Tim Berners-Lee

04.01.2004

Der "Gutenberg" des Cyberspace

Das amerikanische Time-Magazine zählt Tim Berners-Lee, den Erfinder des World Wide Web, zu den hundert herausragenden Persönlichkeiten des 21. Jahrhunderts. In ihrer Tragweite wird die Erfindung der World-Wide-Web-Technologie mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg verglichen. Vor Gutenberg standen teure, handgeschriebene Bücher nur einer Minderheit, einer gesellschaftlichen Elite zur Verfügung. Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde das in Büchern angesammelte Wissen nach und nach breiten Bevölkerungsschichten zugänglich. Aus einem Medium für Wenige wurde ein Massenmedium, das die Welt veränderte.

Eine ähnlich revolutionäre Wirkung wird auch dem von Berners-Lee entwickelten World Wide Web zugeschrieben. Bis zu den 1990er Jahren war das Internet ein kompliziert zu bedienendes Kommunikationsmedium für eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern und Militärs.

Berners-Lee machte es mit seiner "World Wide Web"-Technologie zu einem demokratischen Massenmedium (Wie das Web gewebt wurde). Seine Vision war, das Wissen der Menschheit durch Vernetzung und Dezentralisation "aus den Fesseln von Hierarchien zu befreien", es allen Menschen zugänglich zu machen, jeden zu einem potenziellen Sender und Empfänger von Informationen zu machen und dadurch den gesellschaftlichen Fortschritt anzuschieben.

Tim Berners-Lee wurde am 8. Juni 1955 in einem Vorort von London geboren. Seine Leidenschaft für Computer wurde ihm offenbar schon in die Wiege gelegt, denn seine Eltern waren beide Mathematiker und arbeiteten für die englische Firma Ferranti Inc. an der Entwicklung eines der ersten kommerziellen Computer. Früh schon beschäftigte sich Berners-Lee mit Computertechnik. Während seiner Schulzeit, so erinnert er sich später, habe sein Vater einmal die Frage aufgeworfen, ob es möglich sei, einem Computer zu bauen, der wie das menschliche Hirn in der Lage wäre, Informationen assoziativ miteinander zu verknüpfen.

Diese Frage hat Berners-Lee seitdem nicht mehr losgelassen. Sie beschäftigt ihn noch heute.. "In einer extremen Ansicht ist die Welt nichts anderes als eine Sammlung von Verweisen", erklärt er später einmal und fügt hinzu: "Mir gefällt die Vorstellung, dass eine Information allein dadurch definiert wird, mit was sie wie verbunden ist."

Enquire within upon everything

Auch während seines Physikstudiums am renommierten Queens College der Universität von Oxford und später Ende der 1970er Jahre als Mitarbeiter am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf ließ ihn die Idee von einer Software nicht los, die alles mit allem verknüpft. 1980 schrieb er das Programm "Enquire". Er habe schon immer ein schlechtes Personen- und Namensgedächtnis gehabt, meint Berners-Lee dazu. Dieses kleine Computerprogramm verknüpfte deshalb für seine persönlichen Zwecke Daten von Karteikarten und machte sie aufrufbar. Es sollte ihm helfen, sich Namen, Projekte, Personen und Rechneradressen besser merken zu können. Seinen Namen bekam das Programm von einem Lexikon, das Berners-Lee als Kind in der Bibliothek seiner Eltern entdeckt hatte: "Enquire within upon everything" (etwa: "Erkundige dich drin nach allem").

Enquire wurde nie veröffentlicht, war aber bereits die konzeptionelle Grundlage für das Projekt, das Berners-Lee 1989 am CERN beantragte: ein "World Wide Web" von miteinander verknüpften, jederzeit abrufbaren Informationen.

Heiligabend 1990: Das WWW ist fertig

Berners-Lee entwickelte seine Vorstellungen von einer Software, "die alles mit allem verknüpft", nicht im luftleeren Raum. Er kannte die äußerst heterogene Informatikumgebung und den sehr individuellen Arbeitsstil von Wissenschaftlern, die auf der ganzen Welt verteilt arbeiten. Seine Software musste diese uneinheitliche Umgebung berücksichtigen. Sie musste universell einsetzbar sein und durfte sich nicht an einem einzigen Betriebssystem ausrichten.

Im Oktober 1990 begann Berners-Lee, auf einem Unix-Rechner seine Vorstellungen von einem "World Wide Web" zu programmieren. Im November waren ein Webbrowser und ein Webserver fertig. Heiligabend 1990 war es dann so weit: Abends um halb elf ging der erste Webserver info.cern.ch online. Über die CERN-Leitung hatte Berners-Lee Zugriff auf die anderen Institutsrechner. Die erste Webseite gab es allerdings schon kurz zuvor (Happy Birthday, WWW!).

