Frauen ohne Kopftuch öffnen die "Türen des Bösen"

Florian Rötzer 22.01.2004

Der höchste muslimische Geistliche in Saudi-Arabien sieht die Scharia - und wahrscheinlich die Männerherrschaft - durch die vom Regime vorsichtig geförderte Emanzipation mancher Frauen gefährdet

Schwer lastet die Hand der mächtigen muslimischen Geistlichen, allesamt Männer, auf den Frauen. Der etwa in Deutschland und Frankreich entbrannte Kopftuchstreit findet auch in den arabischen Ländern statt. Offenbar scheint die verhüllte und weitgehend weggesperrte Frau für manche muslimische Männer noch immer der Garant ihrer Macht zu sein, weswegen vermutlich eine Demokratisierung der muslimischen Staaten notwendig einhergehen muss mit einer Trennung zwischen Staat und Religion, die Lösung vom Konzept der Scharia, die dem im Wege steht, und der Emanzipation der Frauen aus der Hand der Männer und aus der Verhüllung. Wird dieses Problem nicht gelöst, dürfte es auch schlecht für weitere Entwicklung in Afghanistan und im Irak aussehen.

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Der Bart dem Mufti, der Frau den Schleier

Sheik Abdulaziz bin Abdullah al-Sheik, der höchste Mufti Saudi-Arabiens, scheint in Sorge zu sein, dass sich der Zustand des Landes ändern und dem Zugriff der Geistlichen zunehmend entrutschen könnte. Als eine saudi-arabische Unternehmerin, sowieso wahrscheinlich schon wegen der Eigenständigkeit ein Affront, nun auch noch auf einer Konferenz es wagte, ohne Kopftuch und jede andere Verhüllung aufzutreten, warnte der Mufti davor, dass damit die "Tore des Bösen" geöffnet wurde. Die Kritik des Mufti wurde über die saudiarabische Presseagentur sozusagen offiziell bekannt gemacht.

Den Stein des Anstoßes lieferte Lubna Olayan, CEO des arabischen Unternehmens Olayan Financing Company und eine der führenden Business-Frauen des Landes (immerhin auf Rang 40 der Forbes-Liste der 50 mächtigsten Frauen außerhalb der USA). Auf dem 2004 Jeddah Economic Forum hatte sie die Eröffnungsrede - für manche Kommentatoren ein "historischer Schritt" - über die "saudische Vision des Wachstums" gehalten. Das sollte durchaus als Zeichen verstanden werden, denn es wurde von den Veranstaltern hervorgehoben, dass dieses Mal viele Frauen eingeladen wurden, um die wachsende Bedeutung der Frauen in der saudischen Wirtschaft zu würdigen. Am Forum nahmen neben führenden Geschäftsleuten aus aller Welt auch arabische Minister, Königin Rania von Jordanien, der libanesische Regierungschef Rafik Hariri, der tükische Ministerpräsident Tayyip Erdogan, Malaysias ehemaliger Regierungschef Mahatir oder Bill Clinton teil.

Olayan forderte in ihrer Rede "wechselseitige Anerkennung und Toleranz" für alle und die Möglichkeit, dass jeder, gleich ob Frau oder Mann, den Job finden kann, für den sie oder er am besten qualifiziert ist. Und sie verlangte eine ganze Reihe von Veränderungen und neuen Gesetzen: "Ohne einen wirklichen Wandel kann es keinen wirklichen Fortschritt geben. Wenn wir Fortschritt wollen, dann gibt es keine Alternative zur Veränderung." Allerdings meinte sie auch beruhigend, dass die Veränderungen so ausgeführt werden könnten, dass die "zentralen islamischen Werte" erhalten bleiben.

Dass noch viel zu verändern ist, zeigte allein schon der Umstand, dass der Konferenzraum durch einen Vorhang in einen Bereich für Frauen und Männer aufgeteilt war. Allerdings durften die Frauen auch in den Männerbereich gehen, was bereits als Fortschritt verstanden wurde. Aber nun forderte Olayan nicht nur Gleichberechtigung ein, sondern tat dies vor Frauen und Männern an einem öffentlichen Ort auch noch ohne jede Kopfbedeckung. Die Bilder von Olayan und anderen Frauen auf der Veranstaltung gingen auch durch die Medien. Das scheint den Mufti mitsamt dem Aufruf zur Modernisierung beunruhigt zu haben, der erklärte, dass solch unziemliches Verhalten für alle "verboten" sei:

Zeitungen veröffentlichten ihre Bilder in diesem Staat, was die Scharia verletzt. Ihrf Verhalten wurde als Beginn der Befreiung der saudischen Frauen dargestellt, als ob sie vom islamischen Recht eingeschränkt würden. Ich warne vor den schlimmen Folgen, die solche Verhaltensweisen haben werden. Mich schmerzt es, dass ein solches schamloses Verhalten ausgerechnet in Saudi-Arabien geschehen ist, dem Land der Zwei Heiligen Moscheen, dessen Führer immer die Scharia ohne Furcht vor Kritik befolgt haben.

Die Vermischung von Frauen und Männern auf der Tagung ist nach dem Mufti nicht statthaft, das Tragen eines Kopftuchs ist "von Gott angeordnet". Dazu zitierte er offenbar Koranstellen und Äußerungen des Propheten Mohammed. Er verlangte, dass die Frauen und die Organiatoren der Veranstaltung das Geschehene wieder richtig stellen.

Immerhin hatte der Ausbruch des Mufti unterschiedliche Reaktionen und vor allem auch Kritik hervorgerufen. Kronprinz Abdullah bin Abdul Aziz war genötigt, sich einzuschalten. Er mäßigte die Erwartungen der Frauen und versuchte, die konservativen Männer zu beruhigen, dass alles nicht so schnell geschehen werde, gleichwohl: "Die Veränderungen sind unterwegs. Wir gehen mit den Veränderungen voran, aber wir müssen dies Schritt für Schritt tun."

Vorsichtig wurden vom Königshaus einige Reformen eingeleitet, nachdem der einst wichtigste Partner der USA wegen der Verbindungen mit fundamentalistischen Muslims und al-Qaida mehr und mehr unter Druck steht. Saudi-Arabien hatte als einziges Land seiner Zeit das Taliban-Regime anerkannt. Mit der von Bush so genannten "Vorwärtsstrategie der Freiheit im Nahen Osten", also dem militärischen Sturz des Hussein-Regimes und der Absicht, das Land vorbildlich im Rahmen einer Dominostrategie als Zünder für die gesamte Region zu demokratisieren, erkennt die herrschende Clique, dass sie nun von zwei Seiten unter die Räder geraten könnte. Aber ob sich die Ansichten der umhegten Fundamentalisten, aus denen sich auch al-Qaida genährt hat und die zunehmend gegen das korrupte, mit dem Westen verbandelte Regime eingestellt sind, mit dem Druck auf Verwestlichung und Liberalisierung ohne Knall versöhnen lassen, bleibt fraglich.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16586/1.html
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