Massage für Männer

Peter Mühlbauer 31.12.2003

Der Chaos Computer Club wandte sich auf dem 20C3 auch einem bisher vernachlässigten Problem für Hacker zu

Neben der ganz auffälligen Dominanz von Apple-Notebooks und -Software war die Überraschung auf dem diesjährigen Chaos Communication Congress (vgl. 20 Jahre Chaos, Kommunikation und Hackermythen) die Veranstaltung Massage für Männer. Bei näherer Überlegung war das Thema allerdings gar nicht so abwegig: Neben den gut abgedeckten Plagen Softwarepatente, TCG/NGSCB/DRM, RFID-Überwachungsdystopien oder dem AN.ON-Debakel war für so manchen Hacker auch der eigene Rücken einer der Albträume des Jahres 2003 - in Medien und Veranstaltungen war diese Unbill allerdings weit weniger gut abgedeckt.

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Und das, obwohl Rückenschmerzen mittlerweile die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit sind und 90 % dieser Fälle auf Muskelverspannungen zurückgehen, wie sie vor allem bei der Arbeit am Bildschirm entstehen. Eine dieses Jahr an der Berliner Charité durchgeführte Studie brachte zutage, dass Low-Tech-Lösungen wie Bewegungsübungen und Massagen solcherart entstandene Rückenschmerzen sogar effektiver bekämpfen können als Biofeedbackgeräte, die den Betroffenen Rückmeldung über die Muskelanspannung bei der Bildschirmtätigkeit geben. Außerdem zeigten sich selbst eingefleischte Blinkenlights-Anhänger nicht unbedingt begeistert von dem Gedanken, ganztägig mit am Trapezmuskel angehefteten Elektroden auf die durch Dioden angezeigte Stärke ihrer Muskelspannung zu Achten.

Die Massage-Veranstaltung hatte sich Häcksen-Organisatorin Tina Lorenz ausgedacht. Hintergrund war, dass man als Äquivalent zu den Women-Only-Veranstaltungen auch eine Men-Only-Veranstaltung haben wollte, in der Männer - im ganz buchstäblichen Sinne - Berührungsängste abbauen können sollten.

Das Thema traf offenbar nicht nur einen, sondern gleich mehrere (schmerzgeplagte) Nerven: Trotz der gleichzeitig stattfindenden und mit hohem Unterhaltungswert ausgestatteten Weird-Programming-Veranstaltung war der Workshop überfüllt.

Keine Anleitung für einen Meuchelmord, sondern effektiver Gewichtseinsatz bei der Massage. Foto

Die Leitung hatte der Kölner CCC-Vorsitzende Lars Weitze inne. Weitze, der beim letzten Chaos Communication Congress den Fechtkurs gegeben hatte, trug auch bei der Vorführung der Massagetechniken einen kleinen Dolch im Renaissancestil - was seine Vorführpersonen aber offenbar nicht an der Entspannung hinderte. In Bibliotheken hatte der Workshop-Leiter nach eigenen Angaben ebenso wenig Hilfe für seinen Workshop gefunden wie im Netz: Während Massage-Bücher eher esoterisch als praktisch ausgerichtet waren, brachte ihm eine Google-Suche an vierter Stelle gleich die Anleitung: "Wie massiere ich den Penis meines Hengstes."

Und so musste der Kölner auf die Massagekenntnisse zurückgreifen, die ihm seine Freundin - ihres Zeichens Studentin an der Sportuniversität - beigebracht hatte. Allerdings reichten diese Kenntnisse völlig aus, um einen Saal voller Hacker zu begeistern. Seine auf den bei Computerbenutzern besonders belasteten Nacken- und Schulterbereich ausgerichteten Tipps gingen über kleine technische Verbesserungen von intuitiv ausgeführten Griffen an Hals, Schulter und Schläfen bis hin zur Partnermassage im Sitzen. Einer seiner ersten grundsätzlichen Hinweise war, zur Entspannung das Notebook zuzuklappen, um nicht mit einem Auge auf die neuen Mails oder das ICQ zu schielen.

Dann lernten die Teilnehmer, die Kraft für die Massagebewegungen nicht durch ihre Arme, sondern mit dem Oberkörper unter Ausnutzung der Schwerkraft zu erzeugen und nicht auf, sondern hinter den Muskel zu greifen um diesem dann mit der Bewegung zu folgen. Der Hauptteil des Workshops bestand aus verschiedenen Spielarten der Druckausübung zwischen Schulterblättern und Halswirbel, wobei häufig der Daumen zwischen Schulterblatt und Schultermuskel gezogen wurde. Eine für die meisten Beteiligten neue aber ausgesprochen wirksame Technik war, dass der Massierte bei machen Übungen seinen Kopf nach vorne in die Handfläche des Masseurs fallen und das ganze Gewicht des Kopfes auf dessen Hand ruhen ließ.

Die nach der Massagestunde durchaus zufriedenen Teilnehmer lassen spekulieren, ob sich der Workshop eventuell sogar zu einer CCC-Tradition entwickeln könnte - solange er nicht von der Pharmaindustrie als "Umgehungstechnologie" verboten wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16423/1.html
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