Archivieren der Berechnungsformeln?

Ralf Blittkowsky 14.02.2004

Ansätze zur Langzeitarchivierung von Daten in Wissenschaft und Wirtschaft

Visionäre gibt es im Unternehmen öfters, als man denkt. Vordenker aus Unternehmen müssen sich über die langlebige Archivierung von Konstruktions- und Entwicklungsdaten den Kopf zerbrechen. Hierzulande ist die Langzeitarchivierung von Arbeitsprozessdaten ein Nischenthema, was sich aber in den nächsten Jahrzehnten als Bumerang auswirken könnte.

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These 1: Eine Archivieren von Berechnungsformeln reicht aus

Von den Fragen der Langzeitarchivierung sind nicht nur Wirtschaftsunternehmen mit ihren recht eigennützigen Interessen betroffen, sondern auch Kultur- und Bildungsträger. Seit einigen Jahren ist auch die Deutsche Bibliothek in Form von Forschungsprojekten in das Thema Langzeitarchivierung involviert. Im Unterschied zu unternehmerischen Strategien verdeutlicht sich hier, dass Langzeitarchivierung als ein Begriff mit mehreren Bedeutungen diskutiert wird.

Einigen Unternehmen, die Langzeitstrategien verfolgen, geht es darum, Daten und Informationen ohne Erhaltung der Form zu archivieren: Wenn die gleiche Berechnungsformel auf einem zukünftigen Rechnersystem erheblich schneller durchgeführt werden und auf die Dezimalstelle genau das gewünschte Resultat ergeben kann, wofür braucht man dann Auswertungen, Statistiken und Diagramme zu archivieren? In Zukunft lässt sich die Formel viel schneller berechnen und auswerten. Zur Kontrolle hebt man am besten noch die Resultate auf.

These 2: Generelles Rekonvertieren in 7 Bit ASCII

Mit Textdateien ist es nicht anders. Warum sollte eine Archivierung die Masse der Textdateien mit multiplen Formaten berücksichtigen? Die Parallelkonvertierung aller Texte in ein universales, rekonvertibles Dateiformat (z.B. 7-Bit ASCII für Texte) könnte den Archivierungsworkflow beschleunigen. In dieser Vorgehensweise spielen die teils proprietären Dateiformate für Langzeitarchivierung keine Rolle mehr. Die Form der Archivierung trennt rigide die Form vom Inhalt: Bewahrt wird der Inhalt, die Form ist passé.

OAIS - ein bibliothekarischer Ansatz der Langzeitarchivierung

Das europäische Open Archival Information System schlägt etwas anderes vor als eine Trennung von Inhalt und Form. Die OAIS-Archivierungsstrategie geht vom Konservieren des Originals aus - besonders im digitalen Kontext.

Der OAIS-Ansatz, der auch "relationaler Ansatz" genannte wird, teilt elektronische Dokumente in Klassen auf. Sie werden in heute anerkannte Dokumentstandards wie XML und SGML gespeichert und in der IT-Welt zur Analyse und Auswertung angewendet. Am Angreifbarsten scheint der neu geschaffene OAIS-Standard hinsichtlich seines Dokumentstandards zu sein. Wer kann garantieren, dass strukturierte Markup-Sprachen zur Archivierung in so langen Zeiträumen noch angewendet werden? XML gilt heute als Industriestandard, wird es aber auch die nächste IT-Revolution überdauern? Im OAIS-Standard, der im Red Book als Zukunftsstandard für die Dokumentation und Archivierung wissenschaftlicher Dokumente niedergelegt wurde, sind die Metadaten zur kennzeichnenden Beschreibung der Dokumente.

Archivierung durch Metadaten-Management

In HTML- und XML-Dokumenten werden Metadaten zur Niederlegung des Autornamens oder bedeutsamer Begriffe benutzt. Die Robots der Suchmaschinen durchforsten die Metadaten, um eine erste Orientierung über den Inhalt des Dokuments zu gewinnen.

Die Regularien der Dokumentenbeschreibung mithilfe von Metadaten legt der DublinCore fest. Das "DublinCore Metadata Element Set" stellt einen Satz von Metadaten zusammen, mit denen archivierbare Publikationen grundlegend beschrieben werden. Ein öffentlicher Schlüssel (Public Key), der jedes archivierte Dokument indiziert, garantiert Integrität von OAIS-Dokumenten. Die Authentizität kann sich sowohl über ein System von digitalen Signaturen als auch den Zeitstempel herstellen. Durch Indizierung, digitale Signierung und Zeitstempelvergabe kontrolliert das OAIS-System den internen Dokumentfluss.

Das OAIS-System. Eine Variante der Langzeitarchivierung

Der Open-Archive-Ansatz enthält Regularien für die Begleitung wissenschaftlicher digitalen Publikationen vom Autor bis zum Verwerter. Es scheint ihm aber an einem tragbaren Konzept für die Langzeitarchivierung der Veröffentlichungen zu fehlen. Offensichtlich verfügen nur Unternehmen, die einen akuten Bedarf an der langfristigen Wiederverwertbarkeit ihrer Informationsbestände haben, über die finanziellen Mittel und genügend Human Ressources zur Durchführung einer echten Langzeitarchivierungsstrategie.

Haltepunkte auf rutschigem Boden

Langzeitarchivierungstheorien sind Haltepunkte auf rutschigem Boden. Über die Beschaffenheiten der IT-Technologie von morgen lässt sich aus wissenschaftlicher und unternehmerischer Sicht kaum etwas aussagen. Obwohl die Mengen von Daten weltweit einem ständigen Prozess der Alterung und Zerstörung ausgesetzt sind, scheinen Langzeitarchivierungsstrategien lediglich vereinzelte Versuche zu sein, Aussagen über zukünftige Informationsprozesse zu machen.

Der Ansatz des europäischen Flugzeugbauers Airbus scheint geradezu klassizistisch das Neue im Alten zu beschwören. Transparenter im Hinblick auf das Dokumentmanagement erscheint das Open Archival Information System, das von der universellen Erfassbarkeit digitaler Dokumente durch Metadaten ausgeht und damit auf Netzwerke als zuverlässige Archivierungs- und Veröffentlichungstechnologien der Zukunft setzt.

Literatur:
Susanne Dobratz, Inka Tappenbeck: Thesen zur Langzeitarchivierung in Deutschland (besonders zum OAIS-Modell)
Borghoff, Rödig, Scheffcyzk, Schmitz: Langzeitarchivierung. Methoden zur Erhaltung digitaler Dokumente. Heidelberg: D.Punkt-Verlag 2003.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16566/1.html
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