Bild der Erbärmlichkeit

15.01.2004

Die erste Selbstmordattentäterin der Hamas

Ihr einziger Wunsch an Gott, bekannte die 22-jährige Mutter zweier Kinder, sei, dass "ihre Organe durch die Luft fliegen und ihre Seele das Paradies findet". Ob Gott dem letzten Teil des per Video übermittelten Wunsches von Reem Salah Riaschi, der ersten Hamas-Selbstmordattentäterin, nachgekommen ist, war bislang nicht zu ermitteln. Für den ersten Teil des Wunsches hat sie selbst gesorgt und dabei vier weitere Menschen in den Tod mitgerissen; neun weitere - darunter Palästinenser - wurden teilweise schwer verletzt.

Sehr zum Wohlgefallen ihres Chefs, Scheich Ahmed Jassin, dem so genannten "spirituellen Oberhaupt" der Hamas, der hoch betagt das Leben auf der Erde dem anderen noch immer vorzieht und es gerne hört, wenn sich andere für seine große Mission in die Luft sprengen:

Zum ersten Mal benutzte Hamas eine Frau als Kämpferin und keinen Mann, und das war eine neue Entwicklung im Widerstand gegen den Feind...Der heilige Krieg ist eine Verpflichtung für alle Muslime, Männer wie Frauen...Der Widerstand wird solange eskalieren, bis der Feind unser Land und unsere Heimat verlässt.

Verächtliche Worte eines Weltfernen. Der Anschlag wurde jedoch mit einer Heimtücke vorbereitet, die sich sehr genau an der Praxis der Kontrollen am Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und der israelischen Industriezone Eres zu orientieren wusste.

Wie Zeugen später berichteten, bot die junge Frau am Grenzübergang ein "vollkommenes Bild der Erbärmlichkeit", als sie gestern morgen gegen halb zehn, nachdem bereits 4.000 palästinensische Arbeiter den Übergang passiert hatten, den Grenzposten sagte, dass sie krank sei.

Sie hielt sich mit vier anderen palästinensischen Frauen im Sicherheitsbereich der israelischen Seite auf, wo sie einen Metalldetektor zu durchschreiten hatte, was die israelische Grenzposten durch ein Fenster aus Panzerglas beobachten. Da das Gerät Signal gab, sagte sie dem Sicherheitsoffizier, dass sie kürzlich operiert worden sei und Platin im Bein habe, was sie durch das Zeigen eines Verbandes demonstrierte. Der Offizier bat sie darum, noch einmal den Metalldetektor zu passieren. Das Gerät gab wieder Alarm, woraufhin sich die Frau zu Boden gestürzt haben soll, weinend und darum flehend, sie doch gehen zu lassen. Die anderen Frauen baten den Sicherheitsoffizier ebenfalls, dieser Bitte nachzugeben. Woraufhin der Offizier nach einer weiblichen Kollegin rief, damit diese die junge Palästinenserin genauer untersuchen könne.

Die Frau wurde in einen Nebenraum zur Untersuchung verwiesen. In einem Moment der Unaufmerksamkeit, als die israelische Grenzbeamtin einen Handschuh suchte, schritt die Attentäterin ein paar Meter in Richtung einer Gruppe von Grenzsoldaten und zündete die 5 Kilo-Bombe: Drei israelische Soldaten und ein Zivilist kamen sofort ums Leben.

In der israelischen Industriezone Eres gehen ungefähr 20.000 Palästinenser, die den Grenzübergang täglich passieren, ihrem Brotverdienst nach; etwa 30.000 Palästinenser leben von diesen Einkünften. Der Anschlag, zu dem sich mittlerweile die militärischen Flügel der Hamas und der Fatah als verantwortlich zeichneten, führt einmal mehr die perfide Ratio islamisch geprägter Terrorgruppen vor Augen. Sie erkennen einerseits im Akt des Selbstmords den größten Beweis ihres Glaubens und begreifen ihre islamische Existenz damit als voll erfüllt, nehmen aber andererseits in Ermangelung längerfristiger, realistischer Strategien zu Handlungen Zuflucht, welche sich gegen das Interesse vieler Palästinenser richten und dem Gegner zugleich die besten Argumente in die Hand geben, seinerseits bei der Politik der Härte zu bleiben.

Wie ein hochrangiger Fatah-Offizier dem israelischen Radio mitteilte, sei das Ziel des Anschlages gewesen, dass Israel den Gaza-Streifen abriegele und damit den Zugang zu Jobs in Israel versperre. Damit solle die Basis für die Unterstützung von Hamas und anderen militanten Gruppen gefördert werden.

Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei lehnte eine Verurteilung des Anschlages mit dem Hinweis ab, dass er dazu nicht verpflichtet sei und die israelischen Angriffe und Restriktionen zu größerer "Eskalation" auf beiden Seiten führen würden.

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