Ende der Geschichte neu geschrieben

02.01.2004

Vor zehn Jahren besetzte die mexikanische EZLN-Guerilla mehrere Städte. Heute gilt der Aufstand als wichtiger Impuls für die internationale Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung

Niemand hatte mit dem Aufstand gerechnet. Am wenigsten die mexikanische Regierung. Als am ersten Januar 1994 hunderte Frauen und Männer der "Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung" (EZLN) im südöstlichen Bundesstaat Chiapas mehrere Städte besetzten, schaute die Welt perplex auf dieses Fleckchen Erde. Hatten diese vermummten Landarbeiter denn gar nichts mitbekommen? Waren die Nachrichten von Zusammenbruch des Sowjetkommunismus nicht in die Berge und Urwälder Mexikos vorgedrungen? Wussten sie denn nicht, dass, wie der US-Theoretiker Francis Fukuyama fünf Jahre zuvor in einem Essay geschrieben hatte, das Ende der Geschichte gekommen war. Revolutionen gehörten doch der Vergangenheit an!

Die Rebellen aber blieben unbeirrt: Am ersten Tag des Freihandelsabkommens NAFTA zwischen Kanada, den USA und Mexiko forderten sie in einer viel beachteten Erklärung die Abkehr von neoliberalen Wirtschaftsmodell, Land und Freiheit.

Rebellion ist wie dieser Schmetterling, der auf das Meer ohne Insel oder Felsen zuhält. Er weiß, daß er keinen Platz zum landen hat. Doch zögert er nicht zu fliegen. Und nein, weder der Schmetterling noch die Rebellion sind dumm oder selbstmörderisch. Es ist nur so, dass sie wissen, dass sie doch etwas haben werden, wo sie landen können, weil es in dieser Richtung eine kleine Insel gibt, die noch kein Satellit entdeckt hat.

Niemand konnte ahnen, dass der Aufstand der kleinen Guerillaorganisation in den folgenden Jahren entscheidende Impulse für die weltweite Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung geben würde- zumal die EZLN binnen weniger Tage militärisch niedergeschlagen war. Doch legte gerade die massive militärische Reaktion den Grundstein für die internationale Solidarisierung mit den Rebellen.

Subcomandante Marcos

Von dem Überraschungscoup bloßgestellt führte die mexikanische Armee bis zum 11. Januar 1994 eine Großoffensive gegen die EZLN-Gebiete und bombardierte Dörfer. Und damit sie tappten mitten in die Falle: Die EZLN war keine herkömmliche Guerilla nach dem Vorbild Ernesto "Che" Guevaras. Militärisch war ihr nicht beizukommen, weil sie auf einer anderen Ebene angriff. Ihre Waffe war das Wort, ihr Medium der Subcomandante Marcos. Allein in seiner Person wird der Fokus auf die geplante Außenwirkung deutlich. Sein Gesicht von einer Wollmaske bedeckt, vereint Marcos die Requisiten des alten revolutionären Mexikos von Emiliano Zapata mit denen der Gegenwart: Über der Maske trägt er ein Headset, an dem Patronengürtel ist ein Handy zu sehen.

In gewisser Weise war das militärische Auftreten der EZLN - die im übrigen bereits 1983 gegründet worden war - ein Ablenkungsmanöver. Ihre eigentliche Absicht sei es gewesen, so Marcos später, Signale gegen die politische Agonie der Linken zu geben. "Wenn ihr uns helfen wollt", sagte er, "helft euch selber".

Mit alter Revolutions- und neuer Fortschrittssymbolik versuchte Marcos gewissermaßen die Brücke über das Ende der Geschichte hinaus zu schlagen. Und tatsächlich legte die Debatte über die neozapatistische Revolte auch die Probleme der Linken offen: Wie etwa sollte man sich zu einer Guerillaorganisation positionieren, die offen erklärte, dass die Eroberung der Macht nicht zu ihren Zielen gehöre. Ein Paradoxon? Mitnichten, meint der in Mexiko lehrende Soziologe John Holloway:

Wenn wir am Politischen teilnehmen, ohne es als Form gesellschaftlicher Aktivität in Frage zu stellen, dann haben wir aktiv Teil am Prozess der Trennung, der das Kapital ist, gegen das wir angeblich kämpfen, ganz gleich, wie 'fortschrittlich' unsere Politiken sein mögen. Wenn wir also den Staat als die 'vorherrschende Organisationsform der Unterdrücker' verstehen, dann ist das nicht ein Argument für einen über den Staat geführten Kampf, sondern im Gegenteil ein Argument für die Erfindung anderer Formen des Kampfes.

Vergleicht man das 1994 noch unausgereifte politische Konstrukt der EZLN mit der heutigen Situation, schneiden die Zapatistas nicht schlecht ab. Denn die weltweite globalisierungskritische Bewegung steht in der Tat außerhalb orthodoxer Formen linker politischer Aktion. Obschon die entsprechende Diskussion nach wie vor geführt wird, ist etwa aus dem ATTAC-Netzwerk noch in keinem Land eine politische Partei entstanden, die eine parlamentarische Mitbestimmung anstrebt.

Vielmehr gelang es beiden, den Zapatisten auf regionaler Ebene, der Anti-Globalisierungsbewegung auf globaler Ebene, eine Gegenöffentlichkeit zur politischen Vorherrschaft des Fukuyama-Szenarios zu etablieren. Die moderne Kommunikation wird dabei rege genutzt (Kommunikations - Guerilla mit alten Mitteln). In beiden Fällen gilt das Motto, den Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen, ohne sich die Regeln der Schlacht diktieren zu lassen. Ein geschlossenes Schema verbirgt sich hinter dieser Strategie ebenso wenig wie fertige Lösungen. Nötig sei dies, erklärt die EZLN auch zehn Jahre nach dem Aufstand, weil die traditionellen "Lösungen" der Linken 1989 und 1991 gescheitert seien. Ein anderer Sprecher der Organisation, Comandante Tacho, fasste die Idee einmal so in Worte:

Die Revolution ist wie Unterricht in einer Schule, die noch gar nicht gebaut wurde.

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