen Licht erstrahlt, wirft der Prinz Najef, der Innenminister und Chef des Geheimdienstes, zuhause die größeren Schatten.

Najef ist der ideologische Gegenspieler zu den Reformisten, die unter der Ägide von Prinz Abdullah dem Prinzip des "Takarub" folgen, was als Annäherung zwischen Muslimen und Andersgläubigen übersetzt und interpretiert wird. "Takarub" propagiert die Idee einer friedlichen Koexistenz und tendiert dazu, auch Nichtgläubigen politische Mitbestimmung einzuräumen. Bemerkenswert ist hierzu, dass im saudischen Wahabismus neben Christen und Juden auch Schiiten im gleichen Atemzug wie Säkularisten und Feministen zu den Ungläubigen gezählt werden.

Die gegenläufige Richtung zum "Takarub" nennt sich arabisch "Tawid". In der gleichnamigen internationalen Bewegung erkennt beispielsweise das nordrheinwestfalische Innenministerium eine "ideologisch-religiös ausgerichtete Bewegung Gleichgesinnter", die auf der "Grundlage eines aggressiv-militanten Fundamentalismus den weltweiten Jihad" propagiert. In Saudi-Arabien steht dieses Prinzip für eine rigide Auslegung des Monotheismus wahabitischer Art, eng verbunden mit dem Dschihad. Für radikale saudische Kleriker gilt jeder außerhalb der streng sunnitischen Glaubensgemeinschaft als Häretiker des eng gefassten monotheistischen Prinzips: neben den üblichen feindlichen Gruppierungen wie Christen und Juden eben auch Schiiten und "ungenügend ergebene Sunniten", die als Feinde des wahren Islams gelten. Wer was richtig glaubt, zeigt sich politisch in der Frage, wie viel Macht der wahren Religion zugestanden werden soll. Oder um es auf eine Formel à la Bush 43 zu bringen: Wer gegen das religiöse Establishment ist, ist gegen uns und also böse, weil er dem Satan, den USA, in die Hände spielt. Jede Abweichung von diesem Credo gilt als Hochverrat und darunter fällt auch "säkularer Humanismus":

Wir brauchen einen Islam, der sich mit den anderen versöhnt, einen Islam, der keinen Hass gegenüber anderen, weil sie an etwas anderes glauben, kennt. Wir brauchen eine Reform, ein kühne Neuinterpretation des religiösen Textes, so dass wir uns mit der Welt wieder versöhnen können.

Diese Aussage brachte dem Kritiker der radikalen Geistlichkeit in Saudi-Arabien das Todesurteil ein, das auf der Website eines berühmten saudischen Geistlichen - Scheich Al-Khudairi - veröffentlicht wurde. Zum Glück des Journalisten, der früher selbst ein Parteigänger des radikalen Islams war, wurde es nie vollstreckt.

Al-Khudairi, ein rigoroser Vertreter der "Tawid"-Richtung, hatte kurz nach dem ersten Selbstmordanschlag in Riiad im Mai diesen Jahres noch die Anstrengungen der saudischen Behörden, die öffentlich um Mithilfe bei der Fahndung nach den Attentätern baten, konterkariert: die Verdächtigen, deren Fotos veröffentlicht wurden, seien allesamt keine Terroristen, sondern "äußerst fromme Männer", die "Blumen der Mudschahidin", ließ er in einem offiziellen Statement verlautbaren.

Mittlerweile hat der Scheich, wie drei andere, ebenfalls berühmte Hardliner, solche Aussagen und vor allem Fatwas, die den Geist der Dschihadis beschworen, im Fernsehen öffentlich zurück genommen. Ob dies allerdings aus eigener Überzeugung geschah oder dem mehrwöchentlichen Gefängnisaufenthalt geschuldet war, vermag keiner genau zu sagen.

Ebenso wenig wie den Ausgang des Machtkampfes zwischen der reformerischen Richtung unter Prinz Abdullah und der streng geistlichen-reaktionären Partei. Sollte das anti-amerikanische Sentiment in Saudi-Arabien, hoch gepuscht durch wilde Verschwörungstheorien, welche die USA mit Israel und den Schiiten in einer Weltherrschaftsriege sehen, mit dem "Gift" des anti-saudischen Gefühls in den USA auf eine fatale Art reagieren, wird, so John R.Bradley, die Königsfamilie ihr Exil am Genfer See beziehen und ein neues Taliban-Regime in Riiad herrschen.

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