Das Besondere war, dass er mit Hilfe von so genannten Hyperlinks gezielt zwischen den Dokumenten hin und her springen konnte, egal an welchem Ort, auf welchem Rechner sie gespeichert waren. Voraussetzung war lediglich, dass diese Dokumente eine ganz spezielle, eigene Adresse besitzen mussten und übertragen werden konnten. Dafür sorgten der von Berners-Lee entwickelte Uniform Resource Locator (URL) und das Übertragungsprotokoll "http". Gleichzeitig hatte er mit der Hypertext Mark-Up Language (HTML) eine verhältnismäßig einfach zu schreibende Seitenbeschreibungssprache entwickelt, mit der Dokumente codiert werden konnten.

Widerstand und Desinteresse

In der Folgezeit machte Berners-Lee die Erfahrung, dass es bei weitem nicht ausreicht, eine gute Idee und ein gutes Programm zu haben, um sich mit seinen Vorstellungen durchzusetzen. 1991 veröffentlichte er seine Kommunikationssoftware im Internet. Berners-Lees Erfindungen waren patentrechtlich nicht geschützt und verbreiteten sich rasch.

Doch die Idee des World Wide Web stieß zum Beispiel bei den Entscheidungsträgern der damaligen Internet Engineering Task Force (IETF) auf Widerstand und oftmals gar auf Desinteresse. Berners-Lee musste für seine Visionen werben, um deren Anerkennung kämpfen, und dass er aus Europa kam, keine mächtige Institution im Rücken und an der kommerziellen Ausnutzung seiner Erfindung kein Interesse hatte, machte seine Mission nicht gerade leichter.

Von 1991 bis 1993 arbeitete Berners-Lee weiter an der Entwicklung und Verfeinerung seiner Software - jetzt allerdings nicht mehr allein, sondern mit Unterstützung der sich entwickelnden Internet-Community, deren Feedback er koordinierte und verarbeitete: ein Arbeitsstil, den er auch später beibehalten sollte.

Berners-Lee gründet das W3C

Im Sommer 1994 brach Berners-Lee seine Zelte in Genf ab und zog samt Familie in die USA nach Boston. Seit dieser Zeit ist er Inhaber eines Lehrstuhls am "Laboratory for Computer Science" des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Mit Unterstützung von MIT-Professor Michael Dertouzos gründete er noch 1994 das World Wide Web Consortium (W3C), dem er seitdem als Direktor vorsteht. Das W3C hat die Aufgabe, neue Webstandards zu entwickeln und zu kodifizieren.

Seine Visionen hat Berners-Lee im Rahmen seiner Arbeit als W3C-Direktor weiter verfeinert. Sein gegenwärtiges Ziel hört auf den Namen "Semantisches Web". Dank neuer Standards wie XML sollen in einem Dokument künftig auch die Kontexte von Informationen mit kodiert werden. Zukünftige Suchmaschinen könnten Informationen somit "verstehen" und wie das menschliche Gehirn assoziative Querverbindungen zwischen Dokumenten unterschiedlichster Herkunft herstellen.

"Ich habe einen Traum..."

Es gibt wenige Menschen, denen man das Wort "Vision" heutzutage noch abkauft. Tim Berners-Lee ist einer von ihnen. "Der Traum hinter dem Web", wie er seine Vision beschreibt, besteht eigentlich aus mehreren Träumen. Das Web soll die Zusammenarbeit zwischen den Menschen verbessern, was heute schon erreicht sei, dann aber soll die Zusammenarbeit auch Computer einbeziehen. Maschinen sollen in die Lage versetzt werden, den Inhalt von Dokumenten zu verstehen, Querbezüge herzustellen und diese dem Menschen nutzbar zu machen:

Wenn dieser Traum verwirklicht ist, wird das Web ein Raum sein, in dem spontane Einfälle von Menschen und das Räsonnieren von Maschinen sich zu einer idealen, mächtigen Mischung vereinen.

Das World Wide Web wäre dann ein globales Gehirn und weitaus mehr als nur die Summe aller seiner Dokumente. Wann dieses Ziel erreicht sein wird, steht noch in den Sternen. Nur eins steht bisher fest: "Das Web ist bei weitem noch nicht fertig."

Ritterschlag durch Elisabeth II.

Dr. Timothy J. Berners-Lee wurde am 1.1.2004 für seine Verdienste bei der globalen Entwicklung des Internet durch die Erfindung des World Wide Web mit dem zweithöchsten Rang des Order of the Britisch Empire geehrt und von König Elisabeth II. zum Ritter geschlagen.

Diese Ehre gebührt der gesamten Gemeinschaft der Webentwickler sowie den Erfindern und Entwicklern des Internet, deren Arbeit das Web möglich machte. Ich nehme sie an als Unterstützung für den Geist des Web, es dezentral aufzubauen, es möglichst offen und fair zu halten sowie sicherzustellen, dass seine grundlegenden Techniken allen zur breiten Nutzung und Innovation zur Verfügung stehen, ohne dass man dafür Lizenzgebühren zahlen muss.

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